Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1986 Heft 05 (05)

zeugerpreis auszahlen, weil ihr die
Kostendifferenz im Weg eines Preis¬
ausgleichsystems vom Milchwirt¬
schaftsfonds ersetzt wird.
Gespeist wird der Preisausgleichs¬
topf durch einen Zuschlag zum
Trinkmilchpreis. Die Milchtrinker
subventionieren also gewissermaßen
die Butter- und Käseesser. Das Preis¬
ausgleichssystem ist bereits so kom¬
pliziert geworden, daß es nur noch
einer geringen Zahl von Experten voll
verständlich ist. Es wäre daher
durchaus sinnvoll, Überlegungen an¬
zustellen, wie dieses System verein¬
facht werden kann.
Eine völlige Aufgabe des Preisaus¬
gleichs würde zu Lasten der bäuerli¬
chen Produzenten in den Grünland¬
gebieten gehen, da in den am Markt
erzielbaren Preisen für Butter und
Käse die derzeitigen Erzeugerpreise
für die verwendete Milch keine Dek-
kung finden würden.
Die Eingriffe in das Marktgesche¬
hen durch die Agrarmarktordnung
gehen jedoch im Milchbereich noch
viel weiter. Den Molkereien sind Ein¬
zugs* und Versorgungsgebiete zu¬
gewiesen. Innerhalb der Einzugsge¬
biete müssen sie die gesamte von den
Erzeugern angelieferte Milch über¬
nehmen. Dies sichert den Produzen¬
ten den Absatz, bindet sie aber an den
zugeordneten Verarbeitungsbetrieb.
Die Molkereien können die angelie¬
ferte Milch nicht nach eigenem Gut¬
dünken verwerten beziehungsweise
verarbeiten. Sie sind an Produktions¬
auflagen des Milchwirtschaftsfonds
gebunden. Ein Betrieb, derein neues
Produkt erzeugen will, braucht dazu
also eine Genehmigung des Fonds.
Hinter dieser Regelung steht die
Überlegung, die Erzeugung be¬
stimmter Produkte auf Schwer¬
punktbetriebe zu konzentrieren, da¬
durch optimale Betriebsgrößen zu er¬
reichen und Transportkosten zu mi¬
nimieren.
Dem steht der Nachteil gegenüber,
daß die Betriebe an der freien Gestal¬
tung der Produktenpalette zur Nüt¬
zung von Marktchancen gehindert
sind.
Es sollte überlegt werden, diese
Regelungen aufzulockern und den
Betrieben einen gewissen Ent¬
scheidungsspielraum zu geben.
Das gleiche gilt für die bestehende
Beschränkung der Absatzmöglich¬
keiten. Die Betriebe dürfen ihre Pro¬
dukte, ausgenommen Käse und
Fruchtjoghurt, nur in den ihnen zu¬
gewiesenen Versorgungsgebieten
verkaufen. Auch daraus ergibt sich
eine Beschränkung des Wettbewerbs
und eine Begrenzung in der Nützung
von Marktchancen.
Aktuelle Probleme
In allen drei der Marktordnung un¬
terliegenden Bereichen hat sich das
Ungleichgewicht zwischen Entwick¬
lung der Produktion und der Nach¬
frage in den letzten Jahren verschärft.
Die Kosten der Überschußverwertung
sind dramatisch angestiegen.
Im Jahr 1985 wurden 230.000
Schlachtrinder exportiert, das waren
doppelt soviel wie fünf Jahre vorher.
Die dafür nötigen Exportstützungen
sind in diesem Zeitraum von 677 Mil¬
lionen auf 1,3 Milliarden Schilling pro
Jahr angestiegen. Der Angebots¬
druck hat hier allerdings die Entwick¬
lung des Preisniveaus gedämpft, so
daß sich günstige Auswirkungen für
die Konsumentenpreise ergaben.
Immer schwieriger wird die Situa¬
tion bei Getreide. Der Getreidemarkt
hatte bisher eine agrarpolitische
Schlüsselfunktion. Da für Getreide
weitgehende Absatz- und Preisga¬
rantie ohne Mengenbegrenzung be¬
steht, wurde es zum zentralen Über¬
schußventil für den Pflanzenbau. Dies
hat zu einer beträchtlichen Produk¬
tionsausweitung geführt. Seit 1970 ist
die Ernte von 3,5 auf 5 Millionen Ton¬
nen gestiegen.
Seit 1976 werden jährlich steigende
Mengen exportiert. Weil dafür immer
höhere Exportsubventionen notwen¬
dig sind, wurde seit 1979 eine Mit¬
finanzierungsverpflichtung der Bau¬
ern eingeführt, welche die Hälfte der
Subventionserfordernisse abdecken
soll.
Der jährlich zu exportierende Ge¬
treideüberschuß ist in den letzten vier
Jahren von 280.000 auf mehr als
1 Million Tonnen gestiegen. Das ist
bereits ein Fünftel der Produktion
und entspricht einer Anbaufläche
von etwa 200.000 Hektar.
Jährlich rechnet man mit einem
weiteren 2%igen Produktionszu¬
wachs, das wären 87.000 Tonnen pro
Jahr.
Durch den Verfall des Dollarkur¬
ses und gleichzeitig sinkende Welt¬
marktpreise ist die Situation im letz¬
ten Jahr besonders prekär geworden.
Während in den letzten Jahren im
Durchschnitt je Tonne eine Export¬
stützung von 1400 S erforderlich war,
etwa ein Drittel des Erzeugerpreises,
ist das Stützungserfordernis heuer
auf 2800 S je Tonne gestiegen.
Der Export der Überschüsse aus
der Getreideernte 1985 wird insge¬
samt über 3 Milliarden Schilling an
Exportsubventionen erfordern.
Die aus Beiträgen der Bauern und
aus Bundesmitteln zur Verfügung
stehenden Mittel reichen bei weitem
nicht mehr aus. Für den Export der
Überschüsse aus der Ernte 1985 feh¬
len noch mehr als 1 Milliarde Schil¬
ling, für die Exporte aus der Ernte
1986 voraussichtlich weitere 1,5 Mil¬
liarden Schilling.
Diese Finanzierungslücken kön¬
nen nur durch Erschließung zusätzli¬
cher Beiträge der Erzeuger über¬
brückt werden, wobei jedenfalls auch
mit einer zusätzlichen Belastung des
Bundeshaushalts zu rechnen ist.
Der jährliche Milchüberschuß be¬
läuft sich auf 500.000 Tonnen. Das ist
rund ein Fünftel der Produktion be¬
ziehungsweise 28% des Inlandsbe¬
darfs. Die seit 1978 eingeführte Kon¬
tingentierung wirkt einem weiteren
Produktionsanstieg entgegen.
Dennoch ist der Stützungsbedarf
für die Exporte stark gestiegen. Wäh¬
rend im Wirtschaftsjahr 1978/79 mit
1,3 Milliarden Schilling das Auslan¬
gen gefunden wurde, sind im Wirt¬
schaftsjahr 1985/86 3,3 Milliarden
Schilling erforderlich. Davon zahlen
2 Milliarden Schilling der Bund und
1,3 Milliarden Schilling die Bauern.
Ursache dieser Entwicklung ist die
steigende Differenz zwischen Welt¬
marktpreis und höherem Inlands¬
preis. Betrug die Exportstützung bis
zum Wirtschaftsjahr 1982/83 etwa
3,80 S je Kilogramm (in Form von
Milchprodukten) exportierter Milch,
so ist sie im Wirtschaftsjahr 1985/86
auf 6,80 S angestiegen. Die Stützung
liegt damit bereits um etwa 2 S über
dem Preis, den der Milchproduzent
erhält. Oder, anders ausgedrückt, aus
dem Exporterlös kann nur noch ein
Teil der Verarbeitungskosten gedeckt
werden. Der Rest und die vollen Roh¬
stoffkosten müssen subventioniert
werden.
Zunehmende
Subventionen
Das Ansteigen der Exportstützun¬
gen machte eine starke Erhöhung der
Beiträge der Milchproduzenten zur
Exportstützung notwendig. Dies
führte zu einer Erlösverschlechte¬
rung für die Milchlieferanten und war
Ursache der Bauernunruhen in den
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