Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1986 Heft 05 (05)

düngen zuungunsten des ein¬
zelnen Dienstnehmers.
Es darf aber nicht überse¬
hen werden, daß dem einzel¬
nen Dienstnehmer damit nur
teilweise geholfen ist. Der Be¬
triebsinhaber ist bekanntlich
ja nicht verpflichtet, sich von
der Einhaltung der Bestim¬
mungen des Arbeitsverfas¬
sungsgesetzes oder der Ge¬
schäftsordnung des Betriebs¬
rats zu überzeugen. Schlim¬
mer noch - für ihn genügt die
Mitteilung des Betriebsrats¬
obmanns von der beschlosse¬
nen Zustimmung, was auch
dann gilt, wenn der Betriebs¬
ratsobmann etwa sein Be¬
triebsratskollegium mit dieser
Frage überhaupt nicht befaßt
hat!
Diese Rechtslage kann die
strengste Betriebsrats-Ge¬
schäftsordnung weder besei¬
tigen noch mildern.
Daß also, wenn es um die
materielle Existenz eines
Dienstnehmers geht, die Vor¬
gangsweise des Betriebsrats
durch nichts und niemand
überprüfbar ist, egal von wel¬
chen Motiven der Betriebsrat
sich dabei hat leiten lassen,
betrachte ich angesichts un¬
seres Rechtssystems, auf das
wir durchaus stolz sein dürfen,
als geradezu himmelschrei¬
end. Dr. Hans Hafner, Graz
Abgeordneter zum Nationalrat
'AW'
Rezension einer Rezension
Buchbesprechungen sollen
den Leser der Rezension mög¬
lichst zur Lektüre des darin
besprochenen Buches verlei¬
ten. Eine Buchbesprechung,
die weitgehend bestrebt ist,
den Inhalt nachzuerzählen,
wird diesen Anspruch kaum
erfüllen. Der Verfasser einer
Rezension hat einen Stand¬
punkt, er ist also bei der Buch¬
besprechung subjektiv. Dage¬
gen ist nicht nur nichts einzu¬
wenden, sondern das würzt
die Sache sogar. Selbstver¬
ständlich kann es dabei vor¬
kommen, daß sich der Rezen¬
sent mit dem Buchautor in der
von diesem vertretenen Auf¬
fassung der Dinge identifiziert.
Auch das ist natürlich und
selbstverständlich. Wenn al¬
lerdings der Rezensent dar¬
aufhin dem Autor Objektivität
und Allgemeingültigkeit seiner
Meinung bescheinigt, dann ist
das zwar vielleicht auch noch
natürlich, aber keineswegs
mehr selbstverständlich und
schon gar nicht richtig.
Felix Butschek hat in der
Besprechung des Buches
»Bleibende Werte - verbli¬
chene Dogmen« von Thomas
Nowotny (A&W 2/86) mit die¬
sem Objektivierungstrick ge¬
arbeitet. Nowotny »geht in
seiner umfassenden Bestands¬
aufnahme der zeitgenös¬
sischen Sozialdemokratie von
den neuerdings großen Er¬
folgen austromarxistischer
?Klassiker«... aus«. Und was
bescheinigt ihm Butschek zu
diesem Anlauf? »Ganz korrekt
sieht er darin eine romanti¬
sche Sehnsucht nach Reinheit
der Lehre«, meint der Rezen¬
sent. Ganz korrekt? Es ist
schon richtig, man kann eine
subjektive Meinung, und um
eine solche handelt es sich ja
wohl, korrekt formulieren.
Aber das will der Rezensent
gar nicht ausdrücken: Korrekt
steht bei ihm für- richtig. Und
das könnte den naiven Leser
zur Fehlmeinung verleiten,
hier sei objektiv die Wahrheit
gesagt worden, obwohl es
sich einfach um die subjektive
Auffassung des Herrn No¬
wotny handelt, die Herr But¬
schek teilt.
So geht es also nicht. Aber
in der Buchbesprechung ist
damit ein Anfang gemacht,
und im weiteren Verlauf soli¬
darisiert sich der Rezensent
dann mehrmals mit der Mei¬
nung des Autors. Wogegen
nichts einzuwenden wäre,
hätte nicht einleitend der Ver¬
such scheinbarer »Objektivie¬
rung« stattgefunden.
Der Leser erhält nun einige
»Einsichten« vorgesetzt, die
zwar zur Not korrekt formu¬
liert, aber inhaltlich doch wohl
anfechtbar sind. Im »histori¬
schen Sinn bilden Sozialde¬
mokratie wie Unternehmer
eine Einheit«, von der nur der
Werktätige weniger entzückt
sein dürfte als der Unterneh¬
mer. Und dann »zieht der Au¬
torden Schluß, daß Revolution
wie Verstaatlichung zu den
»verblichenen Dogmen« zäh¬
len, weil... keine ... Verände¬
rung der Gesellschaftsord¬
nung der Gesellschaft ange¬
strebt wird.« Da fällt, was die¬
sen Schluß betrifft, Butschek
hinter das sozialistische Par¬
teiprogramm zurück, und die
Formel »Revolution wie Ver¬
staatlichung« fügt sich wie
konkav und perplex.
Schließlich sorgt der Rezen¬
sent auch noch für soziologi¬
sche Innovation: Die eine oder
andere Politmode scheint ihm
»in neuen Klassen angesiedelt
zu sein«, und diese neuen
Klassen - wie heißt doch der
Plural von Djilas? - scheinen
sich ihm rund »um das Ge-
sundheits- und Erziehungs¬
wesen, vor allem aber in den
Massenmedien« gebildet zu
haben. Wie hier der Gruppen-,
Kasten- oder gar nur Cliquen¬
begriff zur Kategorie Klasse
aufgeschäumt wird, das ist
freilich klaß.
Daß Intellektuelle die »vor¬
ausreitenden Boten, Vor¬
trupps und Herolde neuer
Machthaber« sind, bedarf we¬
niger der Prophetie als des
Rückblicks, nämlich auf das
Jahr 1938, das klargemacht
hat, wie wenig intellektuell In¬
tellektuelle manchmal zu sein
vermögen.
Der Schlußgedanke, in den
die Rezension und vielleicht
auch das besprochene Buch
mündet, verdient zitiert zu
werden: »Es gilt den Fort¬
schritt eines Jahrhunderts
durch Verbesserung zu be¬
wahren.« Wie bewahrt man
einen Fortschritt? Indem man
ihn weiter vorankommen läßt?
Oder indem man ihn als Fort¬
schritt konserviert, womit er
allerdings korrekt aufhören
würde, ein Fortschritt zu sein?
Man sollte dazu Nowotny oder
Butschek fragen, wie das ge¬
meint ist. Bei Tucholsky fände
sich sogar eine korrekt pas¬
sende Antwort: »Jein«.
Hugo Pepper, Wien 14
'AW
Bewahrung des Fortschritts
Mit hohem Interesse habe
ich dem Kommentar Peppers
entnommen, welch subtiler
Methoden ich mich bediene,
um im Leser den Eindruck ab¬
soluter Objektivität meiner
Aussagen hervorzurufen. Nai¬
verweise hätte ich angenom¬
men, daß die Subjektivität ei¬
nes Rezensenten in jedem von
ihm geschriebenen Wort zum
Ausdruck kommt, auch in
»korrekt«. Doch ist nach die¬
ser Information Peppers
meine Hochachtung vor mir
beträchtlich gestiegen. Frei¬
lich wäre dieser Umstand eine
Replik nicht wert, auch nicht
die Vermutung, daß Pepper
einen »Aufhänger« suchte,
weil ihm »die ganze Chose
nicht paßte«, wäre da nicht die
Bemerkung darüber, wie man
»den Fortschritt bewahrt«?
Nun, zunächst hat Pepper
nicht richtig zitiert. Ich schrieb,
es gelte »den Fortschritt eines
Jahrhunderts durch Verbes¬
serung zu bewahren«, womit
doch wohl ein sehr konkreter
Begriff umschrieben ist! Wei¬
ters scheint mir aber gerade
darin die zentrale Aufgabe der
Sozialdemokratie zumindest
in diesem Jahrzehnt zu liegen.
Denn faktisch ist der zitierte
Fortschritt, also der umfas¬
sende Ausbau des Wohl¬
fahrtsstaats, mit allen seinen
egalitären Implikationen, in
manchen Ländern heute ge¬
fährdet. Man sähe die Pro¬
bleme zu vordergründig,
wollte man meinen, dies ge¬
schähe nur deshalb, weil in
den USA und England das
Böse sein Haupt erhoben hät¬
te. Das Entstehen dieser politi¬
schen Strömungen hängt zu¬
mindest teilweise damit zu¬
sammen, daß der Ausbau des
Wohlfahrtsstaats schließlich
auch immer stärker spürbare
Belastungen mit sich brachte,
wie sie sich beispielsweise in
einer ständig steigenden Ab¬
gabenquote und trotzdem
auch aus diesem Grund wach¬
senden Budgetdefiziten aus¬
drücken, die ihrerseits wieder
zu immer stärkerer Zinsenbe¬
lastung der öffentlichen
Haushalte führen.
Es wird daher nicht genü¬
gen, wenn die Sozialdemokra¬
tie versucht, die auf die Zerstö¬
rung des Wohlfahrtsstaats ge¬
richteten Bemühungen poli¬
tisch abzuwehren, sondern sie
wird darüber nachzudenken
haben, welches Ausmaß und
welche Form staatlicher Vor¬
sorge dem einzelnen Bürger
wie der gesamten Volkswirt¬
schaft zweckmäßig und trag¬
bar erscheint. In diesem Be¬
mühen wird man eher manche
gewohnten Denkbahnen ver¬
lassen und viele Veränderun¬
gen des letzten Jahrhunderts
analysieren müssen; dazu eine
Fülle von Anregungen gelie¬
fert zu haben, ist das Verdienst
von Nowotnys Buch!
Felix Butschek
5/86 aiHbrirwirtsriiafl 5
        

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