Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1988 Heft 10 (10)

Da ist noch viel zu tun ...
Konsumentenschutz und Medizin
Rein rechtlich gibt es im Prinzip keinen
Unterschied zwischen der Reparatur der Lenkung
beim Auto und der »Krone« oder Zahnersatzrepa¬
raturen im eigenen Mund.
Aber papierenes Recht und
Alltagswirklichkeit klaffen oft
weit auseinander. Das belegt
ein Blick in die Wartezimmer¬
praxis von Ärzten oder Zahn¬
ärzten: viele der sonst, egal ob
beim Automechaniker, Installa¬
teur oder Fliesenleger, recht
selbstbewußten Konsumenten
sind dann plötzlich kleinlaut,
klamm und still. »Im Behand¬
lungsstuhl schmilzt aller
Schmäh«, so ein recht promi¬
nenter Zahnarzt, der gar nicht
gern genannt werden will, da
ihm seine Ehrlichkeit schon ge¬
nug Scherereien mit seiner
»Standesvertretung« eingetra¬
gen hat. »Im Behandlungs¬
stuhl werden die vorlauten
Drängier und Gschaftlhuber
recht still, klein und schüch¬
tern.«
Da erkennt man sich
recht rasch wieder,
stimmt's?
Dabei gibt es - entfernt man
sich ein bißchen aus Europas
Herz — recht einschneidende
Unterschiede. In Nordamerika
ist der Arzt nicht der »Halbgott
im weißen Kittel«, sondern ein
recht pragmatischer, nüchter¬
ner Wirtschaftspartner des
Konsumenten. Viele Zahnärzte
sind zum Beispiel rund um die
Uhr bereit. Bereit, auch dem
an Zahnschmerzen leidenden
Patienten ein ähnliches Ser¬
vice zu bieten wie der Friseur.
Daß ohne Rücksprache im
Mund herumgebohrt würde,
das ließe sich kein New Yorker
Zahnarzt einfallen. Vor allem
auch deshalb nicht, weil sich
das kein Patient gefallen ließe.
Unbefriedigende
Erfahrungen
Mißliche Erfahrungen mit
Ärzten sind in unserem Land
(aber in Deutschland etwa ist
es auch nicht anders) offenbar
an der Tagesordnung. Man ist
froh, wenn man überhaupt ei¬
nen Arzt gefunden hat, dem
man halbwegs vertraut. So
das Resümee einer Veranstal¬
tung in der VHS Floridsdorf im
heurigen Frühjahr, ähnlich wa¬
ren die Konsumentenmeinun¬
gen früherer Diskussionveran¬
staltungen zu diesen Themen.
Forscht man näher nach, er¬
weist sich dieses mangelnde
Bewußtsein der Konsumenten
von ärztlichen Dienstleistun¬
gen auch als Selbstbewußt¬
seinsproblem. Zwar ist das
Rechtsverhältnis zwischen
Arzt und Patient (Konsument)
eindeutig und unabhängig von
allen Versicherungen. Aber es
hat sich offenbar eingebür¬
gert, drittfinanzierte ärztliche
Dienstleistungen (also die ärzt¬
liche Dienstleistung auf Kran¬
kenkasse) passiv und ein bis-
serl »verschämt« zu sehen.
der Behandlungsplatz für
den betroffenen Bedürftigen
knapp. Wer verkühlt und hu¬
stend zum Arzt geht, ist oft froh,
wenn die Arzthilfe, meinetwe¬
gen die Frau des Arztes, das
Rezept zur heilenden Medizin
ausstellt. Eine Minute viel¬
leicht, die die Krankenkasse
dann ein paar Hunderter ko¬
stet . . .?
Da stimmt doch was nicht.
Eben: das Verhältnis stimmt
nicht so recht. Für ein banales
Rezept, eine Medizin, die viel¬
leicht 35 S kostet, soll man
selbst mehr als 20 S zahlen
und mehr als 200 S über die
Sozialversicherung an den
Arzt bezahlen (müssen)...?
Die im Hintergrund bleiben¬
de Drittfinanzierung von Ge¬
sundheitsdienstleistungen ist
sicherlich ein Problem für An¬
bieter wie Nachfrager. Das
zweite Problem sind die an
Zahl relativ geringen Dritt-
finanzierungsberechtigten
(sprich: mit Krankenkassen¬
verträgen ausgestatteten Ärz¬
te).
Aber es gibt noch ein drittes
Problem: das mangelnde qua¬
litative Dienstleistungsbe-
Konsument
(Patient)
Dienstleister
(z. B. Arzt)
rechende Zahlung sind niLeistung u bewußt
»Zahlender«
(Krankenkasse)
Durch das »weggeschaltete« Zahlungsbewußtsein entsteht
letztlich Abhängigkeit.
Ärzte und »Patienten« ver¬
stehen die Sozialversicherung
als eine - im konkreten Fall -
unbekannte Größe (oder »an¬
onyme« Einrichtung), die be¬
zahlt und wo man, als Patient,
froh ist, daß bezahlt wird.
Knappes Angebot
bringt keine Qualität
Trotz der in den Medien be¬
richteten Ärzteschwemme ist
wußtsein der Patienten/Konsu¬
menten. Wer traut sich schon,
einen Arzt auf Mängel,
Schwachstellen usw. hinzu¬
weisen ...?
Nachfragen, Reklamieren -
beim Installateur ja, beim
Arzt...? Eher: Nein. So die
Stimmung bei der VHS-Veran¬
staltung in Floridsdorf. Lieber
nicht, weil eine schlechte ärztli¬
che Dienstleistung noch immer
besser ist als gar keine! So die
Meinung im Publikum. Wobei
man aber selbst weiß, daß die¬
se Meinung an sich nicht rich¬
tig, sondern nur eine notge¬
drungen gebildete ist...
Was wünschenswert
wäre
Wohl mehr Kostenverständ¬
nis. Patienten/Konsumenten
sollten wissen können und
dürfen, was die Inanspruch¬
nahme desArztes kostet. Dazu
müßte die Sozialversicherung
mehr Information schaffen.
Eine Nachricht darüber, was
die Versicherung, die man
schließlich selbst bezahlt hat,
letztlich dem Arzt überwies,
wäre wünschenswert. Und dar¬
über sollte diskutiert werden,
ob zum Beispiel eine viertel¬
jährliche Information der be¬
zahlten Kosten an den Versi¬
cherten (sprich: Konsumenten
einerseits, Versicherten ander¬
seits) hier nicht sinnvoll wäre,
da sie Kosten und Leistungen
des Versicherers klarmachen
würde.
Mit so einer Kostenüber¬
sicht in der Hand würde dem
Konsumenten bewußt, was
die ärztliche Leistung nun
wirklich gekostet hat!
An sich, im Zeitalter der
Transparenz und Information,
eine Selbstverständlichkeit und
das mitunter dagegen einge¬
brachte Argument, daß sich
manche Patienten dafür genie¬
ren und teure Leistungen (ob-
schon ihr Recht) meiden wür¬
den, eher fehl am Platz. So eine
Übersicht wäre außerdem ein
relativ billiges und glaubwürdi¬
ges Leistungsdarstellungsmittel
der Krankenkassen. Im Com¬
puterzeitalter überdies keine
Hexerei.
Mehr kassen-
berechtigte Ärzte?
Abgesehen von Minderhei¬
ten, geht wohl kein vernünftiger
Mensch zum Arzt, wenn er
nicht muß. Das ist die eine Sei¬
te. Die andere: Ärzte (die man
über die Krankenkasse in An¬
spruch nehmen kann) sind
knapp. Massenbetrieb ist an
der Tagesordnung, Anstellen,
Verwarten von Zeit, schlech¬
te Wartezimmerorganisation
usw., weil es dem Arzt meist
18 artM^twirtsdyift 10/88
        

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