Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1994 Heft 05 (05)

im Ausmaß von 2,3 Milliarden
Schilling wirkten auch die Ein¬
sparungen bei den Zinsenzah¬
lungen für die Finanzschuld.
Ausschlaggebend dafür war das
sinkende Zinsniveau.
Die Ausgaben des Budgets
1993 lagen um 11,3 Milliarden
Schilling über dem Voran¬
schlag. Etwa drei Milliarden
Schilling davon entfallen auf
Überschreitungen bei den Per¬
bedingte Anstieg der Arbeitslo¬
sigkeit. Höhere Ausgaben fielen
auch beim Familienlastenaus-
gleichsfonds an: 3,2 Milliarden
Schilling infolge der Änderung
des Auszahlungsverfahrens bei
den Familienbeihilfen, 0,5 Mil¬
liarden Schilling bei den
Schülerfreifahrten, 0,9 Milliar¬
den Schilling bei den Pensions¬
beiträgen für das Karenzur¬
laubsgeld. Die Überweisungen
SN
Bei den ÖBB waren erhebliche Einnahmenausfälle zu verzeichnen
(-3,7 Milliarden Schilling)
%
Die Zahl der Pensionsempfänger ist gestiegen
sonalausgaben, die darauf
zurückzuführen sind, daß der
Lohnabschluß zu diesem Zeit¬
punkt nicht bekannt war und
daher nicht in voller Höhe bud-
getiert wurde. Eine weitere Ur¬
sache ist der Anstieg der Pen¬
sionsempfänger und der Ne¬
bengebühren. Letzterer war
deutlich stärker als der der allge¬
meinen Lohnerhöhung. Über¬
durchschnittlich stark war auch
der Anstieg des Personalauf¬
wandes für die Landeslehrer.
Sozialbereich
Besonders hoch fielen die
Mehrausgaben im Sozialbe¬
reich, insbesondere in der Ar¬
beitslosenversicherung aus (6,6
Milliarden Schilling). Die Ur¬
sache dafür ist der konjunktur-
an die Arbeitsmarktverwaltung
waren hingegen um über 3 Mil¬
liarden Schilling niedriger. In
der Pensionsversicherung kam
es zu Mehrausgaben von über 2
Milliarden Schilling für die
Ausgleichszulagen und für
Überweisungen an die Sozial¬
versicherungsanstalten der Bau¬
ern und Gewerbetreibenden.
Dadurch, daß im Budget¬
vollzug des Vorjahres die kon¬
junkturbedingten Einnahmen¬
ausfälle und Mehrausgaben
(automatische Stabilisatoren)
zugelassen wurden, hat das
Budget zur Verhinderung eines
noch stärkeren Konjunkturein¬
bruches beigetragen. Dadurch
können etwa zwei Drittel des
Defizitanstieges von 64 auf
über 98 Milliarden Schilling er¬
klärt werden.
SEITENBISSE
Der Weitblick
des Adlers
Hübsche Frauen, denen auf
der Straße ein murmelnder
Mann folgt, sportlich braun¬
gebrannt, randlose Brille mit
zarter Goldfassung, der
Gang federnd oder fast raub-
katzenartig, wissen es längst
aus Erfahrung: Der Mann hat
keineswegs die Absicht, ei¬
nen Straßenflirt einzuleiten,
sondern spricht in sein Hand¬
telefon. Und die Anweisun¬
gen, die er auf diese Art wei¬
tergibt, sind aus jenem Stoff,
der die Wirtschaftswelt ver¬
ändert, manchmal sogar aus
den Angeln hebt: »Hong¬
kong-Aktien abstoßen, Sin-
gapur-Papiere kaufen. Auf
kanadisches Holz konzen¬
trieren, chinesische Räu¬
cherstäbchen schwelen las¬
sen.«
Große Industrielle haben den
Weitblick des Adlers, scharf,
kühn, gipfelstürmend. Mit ei¬
nem Auge beobachtet der In¬
dustrie-Adler seine Monats¬
bilanz, mit dem anderen die
Bilanzen der weltweiten Kon¬
kurrenz. Das Gehirn des In¬
dustriellen gleicht einem
Großrechner, der synchron
in zehn verschiedenen
Währungen rechnet. Der
Kurs, dem der Industrielle
unbeirrt folgt, ist der Börsen¬
kurs.
Entsprechend kühn sind
auch die Strategien, die er
verfolgt. Arbeitszeitverkür¬
zung mit Lohnabstrichen ist
der letzte Schrei. 4-Tage-
Woche plus Wochenend¬
schicht, die Maschinen müs¬
sen laufen und laufen. Über¬
zeugend.
Oder doch nicht? Denn
schon springt der zweite In¬
dustrielle in den Ring, hohn¬
lachend, denn seine Strate¬
gie ist noch kühner: Nichts da
mit kürzerer Arbeitszeit, heißt
die Maxime, ganz im Gegen¬
teil: Länger arbeiten ist ange¬
sagt. Weg mit den überflüssi¬
gen Feiertagen, Ostern und
Weihnachten kann auch ge¬
meinsam gefeiert werden.
Weihnachtsmänner lassen
sich mit geringem Aufwand
mit Hasenohren ausstatten.
Überzeugend.
Hier allerdings beginnt der
geübte Beobachter in dump¬
fes Grübeln zu verfallen:
Länger arbeiten, kürzer ar¬
beiten, wie paßt das zusam¬
men? Kann es wirklich sein,
daß die Adler in Wirklichkeit
gar keine Strategie haben?
Daß sie gar nicht die kühnen
Adler sind, sondern einfache
Hühner, die rat- und kopflos
im Hühnerhof durcheinan¬
derlaufen?
Das darf doch einfach nicht
wahr sein, daß unsere Illusio¬
nen plötzlich wie Seifenbla¬
sen zerplatzen. Schade, daß
wir über dieses Thema nicht
weiter nachdenken können.
Denn unser Handtelefon läu¬
tet. Zeit, unsere heutigen
Direktiven weiterzugeben.
Also:
Hongkong abstoßen. China
weiter beobachten.
w. b.
Neben den automatischen
Stabilisatoren ergriff der Bund
aber auch eine Reihe von kon¬
junkturstützenden Maßnah¬
men im Bereich der Investiti¬
onsförderung. Das Familienpa¬
ket 1993, das auf ein Erkennt¬
nis des Verfassungsgerichtsho¬
fes hin beschlossen wurde und
zu einer Erhöhung der Kinder-
absetzbeträge führte, wirkte
ebenfalls konjunkturstützend.
Insgesamt dürfte damit das
Budget 1993 konjunkturstabi¬
lisierend gewirkt haben. Da wir
aber mit dem Budgetergebnis
1993 doch sehr deutlich vom
Konsolidierungskurs abgekom¬
men sind, wären Analysen,
die sich mit den Abweichungen
vom geplanten Budget aus¬
einandersetzen, dringend erfor¬
derlich.
Bruno Roßmann
5/94 urteil Wirtschaft 15
        

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