Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1996 Heft 02 (02)

WIRTSCHAFT Harte Auseinandersetzungen Insgesamt geht es um ein Ein¬ sparungsvolumen von rund 2 Prozent des europäischen BIP. Das geht jeden¬ falls nicht ohne harte politische Ausein¬ andersetzungen ab, wie man sie in Frankreich beobachten konnte. Budget¬ maßnahmen, so sagen uns die verant¬ wortlichen Politiker selbst, muß man spüren, sonst sind sie unwirksam. Das Fatale ist die Synchronisierung. Wenn jedes Land für sich, zum Beispiel in Zei¬ ten günstiger Exportkonjunktur, sein Oberster Gesichtspunkt aller Ma߬ nahmen muß sein, daß die Wettbe¬ werbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft, ich meine damit nicht jedes einzelne Unternehmen, sondern die Ge¬ samtwirtschaft im Durchschnitt, keinen Schaden nimmt. Das ist eine Art stati¬ scher Gesichtspunkt. Zweitens: Gleichrangig müssen die dynamischen Chancen, die sich Oster¬ reich gerade jetzt bieten, genutzt wer¬ den können. Dazu sollten wir uns viel¬ leicht doch noch ein bißchen präzisere Zielvorstellungen machen, wohin wir I JQfv* * * • • WBBm Wir gelten als Tourismusnation, aber wir betreiben kaum technology transfer für Tourismus Budget sanieren würde, wäre das kein Problem für die Konjunktur und die Be¬ schäftigungslage. Wenn Europa eine boomende Weltkonjunktur beliefern könnte, auch weniger. Das Export¬ wachstum der Industrieländer wächst nach den Prognosen weiterhin rasch, aber immerhin langsamer als bisher, weil die amerikanische Inlandsnachfrage und der Automobilmarkt sich abschwächen werden. Meine Zweifel über die europäische Konjunktur sind sehr ausgeprägt. Sie werden übrigens nicht geringer, wenn ich an die Persönlichkeiten denke, die in Zukunft Europa lenken werden. Sie werden schon gar nicht geringer, wenn ich an Österreich denke. eigentlich steuern wollen. Ich will diese Debatte nicht ins philosophische und nicht ins Volkskundliche ausweiten. Ich kann da der Diagnose eines Aus¬ landsösterreichers, Hans-Peter Martin, folgen, der heute in der Zeitung schreibt, welche Bedrohung von der ty¬ pischen Introvertiertheit Österreichs heute, im Zeitalter der Globalisierung, ausgeht. Auf der rein ökonomischen Ebene bedeutet das, daß Österreich noch einen gewaltigen Aufholbedarf bei der inter¬ nationalen Vermarktung seiner Indu¬ strieprodukte und noch viel mehr seines hochwertigen Know-how hat. Das drückt sich im Leistungsbilanzdefizit aus. Wir liefern noch immer weit weniger Industrieprodukte auf die Wachstums¬ märkte der Welt als andere europäische Kleinstaaten, trotz erstaunlicher Lei¬ stungen vieler Unternehmen im einzel¬ nen. Diese zahlreichen eindrucksvollen Erfolge geben mir aber die Gewißheit, daß noch viel mehr möglich wäre, tech¬ nisch, organisatorisch, menschlich. Noch mehr aber müssen wir uns dar¬ auf konzentrieren, in Österreich sehr wohl vorhandenes Know-how über Technologien und Organisation ge¬ winnbringend zu transferieren. Wir gel¬ ten als Tourismusnation, aber wir betrei¬ ben kaum technology transfer für Tou¬ rismus. Wir haben eine hervorragende Tradition in der Medizin und im Bil¬ dungswesen, aber wir bieten diese nie¬ mandem an. Wir sind stolz auf einige, nicht zu viele, lebende und aufviele ver¬ storbene Künstler und Architekten, aber Design ist nicht gerade ein Kennzei¬ chen, das Österreich im Durchschnitt profiliert. Industrielles Design ist nicht selbstverständlich, es muß noch immer als Ausnahmeerscheinung prämiiert werden. Die relative Unversehrtheit un¬ serer Natur und der Alpen sollte weit konsequenter als Argument zugunsten der bedrängten Nahrungsmittelerzeu¬ gung eingesetzt werden. Die Profilie¬ rung als Land der Umwelttechnologien ergibt sich aus hervorragenden Innova¬ tionen einer größeren Zahl österreichi¬ scher Unternehmen, aber als konse¬ quente Strategie hat sich das Thema in der Wirtschaftspolitik bisher nicht durchgesetzt. Und, um zum Schluß zu kommen, gerade in Wien wird verständ¬ licherweise die glorreiche Tradition an zahlungskräftigen Touristen erfolgreich vermarktet, aber sich auch als zukunfts¬ weisende Welthandels-, als Wissen¬ schafts-, Kommunikations- oder auch als Stadt der modernen Kunst zu profi¬ lieren, das bleibt doch sehr hinter der Spanischen Reitschule versteckt. Vertrauen wir darauf, daß Österreich in den letzten fünf Jahrzehnten schon mehrmals weit größere Herausforderun¬ gen gemeistert hat. Vertrauen wir dar¬ auf, daß sich jene Kräfte neu formieren, die in der Lage sind, nicht in die Vergan¬ genheit zu flüchten, sondern an der Zu¬ kunft zu bauen. ?i- Prof Dr. Helmut Kramer ist Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschafts- forschung. '•!• 24 urbch .Wirtschaft 2/96

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.