Full text: Arbeit & Wirtschaft - 2003 Heft 01 (01)

FRAUEN
Der kleine Unterschied
Gleiche Spielregeln für alle
Dass für Männer und Frauen im Leben nicht die
gleichen Rechte und Regeln gelten, ist unbestritten.
„Gender Mainstreaming" ist ein Ansatz, gleiche
Spielregeln für alle herzustellen.
»Gender Mainstrea¬
ming« (GM), diese kaum
zu übersetzende Formulie¬
rung, ist auch in der Ge¬
werkschaftsbewegung in
aller Munde. Das Englische
unterscheidet sprachlich
zwischen »sex«, dem biolo¬
gischen Geschlecht, und
»gender«, dem sozialen
Geschlecht. Mit Gender
sind die gesellschaftlichen
Geschlechterrollen ge¬
meint, die Vorstellungen
und Erwartungen, wie
Frauen und Männer sind
bzw. sein sollen. Mainstrea¬
ming bedeutet in diesem
Zusammenhang »in die
Hauptrichtung bringen«,
das heißt, dass ein be¬
stimmtes Denken und Han¬
deln in den »Mainstream« -
in Politik und Verwaltung,
Programme und Maßnah¬
men - übernommen und zu
einem selbstverständlichen
Handlungsmuster wird,
dass ein spezielles Thema
zu einem Hauptthema wird.
»Gender Mainstrea¬
ming« heißt, soziale Un¬
gleichheiten zwischen
Frauen und Männern in al¬
len Bereichen und bei allen
Planungs- und Entschei¬
dungsschritten immer be-
wusst wahrzunehmen und
zu berücksichtigen. Alle
Vorhaben werden so gestal¬
tet, dass sie auch einen Bei¬
trag zur Förderung der
Gleichstellung von Frauen
und Männern leisten. Es
geht um eine geschlechter¬
bezogene Sichtweise, nicht
um eine »Frauengeschich¬
te«. Gender Mainstreaming
setzt die Erkenntnis voraus,
dass die Geschlechterver¬
hältnisse eine Rolle spielen
und Männer und Frauen in
verschiedener Weise be¬
troffen sind. Gender Main¬
streaming ersetzt Frauen¬
politik und Frauenstruktu¬
ren nicht, sondern ist ein
Prinzip zur gemeinsamen
Verantwortung von Frauen
und Männern. Bei allen
Planungs- und Entschei¬
dungsschritten werden die
Fragen gestellt: Wie sieht in
dem betreffenden Bereich
das Geschlechterverhältnis
aus? Wie wirkt sich das ge¬
plante Vorhaben auf die
Situation von Frauen und
Männern aus? Wie kann ein
Beitrag zur Förderung der
Gleichstellung geleistet
werden?
Die EU-Kommission hat
im Februar 1996 »Gender
Mainstreaming« folgender¬
maßen definiert: »Gender
Mainstreaming besteht in
der Reorganisation, Ver¬
besserung, Entwicklung
und Bewertung von Ent-
scheidungsprozessen in al¬
len Politikbereichen und
Arbeitsbereichen einer Or¬
ganisation. Das Ziel von
Gender Mainstreaming ist
es, in alle Entscheidungs-
prozesse die Perspektive
des Geschlechterverhält¬
nisses einzubeziehen und
alle Entscheidungsprozesse
für die Gleichstellung der
Geschlechter nutzbar zu
machen.«
GM in Kollektiv¬
verträgen
Die Frauenabteilung der
Gewerkschaft Metall - Tex-
til (GMT) hat gemeinsam
mit der Gleichbehand-
lungsanwaltschaft an den
Kollektivverträgen der
GMT untersucht, wie sich
die Bedingungen für Frau-
Venus
en und Männer in diesem
Bereich unterscheiden. Zie¬
le waren unter anderem,
Bestimmungen in Kollek¬
tivverträgen aufzuspüren,
die Benachteiligungen für
eine Gruppe zulassen und
auf diese bei den nächst¬
möglichen Verhandlungen
besonders zu achten. Über¬
prüft wurden unter ande¬
rem Punkte wie Beginn und
Ende von Arbeitsverhält¬
nissen, Arbeitszeiten,
Nachtarbeit, Überstunden,
Sonn- und Feiertagsarbeit,
Prämienarbeit, Abfertigun¬
gen, Möglichkeiten zu
Aus- und Weiterbildung,
aber auch sprachliche For¬
mulierungen.
Schwach oder stark?
Frauen werden immer
noch als besonders geeig¬
net für »leichte Arbeit« an¬
gesehen - dass so genannte
»schwache« Geschlecht im
Gegensatz zum »starken«.
Daraus wird dann oft ge¬
schlossen, das Frauenarbeit
automatisch leichte Arbeit
ist - Arbeit, die billiger ist
als schwere. Auch bei der
Einstufung in Lohngrup¬
pen, wenn es darum geht,
Qualifikationen für die
Auswahl der Lohngruppe
zu beurteilen, geraten Frau¬
en oft ins Hintertreffen.
Denn oft haben Frauen die
nötigen Kenntnisse nicht in
beruflichen Ausbildungen
oder bei Bildungsmaßnah¬
men im Betrieb erworben.
Diese Kenntnisse werden
dann bei Einstufungen
nicht berücksichtigt und
bleiben also auch unbe¬
zahlt. Besonders oft trifft
Merkur
das auf Fähigkeiten zu, die
in Berufen gebraucht wer¬
den, die »hausarbeitsnah«
sind, etwa Bügeln oder
Nähen in textilen Berufen.
Genau da liegen die großen
Ungerechtigkeiten: Die
Untersuchung der Metal¬
lerfrauen hat nämlich ge¬
zeigt, dass die Unterschie¬
de bei der Bezahlung von
Frauen und Männern in den
gleichen Lohngruppen
nicht so groß sind. Die
großen Unterschiede liegen
in den Einstufungen selbst.
Ein wichtiger Weg bei der
Beseitigung der Einkom¬
mensunterschiede ist daher,
die richtige Einstufung in¬
nerhalb der Gruppen der
Facharbeiter bzw. der ange¬
lernten Arbeitnehmer zu er¬
reichen.
Gute Beispiele
in Europa
In Schweden haben die
Gewerkschaften fast zehn
Jahre lang Tarifpolitik mit
dem erklärten Ziel ge¬
macht, die Frauenarbeit
aufzuwerten. Das hat be¬
wirkt, dass die Einkom¬
mensunterschiede zwi¬
schen Männern und Frauen
kleiner geworden sind. Das
haben sie mit Hilfe einer
»Zwei-Töpfe-Politik« ge¬
macht. Die jährlich verein¬
barten Lohnerhöhungen
wurden in zwei Teile ge¬
teilt: Der eine Teil der Ge¬
samtsumme kam allen,
Männern und Frauen, zu¬
gute. Der andere Teil wurde
zur direkten Verbesserung
der Einkommen der Frauen
verwendet. Auch in
Deutschland bemühen sich
1/2003 arbeit ttlnsdmfl 2 7
        

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