Full text: Arbeit & Wirtschaft - 2004 Heft 03 (03)

Meinung Arbeit&Wirtschaft-rt
Siegfried Sorz
Chefredakteur
Standpunkt
Verlorene Tage, Halbdunkel und Kälte
Der verlorenste Tag ist der, an dem
man nicht gelacht hat.« Vor allem
in Zeiten wie diesen. Kürzlich
musste ich herzlich lachen. »War¬
te, ich muss dir was zeigen«, sagte die Kol¬
legin zu mir. Ich wartete. Sie hatte an
ihrem Computer das Internet geöffnet
und rief »Google« auf, ein Suchpro¬
gramm, mit dem Millionen und Aber¬
millionen von Internetseiten auf der
ganzen Welt nach eingegebenen Schlag¬
wörtern durchsuchtwerden, vonJapan bis
Australien oder Hawaii bis Feuerland. Als
Suchbegriff gab sie ein: »völlige Inkom¬
petenz«. In exakt 0,07 Sekunden war das
Ergebnis da. Unter den 890 Adressen, die
aufgelistet wurden, stand eine an erster
Stelle. Die Suchmaschine war fündig ge¬
worden.
Raten Sie doch, was die Maschine gefun¬
den hatte! Ja, wirklich, da stand
www.karlheinzgrasser.at. Es war die Ho¬
mepage von KHG, unserem Finanz¬
minister.
Natürlich teile ich keineswegs die Ansicht
der unbeseelten Maschine. Karl Heinz
Grasser ist mitnichten völlig inkompe¬
tent, es sind ihm nur einige größere und
kleinere Pannen passiert, unter anderem
bei derWeiterverteilung der großzügig be¬
messenen Spenden der Industriellenverei¬
nigung, die er ebendieser seiner Homepa¬
ge gewidmet hatte. Er hatte nämlich ver¬
gessen, diese nicht unbeträchtlichen Sum¬
men zu - versteuern. Fast jeden Tag ste¬
hen dazu neue Details in der Tagespresse
und KHG ist schon ein wenig in Be¬
drängnis, weil immer mehr Stimmen laut
werden, die seinen Rücktritt fordern.
Da ist ihm einer zu Hilfe gekommen und
hat seine gewichtige Stimme erhoben:
Wolfgang Schüssel.
Und der Kanzler sagt (zur Homepage von
Karl Heinz Grasser und zu den Spenden
der Industriellenvereinigung):
»Es wird ja behauptet, das sei kriminell.
Wenn ein Verein wie der OGB in der Ver¬
gangenheit Projekte gefördert hat, die
dem Sozialminister wichtig gewesen sind,
ist kein Mensch auf die Idee gekommen,
das sei kriminell. Ich finde es einfach ille¬
gitim, dass der Eindruck erweckt wird,
dass alles, was hier geschieht, in einem kri¬
minellen Halbdunkel gemacht wird.«
So etwas nennt man einen Entlastungs¬
angriff.
Der Kanzler hat recht. Die Industriellen¬
vereinigung ist ein Verein und auch der
Österreichische Gewerkschaftsbund ist
nominell ein privatrechtlicher Verein.
Der Kanzler hat auch recht, wenn er sagt,
dass nicht »alles«, was hier geschieht, in ei¬
nem kriminellen Halbdunkel gemacht
wird.
Was nun den ÖGB betrifft, so zahlt der
seine Steuern. Und falls es Spenden geben
sollte, so kommen die sicher nicht, weder
direkt noch indirekt, Freunden oder Fa¬
milienmitgliedern der Verantwortlichen
zugute.
An dieser Stelle haben wir schon oft kon¬
statiert, dass in unserem Lande in großem
Maßstab eine Umverteilung von unten
nach oben, von Arm zu Reich stattfindet.
Da ist es natürlich völlig logisch, dass die
Industriellenvereinigung gebefreudigwird
und den Mann, der diese Umverteilung so
überaus kompetent durchzieht, mit frei¬
gebigen Spenden beglückt.
Mich persönlich würde es ja wirklich ganz
immens freuen, wenn ich endlich verneh¬
men könnte, die Industriellenvereinigung
hätte Projekte zur Wiedereingliederung
von Langzeit-Arbeitslosen mit hochherzi¬
gen Spenden dotiert oder vielleicht Pro¬
jekte, mit denen Lehrplätze für Jugendli¬
che gefördert werden, verschwenderisch
unterstützt. Aber das sind offensichtlich
die Opfer, die wenig beachtet am neoli¬
beralen Wegesrand liegen bleiben.
Während also der Kanzler die Großzü¬
gigkeit der Industriellenvereinigung in
Beziehung zu setzen versucht zur Großzü¬
gigkeit des Gewerkschaftsbundes bei So¬
zialprojekten und damit meint, er hätte
ein medial konstatiertes kriminelles Halb¬
dunkel in gleißendes Licht getaucht,
während also der Bundeskanzler seinen
verbalen Entlastungsangriff vorträgt,
agiert sein Kollege und Partner in Kärn¬
ten. Sie wissen doch, ich meine jenen
Herrn, dessen Faschingsauftritte im
Schottenrock die Österreicher soeben be¬
staunen durften.
Was macht er, wenn er keinen Schotten¬
rock trägt? Sehr gern sitzt er in der Lan¬
desregierung in Klagenfurt und zahlt
Kleingeld an die Pensionisten aus.
Wer hat unsere Eltern und Großeltern zu
Almosenempfängern degradiert? Der
Herr Haider? Der Herr Grasser? Der Herr
Schüssel? Die Bundesregierung?
Gibt es vielleicht jemanden, dem man zu¬
trauen könnte, dass er es besser macht?
Damit es solche entwürdigenden Szenen
nicht mehr gibt? Wir sind nicht auf der
Suche nach strahlenden Helden, aber ein
bisschen mehr Licht ins vorherrschende
Halbdunkel und ein bisschen mehr Wär¬
me in diese alles durchdringende soziale
Kälte täte uns allen gut.
Und wenn wir schon vom Guten reden,
so heißt es doch: »Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es.«Und jeder von uns kann
was tun. Nicht nur in der Wahlzelle.
Siegfried Sorz
        

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