Full text: Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (71)

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aber noch unterschätzt, weil es nur als Differenz zwischen Staatsschul-
den- und Privatanleihenzins aufgefaßt wird. Der größte Nachteil fUr ein
Land ist jedoch der, daß "unsolide" Finanzpolitik das Zinsniveau auch
fUr private Schuldner anhebt (wegen der Risken einer zu erwartenden
ruckartigen Budgetsanierung und der Abwertungsrisken). Die zusätzli-
che Zinsbelastung fUr private Schuldner ("die Wirtschaft") ist mit dem
drei- bis vierfachen des oben genannten Betrages zu veranschlagen, liegt
also in der Größenordnung einer erhöhten Kostenbelastung von 5 bis 40
Milliarden Schilling, wobei ein Teil dieser Zusatzkosten ins Ausland
fließt.
Die Einschränkung des fiskalischen Spielraumes durch die internatio-
nale Kapitalmarktverflechtung liegt also darin, daß an sich binnenwirt-
schaftlich angezeigte kurzfristige Expansionsmaßnahmen in einer Rezes-
sion stark reduziert werden mUssen, um die sehr hohen Vorteile langfri-
stig niedriger Zinssätze nicht zu gefährden. Es eröffnet sich hier ein typi-
scher Abtausch kurzfristiger Politiknachteile gegen langfristige Vorteile.
Dabei ist festzuhaiten, daß niedrige Zinssätze langfristige Beschäfti-
gungsvorteile bringen, so daß der Abtausch auch heißt: weniger kurzfri-
stige beschäftigungspolitische Möglichkeiten im Interesse einer langfri-
stigen Beschäftigungsanhebung. Das Unangenehme ist, daß die Gefah-
ren einer "unsoliden" Politik (in den Augen der sehr konservativ den-
kenden Finanzmärkte) höchst ungewiß in ihrem Realisierungszeitpunkt
auftreten. Ein deutliches Abgehen von der langfristigen österreichischen
Budgetsanierungsstrategie ist jedoch sicherlich als gefährlich für das
langfristige österreichische Zinsniveau einzustufen.
        

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