Full text: Die Rolle von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion - institutionelle Voraussetzungen für eine europäische Wirtschaftspolitik (74)

THEMENBEREICH 1:
DAS EUROPÄISCHE WIRTSCHAFTS- UND WOHLFAHRTSMODELL
IM GLOBALEN WETTBEWERB
Berhard Ebbinghaus (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsstudien, Köln)
Existiert ein europäisches Sozialmodell?
Der in diesem Beitrag verwendete Begriff 'Sozialmodell' geht über den Bereich der
sozialen Absicherung gegen bestimmte Risiken weit hinaus. Ebbinghaus definiert
vier Dimensionen eines Sozialmodells: das 'Wirtschaftsregime', die Arbeitsbeziehun¬
gen, das 'Beschäftigungsregime' und den Wohlfahrtsstaat. Jedes Sozialmodell ist
durch eine bestimmte institutionelle Gestaltung, Funktionsweise usw. dieser vier Di¬
mensionen charakterisiert.
1.) Der Begriff 'Wirtschaftsregime' nimmt Bezug auf die dominante Produktionsweise
(Betriebsgrößenstruktur, Organisation und technische Grundlage der Fertigung, Qua¬
lität der Produkte, Art der eingesetzten Produktionsfaktoren usw.) und die Marktori¬
entierung (binnenmarkt- oder exportorientiert) sowie auf die Besonderheiten des Fi¬
nanzsektors (Regulierung der Kapitalmärkte, Beziehungen zwischen Banken und
deren Firmenkunden usw.).
2.) Die Dimension Arbeitsbeziehungen umfaßt die Organisationen der Arbeitgeber
und Arbeitnehmer, die gesetzliche und kollektivvertragliche Regulierung der Arbeits¬
beziehungen sowie die Verhandlungsmechanismen zwischen den Sozialpartnern
einerseits und zwischen diesen und dem Staat andererseits.
3.) Das 'Beschäftigungsregime' wird beschrieben durch die Erwerbsbeteiligung, die
Arbeitslosenquote, die Bedeutung von Teilzeit- und geringfügiger Beschäftigung, die
sektorale Zusammensetzung der Beschäftigung, die Qualifikation der Arbeitskräfte,
die Beschäftigungsdynamik sowie die gesetzliche, kollektivvertragliche, betriebliche
und einzelvertragliche Regulierung der Beschäftigungsverhältnisse.
4.) Der Wohlfahrtsstaat läßt sich charakterisieren durch die Höhe der einschlägigen
Zwecken gewidmeten öffentlichen Ausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt,
die Art der Finanzierung (Steuern, Sozialversicherungsabgaben etc.) dieser Leistun¬
gen, die Art der Leistungserbringung (soziale und öffentliche Dienstleistungen vs.
Transferzahlungen) und die konzeptuelle Ausrichtung (universell, Versicherungsprin¬
zip, Mindestsicherung usw.).
Innerhalb einzelner Sozialmodelle stehen diese vier Dimensionen jeweils in enger
wechselseitiger Abhängigkeit voneinander, ergänzen einander, folgen insgesamt ei¬
ner je spezifischen Modellogik, wie unten zu zeigen sein wird.
Die empirische Untersuchung führt zu dem Schluß, daß zwar bezüglich einzelner der
obengenannten Aspekte innerhalb der EU gewisse Annäherungstendenzen eintra¬
ten, aber alles in allem nicht von einem 'europäischen Sozialmodell' gesprochen
werden kann. Dazu sind die festgestellten Unterschiede zwischen den EU-
Mitgliedsländern in den einzelnen Dimensionen und in bezug auf einzelne Merkmale
zu groß. Es ist eher angebracht, von einer 'europäischen Modellfamilie' zu sprechen,
        

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