Full text: Der Betriebsrat - 1921-22 Heft 14 (14)

DER BETRIEBSRAT 211
äer einzelnen Organisationen, oder bei der Führung
der Kämpfe. So trug er viel bei zur Erhöhung der
Kampffähigkeit der Arbeiterschaft.
Nur oberflächliche Beurteilung, nur hämische
Absicht kann unter solchen Umstänuen Huebers
Kriegspolitik mißdeuten. An der Schaffung der Or¬
ganisationen hat er Zeit seines Lebens mit anderen
wackeren Männern gearbeitet, er hat die Bewegung
gegen alle Gefahren verteidigt — es sei an den Kampf
gegen den Koerberschen Erlaß, der die Gewerkschaften
In ihrer Betätigung einengen sollte, erinnert — er hat
gesehen, wie die Arbeiterschaft mit wachsendein
Geschick und Erfolg die Waffe der Organisation
kührt — und nun sollte der Krieg, der ja doch nur
Episode bleiben muß, dies alles wegschwemmen?
Per erste Kriegsaufruf der Gewerkschaftskonimission
Ist von nicht weniger Liebe zum Proletariat als zur
Gewerkschaftsorganisation diktiert; und in ihm sind
die Grundsätze der Kriegsgewerkschaftspolitik nieder¬
gelegt. Es muß ausgesprochen v/erden, es muß an
seineir. CO. Lebenstag mit Dank vermerkt werden:
flicht Hoß geschaffen, auch gerettet und gesichert hat
Hueber die Gewerkschaften. So hat er uns stark er¬
halten, um den revolutionären Zusammenbruch be¬
stehen zu können. Die Formen des Kampfes und die
Organisation waren erhalten. Das hat uns die Fähig¬
keit gegeben, um das Betriebsrätegesetz zu kämpfen.
Und auch in diesem Kampfe geht Hueber voran, lehrt
uns, daß wir wohl neue Methoden suchen und finden,
Eber daß wir sie nur als weitere Ausgestaltung der
alten werden finden können. Von 1 °4 bis 1921, also
fast drei Jahrzehnte, marschiert Hueber an der
Spitze. Und wie oft mußten da die taktischen An¬
sichten geändert werden, wie klug hat er diese
Änderungen vollzogen. Die Erkenntnis macht es den
Betriebsräten leicht, sich seiner Führung anzuver¬
trauen, das beißt der Führung der Gewerkschaften.
Österreichs Arbeiter feiern einen ganzen Mann.
Sie feiern ihn nicht aus bloßer Höflichkeit, sondern
vor allem aus Anerkennung seines Wirkens. Die Be¬
triebsräte schließen sich vom ganzen Herzen an. Ein
Mann der alten proletarischen Garde, ein Mann, in
dem die Tradition der größten Zeit der österreichi¬
schen Bewegung, der Einis;ungsarbeit Viktor Adlers,
sich mit der Zuversicht, daß das Proletariat auch die
Wirrungen der neuesten Zeit bestehen wird, zu einem
höheren Glauben an die Zukunft des Sozialismus
einen. Das macht Hueber zum Freund auch der
jüngsten Organisationsform, das macht ihn den Be¬
triebsräten als Berater und Freund teuer. Er führte
Österreichs Gewerkschaften aus den Niederungen
der Mutlosigkeit, der Zerfahrenheit und Unkenntnis
zu den Erfolgen im organisatorischen und Kampfes¬
leben, er steht rüstig und kampfesfroh da, um auch
weiterhin an der Zeitenwende der proletarischen Re¬
volution mit uns vorwärts zu stürmen, das Banner
der Gewerkschaftsbewegung hochhaltend, ins zu
weiteren Siegen zu führen, vorwärts und aufwärts!
So grüßen wir ihn, den Treuen, Großen, Mutigen,
Begeisterten, den Freund und Lehrer, den Berater
und Führer des Proletariats! So beglückwünschen wir
ihn zu seinem 60. Geburtstag, so beglückwünschen
wir uns und das gesamte Proletariat, daß Anton
Hueber unser Ist und es lange, lange noch bleibe.
Viktor Stein.
Illlliiililiiliii
ftbonnemsntsbesteilungen
$ für den „Betriebsrat" sind zu richten an die $
{ Administration Wien I, ?bendorferstra!Ie 7 ?
| Bexugsfeedingungeni
» 120 K Jähr!., 70 K haütiähri., Einzeinummsr S K :
* ^ »?#?% W) W» ^ *—*> 4^1 1-1% irA umW) w» ^ *
Hueber und das Betriebsräiegesetz ~
Gigantisch, fast märcuenhaft ist der Weg, der,
tin^ere Partei und unsere Gewerkschaften aus dem
zarten, schwachen Säuglingsstadium zum Rang«
einer gebietenden Weltmacht emporgeführt hat,
Knapp drei Jahrzehnte sind es" her. Wie ein Traum
klingt es, daß aus den versteckten, verfolgten Sek¬
tiererrichtungen, die Viktor Adlers Führergenie in
Halnfeld zur Einheit zusammenschloß, die Masseti¬
partei von heute mit ihrer halben Million politisch
Organisierter geworden ist, und ebenso wunderbar
erscheint die Entwicklung jener kleinen, verachteten,
mit Almosen abgespeisten Winkelvereine zu der.
großen, gebietenden Heerschar der gewerkschaft¬
lichen 900.000! Ist der Siegesweg der polltischen
Partei in der Geschichte für immer gekennzeichnet
durch den Namen Viktor Adler, so bleibt Auf¬
stieg und Erfolg der Gewerkschaften in nicht mehr
wegzudenkendem Zusammenhang mit der Persön¬
lichkeit Anton Huebers. Die Geschichte der letzten
dreißig Jahre unserer glorreichen Arbeiterbewegung
ist, aufs Persönliche übertragen, die Geschichte diese#
Dioskurenpaares. ,
Wir Jungen, die wir neuen Samen säen wollen
und in der Ungeduld des Siegens noch reichere Ernte
erwarten, wir können es gar nicht mehr so recht er¬
messen, wie gewaltig das Werk unserer Väter ge¬
wesen ist, die auf hartem, unfruchtbarem Gestein
unter unsäglichen Mühen und Schwierigkeiten über«
haupt erst den Boden bereiten mußten, auf den wif
nun unsere Zukuflftssaat streuen. Darum steht ef
uns auch gar nicht gut an, unser Wort zu messen an der
bunt wechselnden Mannigfaltigkeit eines so reichen,
inhaltsschweren Lebens, wie es das unseres nun
sechzigjährigen gewerkschaftlichen Vorkämpfers Ist.
Was wir bestenfalls .tun dürfen, ist, jenes Stilck
Geschichte zum Gegenstand unserer Betrachtung
wählen, das Hueber auch mit der Gegenwart ver¬
knüpft, das wir also selbst miterlebt haben.
Kein dankbareres Gebiet gibt es hiefür als die
Entstehungsgeschichte unseres Betriebs rät c-
g e s e t z e s. An seiner Formung und endgültigen
Textierung war Hueber in hervorragendem Maße be¬
teiligt. Sein Verdienst hiefür wurde auch dadurch an¬
erkannt, daß ihn der Sozialisierungsausschuß zum
Berichterstatter über dieses Gesetz bestellte. In dieser
Eigenschaft vertrat Hueber das Betriebsrätegesetz
auch vor der Nationalversammlung und begründete
es in einer längeren Rede am 15. Mai 1919. Es war die
erste Arbeit des Sozialisierungsausschusses und das
Produkt eines heißen Kampfes der miteinander um
die Macht ringenden Klassen.
So geradlinig vollzog sich aber das Werden
dieses im Bereich des Arbeiterrechtes weitaus be¬
deutendsten Gesetzes nicht. Mit der Konstellation (Auf¬
stellung): hie Unternehmer, hie Arbeiter, mit dieser
klaren, reinlichen Scheidung allein war es nicht ab¬
getan. Erinnern wir uns nur, daß wir uns damals
gerade im Hochschwang einer revolutionären Situa¬
tion befanden, die in Anbetracht der Nähe des un¬
garischen und bayrischen Sowjetexperimentes zu
einer Einschätzung der Dinge verlocken konnte, die
der realen Nüchternheit der politischen und wirt¬
schaftlichen Verhältnisse in der übrigen Welt durch¬
aus nicht entsprach. Sowohl die Positionen des
Unternehmertums als auch des Proletariats waren
zerklüftet durch die Verschiedenartigkeit der Tem¬
peramente, der Blickweite, der besonderen Einzel-
interessen und der Einsicht in die allgemeine Welt¬
lage. Es gab auf der Seite des Kapitals Elemente, die
vor den daherstiirnienden Erfolgen des ungarischen
und bayrischen Proletariats zusammenknickten und
zu allem möglichen bereit waren aus lauter Angst vor.
den Gefahren des nächsten Tatres. Dieser Sorte ent-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.