Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 09 (09)

DER BETRIEBSRAT 143
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i BUcherschau
Sozialwissenschaftliche Literatur «
In unserem diesmaligen Literaturbericht nimmt die
Memoirenliteratur (Aufzeichnungen von Erinnerungen an
geschichtliche Zeitpunkte) einen breiteren Raum ein. Den
schwächsten Eindruck macht Wilhelm Bios' Büchlein
„Von der Monarchie zum Volksstaat" (Bergers literarisches
Büro und Verlangsanstalt, Stuttgart 1922, 54 Seiten, 14 Mk.),
eine etwas kindische und spießerhafte, auch in schlechtem
Deutsch gehaltene Rückschau anf die revolutionären Er¬
eignisse 1918/19, soweit sie das nähere Schicksal Württem¬
bergs betrafen. Weitaus besser geraten ist die im gleichen
•Verlag erschienene Schrift von Ewald Stremraer:
Revolutionen und ihre Bedeutung. 1789 bis 1848 bis 1918
(54 Seiten, 14 Mk.). Die Abhandlung gibt ein übersichtliches
Bild der staatlichen Entwicklung von den Zeiten
Luwigs XIV. bis heute. Die Hauptniomente der Revolution
des dritten Standes (1789), des gebildeten Bürgertums (1848)
und der proletarischen Revolution (1918) sind scharf und
plastisch herausgearbeitet.
Einer Einzelperson von allerdings nicht gewöhnlichem
Zuschnitt, sondern von dem Range eines Präsidenten und
Ministerpräsidenten der großen französischen Republik, gilt
die Skizze, die Dr. H. Seeholzer einem der mächtigsten
Männer Europas widmet: Raymond Poincare (Verlag
Art. Institut Orell Fiißli, Zürich 1922, 66 Seiten, 25 Mk.).
Der Verfasser schildert mit knappen Strichen Poincare als
Menschen, Redner und Staatsmann, wie er sich inmitten
der Weltereignisse ausnimmt. Die Studie fesselt vornehm¬
lich deshalb, weil hier ein Neutraler die Menschen und die
Geschehnisse, rein nationaler Betrachtungsweise entrückt
nnd dadurch ein einigermaßen verändertes Blickfeld schafft.
Das Buch wird insbesondere jenen Lesern zustatten
kommen, die sich fiir die weltpolitischen Probleme der
Nachkriegszeit näher interessieren. »
Im gewissen Sinne zur Memoirenliteratur zählt auch
Karl Kautskys jüngste Geistesschöpfung „Mein Ver¬
hältnis zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei"
(Verlag Tony Breitscheid, Berlin 1922, 20 Seiten, 3 Mk.).
Kautsky untersucht noch einmal die Entstehung
der U. S. P. als parteimäßiger Kristallisierung der
konsequenten Kriegsgegner in der Sozialdemokratie
.während des Krieges und schildert sodann die Tatsachen,
.welche bisher eine Aussöhnung der hadernden Bruder¬
parteien vereiteln. Nach Erwägung aller noch bestehenden
Differenzen will Kautsky die historische Sendung der
U. S. P. als erfüllt ansehen und keine zwingenden Gründe
gegen die Wiedervereinigung mit der S. P. D. mehr gelten
lassen. Kautsky erhebt die endliche Neuorganisation des
Proletariats als Klasse auf den Schild im Gegensatz
zu der Selctiererei bloß parteitaktischer Richtungen, die
lediglich der Zersplitterung und Schwächung des Prole¬
tariats dienen..
Im traurigen Gegensatz zu diesem guten Willen
stehen die bolschewistischen Memoirenschriften, von denen
jetzt wieder ein paar vorrätig sind. J. W a r d i n $ befaßt
sich mit der „Partei der Menschewiki in der russischen
Revolution" (Verlag Karl Hoym, Hamburg 1922, 60 Seiten)
und G. Ssemjtfnow nimmt sich die „Partei der Sozial¬
revolutionäre in den Jahren 1917 bis 1918" (Karl Hoym,
Hamburg 1922, 85 Seiten, 3 Mk.) zu dem gleichen Zweck
her, nämlich zu dem Zweck, der allem bolschewikischen.
Handeln gemeinsam ist und zugrundeliegt: zu dem Zweck
der Verleumdung und Verlästerung alles sozialistischen
Denkens, das sich nicht in das kaudiriische Joch Moskauer
Papstbullen und Parademärsche zwingen lassen will, somit
also zu dem Zweck der Aufrechterhaltung der Gespalten¬
heit des Proletariats, der Schwächung der einheitlichen
Aktion. Trotz der zahlreichen Verzerrungen und zweifel¬
losen Fälschungen sind beide Schriften dennoch als
historisches Material von gewissem Wert, da sie uns mit
manchen neuen Einzelheiten der russischen Revolution, die
bisher ungeklärt waren, bekanntzumachen vermögen.
Einer gigantischen Aufgabe will - sich Eberhard
Büchner unterziehen, der schon in seinen vorläufig bis
zum Band 9 gediehenen „Kriegsdokumenten"- (beabsichtigt
sind 25 Bande) ein Quellenwerk großen Stils ins Leben zu
rufen getrachtet hat (Verlag Albert Langen, München,
ieder Band 5 Mk.) und nun daran gegangen ist, mit einem
nnisMurea komcilatorisclien ^(samralcrisclienl _ Fleiß. aucb_
die „Revolutionsdokumente" in einer Art Lexikon zu ver¬
einigen. Vorläufig ist nur der erste Band unter dem Titel
„Im Zeichen der roten Fahne" (Deutsche Verlagsgesellschaft
filr Politik und Geschichte, Berlin 1921, 400 Seiten, 14 Mk.)
erschienen. Er umfaßt nur die Dokumente des Monats
November 1918. Unter dem Wust der an sich meist wert¬
losen, schnell zusammengeschriebenen Darstellungen der
Revolution durch die zeitgenössische Presse Deutschlands,
Österreichs, Ungarns etc. ^at Buchner mit ordnender Hand
eine sorgfältige Auswahl getroffen und so liegt hier der
Anfang eines Nachschlagewerkes vor, das in Hinkunft für
Politiker, Historiker, Kulturkritiker und Psychologen, aber
auch als Erinnerungsbuch wertvolle Dienste leisten können
wird.
Eine andere Gruppe von Büchern, auf die heute
näher hingewiesen werden soll, bilden die bei uns einge¬
laufenen Werke theoretiscli-nationalökonomischer Natur.
Die interessanteste Neuerscheinung dürfte unstreitig Pro¬
fessor Emil L e d e r er s Buch „Grundzüge der ökono¬
mischen Theorie" (J. C. B. Mohr, Tübingen 1922, 184 Seiten,
75 Mk.) darstellen. - In vortrefflicher Weise wird hier der
Versuch unternommen, in der sonst bei bürgerlichen Lehr¬
büchern üblichen Systematik einmal sozialistische
Nationalökonomie vorzutragen. Noch bemerkenswerter als
diese formale Behandlung ist aber der geistvolle und
originelle Gedanke, der subjektiveil Wertlehre (Grenz¬
nutzentheorie), welche bisher der Kernpunkt bürgerlicher
Ökonomie gewesen war, den Boden abzugraben nicht
durch ihre Widerlegung, sondern durch ihre Einordnung
in das Marxsche Gedankensystem. Ob dieses Wagnis ge¬
lungen ist, mag eine andere Frage sein und kann im Augen¬
blick nicht näher erörtert werden. Die subjektive Wertlehre
scheint uns in der Umformung Lederers ihren Charakter
a!s Wertschätzung des Subjekts, der privaten Einzel¬
person zu verlieren und an die Stelle der Einzelperson die
Gesellschaft als Subjekt zu setzen, also zu — objekti¬
vieren, zu verallgemeinern und damit, das Wesen der
bürgerlichen Wertlehre abstreifend, nur mit den Worten
der bürgerlichen Wertlehre zu hantieren, im Wesen also
doch nur um den Fixstern des Tauschwerts ihre
Planetenbahn zu ziehen. Aber wie auch immer! Mehr
darüber soll noch bei Gelegenheit gesprochen werden.
Lederers Buch wird jedenfalls für alle, die bereits
grundlegende ökonomische Kenntnisse besitzen, ohne allzu^
große Schwierigkeit so viel Anziehliches und Belehrendes
bringen, daß wir es allen Betriebsräten, die in ihrer volks¬
wirtschaftlichen Schulung Fortschritte zu machen wün¬
schen, aufs wärmste empfehlen können.
Mit dem Kapitalismus als Gesamterscheinung befaß?
sich auch Eberhard ZSchimmer: „Die Überwindung des
Kapitaiismus" (Volksbuchhandlung, Jena 1922, 175 Seiten,
50 Mk.). Der Autor gibt in dem Buch ein sehr warmherziges
Plädoyer für die Sozialisierung im weitesten Umfang ab.
Er schildert die Gefahren der Stinnesiernng der deutschen
Wirtschaft und legt dar, daß der Einfluß der Kapitals¬
magnaten in der Regel stärker ist als selbst der entschie¬
denste Wille einer Parlamentsmelirheit. Den Reformismus
und Revisionismus, also die Auffassung,v als ob der Sozia¬
lismus uns. eines Tages gewissermaßen wie die gebratenen
Tauben in den Mund fliegen werde, lehnt Zschimmer
scharf ab. Wenn man auch im einzelnen manches einzu¬
wenden haben mag. so regt das Buch sicherlich durch
seine Vielseitigkeit sehr zum Nachdenken an und kamt
ebenfalls der Beachtung unserer Betriebsräte empfohlen
werden.
Die jüngste Vorkriegsentwicklungsstufe des Kapita¬
lismus, die Phase des Imperialismus, hat auch den
gegenwärtigen Herrscher aller Reußen, Lenin, zu einer
Bereicherung der über diese Fragen schon vorhandenen
Literatur angeregt. Schon im Jahre 1915 hat er in der Ver¬
bannung die Schrift „Der Imperialismus als jüngste Etappe
des Kapitalismus" verfaßt. Sie ist aber erst im Vorjahr
durch den kommunistischen Verlag Karl Hoym, Hamburg,
der Öffentlichkeit übergeben worden (136 Seiten, 4 Mk.).
Auch in dieser Broschüre wird die schon bekannte Tat¬
sache bestätigt, daß die Bedeutung Lenins auf anderen
Gebieten als gerade auf denen des Bücherschreibens liegt.
In mattem Stil, ohne jede anregende Form, geschweige
originelle Gedanken, werden einfach in bunter Folge Zitate
aller möglichen Schriftsteller aneinandergereiht und nur,
durch kurze verbindende Sätze des Autors selbst mühselig
zu einer Einheit zusammengehalteil. Da sind die DaiS
Stellungen .des gleichen Themas durclj Lenina Partek
        

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