Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 09 (09)

DER BETRIEBSRAT 137
'dräiigteu, zu beleuchten, so nötig halten wir es doch,
^zumindest eine dieser Streikparolen etwas näher zu
^besprechen. Es ist dies die Einteilung der acht-
stündigen Arbeitszeit, übrigens jener Kon¬
fliktsstoff, der die meiste Erregung hervorrief, darum
®jtuch im Mittelpunkt aller Streikdiskussionen stand.
Die Meinungsverschiedenheiten, die hiebei
zwischen Gemeindeverwaltung und Bediensteten
auftauchten, lassen sich wie folgt darstellen: Aus der
christlichsozialen Herrschaftszeit her, da die Bedien¬
steten unter einer barbarisch langen Arbeitszeit von
10 bis 14, ja sogar bis 16 Stunden zu leiden hatten,
waren in diese Arbeitszeit Pausen eingeschoben, die
in einzelnen Fällen etwas länger währten und die un¬
bedingt nötig waren, um angesichts des schweren
Dienstes die Arbeitsfähigkeit während der unmensch¬
lich langen Arbeitsdauer überhaupt aufrechtzu¬
erhalten. Mit der Einführung der achtstündigen Ar¬
beitszeit — unter der sozialdemokratischen Gemeinde¬
verwaltung genau so eine Selbstverständlichkeit wie
unter der christlichsozialen die 14- bis 16stündige
Arbeitszeit — war jedoch die innere Berechtigung
iiir diese langen Pausen weggefallen, und die ihrer
Verantwortung gegenüber der gesamten Bevölkerung
bewußte Gemeindeverwaltung mußte demnach ihr
Bestreben darauf richten, diese Pausen in einen ge¬
wissen Gleichklang zur gesamten Arbeitszeit zu
bringen. Inwieweit diese Pausen die gesamte Arbeits¬
leistung beeinflußten, mag man daraus erkennen, daß
bei ihrer Aufrechterhaltung in der bisherigen Art und
Dauer die faktische Arbeitszeit, respektive Fahrt¬
leistung 66/« Stunden betrug.
Fern sei es nun von uns, den Bediensteten einen
tVorwurf wegen ihres Strebens nach möglichster
Sicherung dieser verhältnismäßig sehr kurzen Ar¬
beitszeit zu machen. Schließlich wäre es auch wirk¬
lich sehr zu verwundern, wenn gerade die Wiener
Straßenbahner auf diesem Gebiete eine Ausnahme
von der allgemeinen Erscheinung machen würden.
Darum sei ihnen also aus ihrer intransigenten Haltung
in dieser Frage durchaus kein Vorwurf gemacht.
Anderseits aber darf es um so weniger der Ge¬
meindeverwaltung als ein „Attentat auf die Interessen
des Proletariats" angekreidet werden, wenn sie den
Standpunkt vertritt, daß angesichts der vollen Aus¬
nützung des Achtstundentages in der Privatindustrie
auch von öffentlichen Bediensteten die gleiche Ar¬
beitszeit verlangt werden dürfe. Es heißt unseres Er¬
achtens doch dem Charakter des öffentlichen Dienstes
zuviel Belastung zuzumuten, wenn man zu den vielen
Benefizien, die dieser Dienst den Bediensteten schafft
(feste Anstellung, Pension usw.), und der sie ohnehin
weit über die gesamte Arbeiterklase emporhebt, nun
auch noch das einer wesentlich kürzeren Arbeitszeit,
so wie es im vorliegenden Falle geschehen ist, ver¬
langt. Wobei es wohl auch nicht überflüssig ist zu
erinnern, daß unsere desolate Wirtschaftslage es auch
als recht untunlich erscheinen läßt, die Arbeitszeit für
einzelne Arbeitergruppen unter acht Stunden festzu¬
setzen.
Sicherlich wird die gesamte Arbeiterschaft aller
Industriestaaten — gleichwie sie durch Jahrzehnte
'den Kampf um den Achtstundentag gemeinsam führte,
um ihn dank dem Umsturz und der Revolution erfolg¬
reich zu Ende zu führen — in absehbarer Zeit auch
auf dem Gebiete der Arbeitszeit einen Schritt nach
vorwärts tun und deren weitere Verkürzung an¬
streben. Aber — gemeinsam wird sie dies zu tun
haben und nicht in einzelnen Betrieben und ausge¬
rechnet nur in jenen, die von Sozialdemokraten ver¬
waltet werden, die etwa ihres Lebenskampfes um
den Achtstundentag wegen man nun für unfähig und
nicht für berufen hält, derartigen individuellen Ar¬
beitszeitverkürzungen Widerstand entgegenzusetzen, 1
Dieser irrtümlichen Auffassung der Pflichten
sozialdemokratisch gesinnter öffentlicher Funktionäre
entgegenzutreten, erscheint uns auch deshalb drin¬
gend geboten, weil man bei ihrer konsequenten Durch¬
führung schließlich dazu kommen müßte, die Möglich¬
keit der sozialdemokratischen Verwaltung eines
öffentlichen Gemeinwesens innerhalb der kapitalisti¬
schen Wirtschaftsordnung überhaupt zu verneinen.
Gewiß darf die Rücksichtnahme auf die Leistungs¬
fähigkeit der Gesamtbevölkerung — von der insbe¬
sondere in einer Stadt, wie es Wien ist, ohnehin die
Proletarier die Mehrheit bilden — seitens der sozial¬
demokratischen Verwalter nie auf Kosten ihrer politi¬
schen und wirtschaftlichen Grundanschauungen be¬
trieben werden. Die einsichtigen und etwas ferner
blickenden Proletarier müßten die letzten sein, dio
ihnen dies danken würden, da' die Beeinflussung des
gesamten Wirtschaftslebens durch eine derartige
Rücksichtnahme von sehr verderblichen Folgen be¬
gleitet sein müßte. Anderseits aber darf und kann
auch von diesen proletarischen Vertrauensmännern
nicht verlangt werden, daß sie ohne Rücksicht auf
private Konkurrenz, ohne Bedachtnahme auf die all¬
gemeine Wirtschaftslage, ohne an die Urteile zu
denken, die ihr Vorgehen iu der Öffentlichkeit findet,
allen Forderungen der Bediensteten unbesehen
Rechnung tragen, so einerseits eine über alle Gebühr
hinausgehende Belastung der Allgemeinheit herbei¬
führen, anderseits aber dem Proletariat mehr schaden
als nützen, und szwar deshalb, weil sie mit der Befol¬
gung dieser Taktik eine Oberschicht im Prole¬
tariat schaffen und auf diese Art Interessengegensätze
hervorrufen, die der Einheitlichkeit des proletarischen
Kampfes alles eher denn nützlich sind.
So wie auf allen anderen Gebieten des öffent¬
lichen Lebens, wo die Sozialdemokraten zur Mitarbeit
berufen sind, ist auch auf dem im vorstehenden Be¬
sprochenen, solange die kapitalistische Wirtschafts¬
ordnung die herrschende ist, nur ein Weg als ziel¬
führend zu betrachten: der goldene Mittel¬
weg, den immer zu finden, die größte und schwerste
Aufgabe der auf beiden Seiten mit verantwortungs¬
vollen Ämtern Betrauten ist und bleiben wird.
(Wir legen Wert auf die Feststellung, daß der
Autor des vorstehenden Aufsatzes natürlich nur seine
persönliche Ansicht ausgesprochen hat. Die Red.)
Julius Grünwaid.
Die flrbesiertiank
Vorbemerkung: Der nachstehende,
schon vor der gründenden Generalver-.
Sammlung der österreichischen Arbeiter¬
bank geschriebene Aufsatz behandelt das
wichtige Problem der Finanzierung der
Arbeiterbewegung vornehmlich vom reichs«
deutschen Standpunkt aus, hat aber
auch für unsere österreichischen Verhält¬
nisse seine Gültigkeit. Die Red.
Der Gedanke selbst ist nicht neu. Bei der von
Jahr zu Jahr sich befestigenden materiellen Grund¬
lage der Arbeiterbewegung in ihren verschiedenen
Betätigungszweigen lag es nahe, die unzähligen
schwächeren und stärkeren finanziellen Wässerchen,
die den politischen, gewerkschaftlichen und genossen¬
schaftlichen Zweigen der Arbeiterbewegung zuflössen,
in einem Sammelbecken zu vereinigen und von da aus
die Organe der Arbeiterbewegung zu speisen und zu
stärken. Der Gedanke selbst war gut, aber die sich
ihm entgegentürmenden Schwierigkeiten und der,
Mangel an Zusammenhalt zwischen den einzelnen
Zweigen der Arbeiterbewegung ließen ihn niemals
zur Reife und zur Durchführung gelangen. '
Nun, die Schwierigkeiten sind inzwischen nicht
geringer geworden, ja, sie sind heute, wie wir. noch.
sehen werden, vielleicht größer als je zuvor. Auch dec
Zusammenhalt zwischen den Zweigen der Arbeiter-,'
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.