Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

274 DER BETRIEBSRAT
Urlaubsrecht des Arbeiters beschränken, indem es ihm
f.ir fünf oder vier Tage. ie nach dem Grad und der Form
der. Einschränkung der Arbeitsamt Entgelt gewähren
\\ iirde, oowohl § 3 verfugt, daß der „Beurlaubte" während
des „Urlaubes", also während einer Woche, beziehungs¬
weise zwei Wochen, das ist für sechs, beziehungsweise
zuüit Arbeitstage „den Ai.spruch auf seine Entlohnung
behiiit": dies ist auch dadurch gerechtfertigt, daß das
Araeiter-UriauljSKßSEtz*) auf dem Standpunkt steht, daß
der Ur.au;). also die Erhoiungsmöglichkeit. dem Arbeiter
nicht bloß um seiner selbst willen, sondern insbesondere
um der Gesamtheit willen gegeben wird, die ein interesse
an der Erhaltung der Arbeitskraft, gerade der gereiften,
die Familienerhalter umfassende Generation hat; von
diesem Standpunkt aus ist auch der so bestechende Gegen-
Schluß des Dienstgebers: daß nun der Beurlaubte für die
Woche mehr bekommt, als die, welche arbeiten, mehr als
er selbst, wenn er gearbeitet hätte, ohne Schlagkraft;
denn der Arbeitende erhält dem Lohn für seine Arbeit, die
Urlaubswoche aber und der Bezug in derselben entfällt auf
das ganze Dienstiahr, sie ist nicht diese zufällige Uriauas-
woche, Sendern eine einvernehmlich festzusetzende von
den 52 Jahrcswochen.
Gerade in dem oben zitierten § 3 beschäftigt sich dar
Gesetzgeber mit dem Gedanken, eine Ungieichmäßigkeit
des Verlustes trifft aber nur für den Fall des Akkord¬
lohnes, Sfiick- oder Gedinglohnes eine Verfügung, so daß
dieselbe eine Ausnahmebestimmung darstellt, die auf
Wach2 n lohner nicht angewendet werden kann.
Streng genommen würde der Standpunkt der Dionst-
geber bedeuten, daß Leute, die freiwillig ein oder zwei
Tage in der Woche aussetzen, nicht eine Woche, sondern
nur vier bis fünf Tage Urlaub hätten, a so eine Beschrän¬
kung (8 8) und unzulässig wäre oder sie müßten ihm noch
die fehlenden ein oder zwei Tage der nächsten Woche
dazugeben, was aber dem „ununterbrochenen" wider¬
sprechen würde, so daß auch auf diesem Weg dasselbe
Ergebnis erscheint.
Hins Verteilung der eingeschränkten Arbeitszeit ani
sechs läge wäre geschäftlich nicht zu rechtfertigen und
rechtlich eine Umgehung des § 8 des Arbeiter-Urlaubs-
gesetzes." Einigurrgsamt Wien, am 19. September 1922.
Dr. PfannJ m. d.
Das Bedeutsame dieser Entscheidung liegt ferner
darin; daß b e i d e Teile sich von vornherein dem Schieds¬
spruch unterworfen haben. Wäre dies nicht der Fall ge-
wess;:. so hätte erstens nicht das Einigunrsamt, sondern
da~ Gewerbegericht zur Entscheidung dieses Rechts¬
streites angerufen werden müssen: zweitens hätte selbst
dann, wenn sich das Einigur.gsamt für einen Schiedsspruch
zuständig erklärt hätte, dieser filr den Unternehmer keine
zwingende Rechtskraft gehabt. Dadurch, daß beide Te'Ie
von vornherein die obige Erklärung abgegeben haben, ist
dieser Schiedspruch unanfechtbar und exekutions¬
fähig geworden. Richard Frankel.
$ mwm s Oildiing und Erziehung | sa s
Reform der proletarischen Bildungsarbeit in Italien
Unter dem Titel „L'Universitä Proletaria" gibt der
italienisclie Ar.beiterbildungsausschuß (Comitato centrale
iialiano per la cultura dei lavoratöri) eine Broschüre heraus,
welche den Bericht des Genossen C a m p a n o zz i, Se¬
kretär des italienischen Arbeiterbildungsausschusscs. an den
italienischen Parteitag vom Jänner dieses Jahres darstellt.
Der Bericht entbrlt ein großzügiges Rifonnprogramm
für proletarische Eildungsarbeit, dai ofienbar den Keim
einer weitgehenden Umwälzung in dir Organisationsform
der Arbeiterbildung in sich birgt.
Folgen wir sehr frei und in kurzen Zügen dem Ge¬
dankengang des Genossen Campanozzi;
Der Achtstundentag wirkte einen erhöhten Bildungs¬
hunger der Arbeite', welcher durch die Tätigkeit der
Volkshochschulen nicht befriedigt werden kann, da der Ar¬
beiter in den volkstümlichen Bildungsan«talten nicht nur
persönliche Weiterbildung sucht, sondern diese gepaart
wissen will mit der Förderung des Evnanzipationskampfes
seiner Klasse. Diesen Teil des Zweckes seiner Weiter¬
bildung kann und will die Volkshochschule nicht erreichen.
— Bis dahin sind die proletarischen Bildungskräfte unöko-
*) Siehe den Gesetzestext in Nummer 4 des ersten
JahreanecB. (Red.l
nomisch zersplittert worden (Vo'Vshochschule. Referenten«
leurse. Bildungsvereine, Kuns.ireunde, Clarte-Theater-
vereinigungen. Sportgruppen usw.)
Dem ungeheuren Aufwand an Mühe und Arbeit ent¬
sprach das erreichte Resultat in keiner Weise, da die
Ökonomie der Kräfte mißachtet wurde. Finanzielle Zer¬
splitterung, gegenseitige KonkurrenAierung usw schadeten
der Entwicklung der Bildungsarbeit
Die Vereinheitlichung aller Biidungsbestrebungen im
einer großen, kräftigen Organisation allein kann helfen.
Wenn die proletarische Hochschule ein Rüstzeug im
Kampf gegen die Bourgeoisie sein will, so muß sie alle
Bildungszweige umfassen und geführt sun von einer ein¬
heitlichen Leitung. Das heißt: die Leitung der einheitlichen
(zentralisierten) Bildungstätigkeit steht in enger Lebens¬
gemeinschaft mit dem politischen und ökonomischen Or¬
ganismus des Proletariats, Mit anderen Worten: Partei, Ge¬
werkschaften. Konsumvereine und proletarische Hochschule
arbeiten in enger Lebensgemeinschaft an der Verwirk¬
lichung des proletarischen Zieles.
Die Einheit der Biiduugsarbeit Wörde sofort folgende
Errungenschaften zeitigen:
1. Einheit des Unterrichtes.
2. Ökonomie der Energien der leitenden Kräfte.
3. Minimale finanzielle Belastung der Massen.
4. Höchste Möglichkeit des Eindringens der Bildung»«
arbeit aufs Land.
Nur durch die Einheit im Unterricht läßt sich er¬
reichen, daß die Bildungsarbeit mehr sein wird als persön¬
liche Erholung und pseudowissenschaftlicher Dil&ttantismus.
Die Organisation der Universitä Proletaria kann na-ti
Bedürfnis stufenweise erfolgen, so daß im schlimmsten Fall,
den lokalen Verhältnissen entsprechend, vorerst nur eine
Sektion ausgebaut wird, das heißt nur einer der folgenden,
im Typ-Statut aufgeführten sechs Bildungszweige (Sektion
der Universitä Proletaria):
1. Allgemeine Bildung (Cultura generale).
2. Schulc für Organisatoren.
3. Schöne Künste. »
'1. Bibliothek und Druckschriften.
5. Physische Erziehung.
6. Kinde-Vlfe.
Wenn also beispielsweise in einer Stadt die Vor«
bedingungen für die Zusammenfassung der Arbeitersport¬
vereine noch fehlen, so sollen die Bildungszweige 1 bis 4 und
6 die Proletarische Hochs:hule bilden. Fehlen die Vorae-
dingungen oder die Lehrpersonen für die Kunstabteilung,
so soll die Eingliederung der künstlerischen Biidungs¬
bestrebungen in den Rahmen der Einlieitsorganisation erst
später erfolgen. Ziel ist aber stets der Gesamtaiubau der
Schule.
Uber die Methode des Unterrichtes verbreitet sich der
Bericht ausführlich. Ganz besonders verlangt er die An¬
passung der Unterrichtssprache an die Bildungsstufe der
Schüler Im wertem verlangt Campanozzi (und das ist sehr
beachtenswert) eine gewisse Unterrichtsdisziplin,
die uns in unseren Bildungsunteruelimcn oit fehlt. Er wünscht
vorerst Repetition (Wiederholung des Stoffes) mit d^n
Schülern, strenge Besuchskontrolle und denkt sogar an die
Möglichkeit einer DiplomervverbunT. Anderseits verlangt er
vom Lehrer einen summarisch gehaltenen gedruckten Aus¬
zug des zu behandelnden Stoffes. Der Unterricht soll nienf
nur referierend, sondern gegebenenfalls in kontra¬
diktorischer Form (Diskussion) gehalten werden; jedenfalls
aber so, daß der Schüler als Mitarbeiter und nicht als eine
Art Untergebener erscheint. Camnanozzi verlangt dann eine,
methodisch verschiedene Behandlung verschiedener Stoff¬
gebiete in dem Sinne, daß eine Zweiteilung stattfindet nach
Gebieten, die mit Politik etwas zu tun haben, und solchen,
die, wie Kunst und Experimentalv issenschaften, von ihr un¬
abhängig sind. Von der Nationalökonomie, Geschichte und
ähnlichen Disziplinen verlangt er. daß sie vom proletari¬
schen Standpunkt aus gelehrt werden, da der Proletarier
weder in offiziellen Schulen noch Fachschriften genügend
Gelegenheit habe, die Welt von seinem Interessenstanü-
punkt aus anzuschauen. Ja, in der Geschichte zum Beispiel
sei es ihm sonst nicht möglich, das Tatsächliche zu er¬
fahren, da die bürgerlichen Bildungsinstitute sehr oft nur
als Stütze der bestehenden Ordnung und rieht als Stützen
der Wahrheit und Wissenschaftlichkeit gedacht sind.
Aber auch die „unpolitischen" Wissensgebiete sind
nicht immer unpolitisch. Wie politische und wirtschaftliche
Organisationen an sich eine abstrakte Bedeutung besitzen,
aber in Händen verschiedener Grurwuen oraktisch eine politisch
        

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