Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

OER BETRIEBSRAT 275
.verschiedene Bedeutung erlangeri, so sind Experimental-
wissenschaften, Technik, Kunst etc. neutrale Erscheinungen.
In verschiedenen Händen, von verschiedenen Gruppen an¬
gewandt und zu Nutzen gezogen, unterscheiden letzten
Endes auch sie sich politisch*). Insofern ist die Proletarier-
schule dazu angetan, ohne Wissenschaft und Kunst mit der
Politik zu vermischen, selbst die objektiver Gesetzmäßigkeit
unterstehenden Disziplinen in den Dienst des Proletariats
zu stellen. Hier mit der bürgerlichen, dort mit der prole¬
tarischen Unterrichtsmethode.
Das Proletariat, das den Gegner auf den wirtschaft¬
lichen und politischen Boden gestellt hat, wird durch die
Arbeiterhochschule in die Lage versetzt, die Grundlage der
bürgerlichen Widerstandsfähigkeit zu erschüttern, indem es
der Bourgeoisie das Monopol des Unterrichtes und der Be¬
stimmung des Bildungszieles entreißt. (Leider wird es in
Italien derzeit wohl kaum zur Ausführung dieser Pläne
kommen. Die Red) F. Marbach (Bern).
Bitatersaiau $
Sozialwissenschaftiiche Literatur
iU;u eigentümlichen Reiz persönlicher Einwirkung,
der allen großen Reden innewohnt, verflüchtigt sich oft
alsbald, wenn die Rede zu Papier gebracht und nun der
Würdigung des Lesers überlassen wird. Das Faszi¬
nierende an der agitatorischen Größe Otto Bauers hin¬
gegen beruht auf dem Gleichklang der Eindrücke des ge¬
sprochenen und des nachgeschriebenen Wortes. Gleich
den allergrößten Volksmännern, gleich Lassalle, Bebel,
Viktor Adler, ist Otto Bauers Stärke die schier unheimliche
Einfachheit, in die er die schwierigste Kompliziertheit der
Probleme so bezwingend auflöst, daß der letzte und be¬
scheidenste Hörer sich erstaunt fragen muß, wieso er
denn nicht von selber schon längst auf alles das drauf-
gekommen sei. Diesen bezaubernden Eindruck des Weckens
alles Halbbew ußten im Volke verwischt auch die nach¬
trägliche Lektüre seiner Reden nicht. So sind Otto
Bauers Worte und Schriften unschätzbare Güter zur Auf-
rüttlung der Massen einerseits und unentbehrliches An¬
schauungsmaterial nicht nur für den marxistischen
Theoretiker, sondern auch für die praktische Selbst¬
schulung aller derer, die mit dfcn Volksmasseti in Kontakt
zu stehen haben, anderseits. Schon in diesem Sinne also
kann jedermann die gründliche Befassung mit Otto Bauers
letzter Parteitagsrede, welche vor einiger Zeit unter dem
Titel „Der Genfer Knechtungsvertrag und die Sozialdemo¬
kratie" im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung
(32 Seiten. 2000 K) erschienen ist. wärmstens angeraten
werden. Man wird durch diese Rede nicht nur umfassend
über das ganze Genfer Problem informiert, sondern auch
geradezu mit ästhetischem Wohlbehagen erfüllt im Au¬
gesicht dieser kristallklaren Sprache, die die Marxsche
Dialektik so handhabt, wie es eben nur einem Otto Bauer
gegeben ist.
Im Zusammenhang mit der im Vordergrund des
Interesses stehenden Genfer Kreditfrage wollen wir auf
ein Buch verweisen, welches das ganze Wirtschafts- und
Sozialproblem Österreichs in seinem vollen Umfang auf¬
rollt und Wege zeigen will, die aus dem Verderben wieder
herausführen. Wir meinen Max Ermers' tief schürfende
Broschüre „Österreichs Wirtschaftsverfall und Wieder¬
geburt. Ein Wirtschaftsprogramm zur Selbstrettung"
(Internationaler Verlag „Renaissance", Wien 1922,
88 Seiten, 4000 K). Ermers zeigt zunächst unser Elend in
a.len seinen Erscheinungsformen, die Rückständigkeit der
Landwirtschaft und des Bauernstandes, des industriellen
Unternehmertums und Produktionsapparates, den Ernst des
Beamtenproblems und alle sonstigen sozialen Verfalls¬
erscheinungen. Hierauf sucht er ein „überparteiliches"
Wirtschaftsprogramm der Selbsthilfe zu entwickeln, dessen
gediegene ziffermäßige Grundlegung die schamlose bürger¬
liche Öffentlichkeit welche jetzt aus Furcht vor den eigenen
Opfern dem Verrat des Seipel blindlings Gefolgschaft
leistet, neuerdings Lügen straft. Uber manche Einzelheit
des Ermersschen Entwurfs mag man ja skeptischer
denken und vielleicht auch die Einwendung laut werden
lassen, daß wir nicht nur ein Wirtschaftsprogramm auf
lange Sicht brauchen, sondern, weil uns die Not auf den
Fingern brennt, vor allem rasch wirksame Maßregeln für
die allernächste Zeit. Aber wir glauben dennoch, daß im
*) La.-- heißt das Ding ist neutral, aber seine Funktion
unter Umständen im Dienste einer politischen Tendenz.
Zusammenhang mit dem sozialdemokratischen Finanzplan
und den Stolperschen Sanierung'vJeert Max Ermers' Vor¬
schläge eine sehr brauchbare Unterlage für jede künftige
Regeneration der österreichischen Volkswirtschaft böten.
Da wir schon bei österreichischen Autoron haiten.
wollen wir gleich die Arbeiten von zwei weiteren Lands-
leuten hervorheben. Der bekannte Sozialisierungstheoretiker
Otto Neurath hat sich diesmal mit seinem Lieblings¬
thema. dem Gildenwesen, eingelassen und als Produkt
dieser Verbindung eine neue Broschüre „Gilden¬
sozialismus. Klassenkampf. Vcilsoziaiisierung" (Verlas
Kaden. Dresden 1922. 48 Seiten. 80 Mk.) hervorgebracht Er
erörtert mit Lebhaftigkeit und Originalität die Zusammen¬
hänge der Gildenfrage mit den künftigen Formen des
Klassenkampfes und des Umgestaltungsprozesses der
Partei und der Gewerkschaften. Ein besonderes Kapitel ist
der österreichischen Baugilde gewidmet.
Der aridere Österreicher. Sektionsrat Franz W 1 c ek,
ist von der Redaktion der „Gesetzesaasgabc der Kammer
für Arbeiter und Angestellte in Wien"* mit der Abfassung
des Heftes über „Die neuen Arbeiterschutzgesetze" (Volks¬
buchhandlung, Wien 1922, 97 Seiten, 8000 K) betraut
worden. Das Büchlein enthält das Gesetz über den acht¬
stündigen Arbeitstag samt den beiden Vollzugsanweisungen,
das Gesetz über den Schutz von Dienstnehmern bei der
Verlegung von Unternehmungen und der Veräußerung von
Betriebsmitteln ins Ausland, das Arbeiterurlaubsgesetz,
Bäckerschutzgesetz und anderes mehr, jedem Gesetz geht
eine erklärende Einleitung voran. Außerdem begleiten den
Gesetzestext zahlreiche Anmerkungen. Das treffliche
Werk bietet eine gute Übersicht Uber den Stand unserer
sozialpolitischen Gesetzgebung.
Obzwar von Geburt aus Ungarn, haben die beiden
ehemaligen ungarischen Minister Paul Szende und Ernst
Garami durch ihre lange Emigrationszeit in Österreich
sozusagen Heimatsrecht erworben, wenigstens auf
literarischem Gebiet. Neuestens stellt sich Paul Szende
mit dem Sonderabdruck einer großen Abhandlung aus dem
Grünberg-Archiv ein. während Ernst Garami — leider
nur in ungarischer Sprache — seine Revolutionsmemoireti
veröffentlicht. Szendes Arbeit: Enthüllung und Ver¬
hüllung, Der Kampf der Ideologien in der Geschichte
(Verlag C. L. Hirschfeld, Leipzig 1922, 86 Seiten) zeigt die
Vorzüge des Verfassers, eines der charmantesten Geister
auf dem Gebiete der Gesellschaftswissenschaften, in
glänzendstem Lichte. Das verblüffende Feuerwerk über¬
raschender Einfälle, die fein geschliffene Dialektik, welche
durch Marx' Schule gegangen ist, ohne der Scholastik
mancher Marx-Schüler zu verfallen, bereitet einen so
außerordentlichen Genuß, daß die Beschäftigung mit der
Abhandlung selbst allen jenen lebhaftes Vergnügen be¬
reiten wird, die gegen ihre Tendenz Widerspruch erheben
sollten. Die Klassenkampftheorie ist jedenfalls um ein
feingeistiges Werk ersten Ranges bereichert worden.
Ernst Garami nennt sein, wie gesagt, vorläufig
nur ungarisch erschienenes Buch: Forrongö Magyarorszftg,
Emlekezesek es tanulsägok (Das gärende Ungarn. Er¬
innerungen und Lehren. Pegasus-Verlag, Leipzig-Wien
1922, 243 Seiten). Garami ist der Führer der äußersten
Rechten der ungarischen Sozialdemokratie. Dieser Stellung
entsprechen auch die Stimmung und der Standpunkt des
Buches. Er sieht nur die Fehler, welche die beiden
Revolutionen begangen haben, und wer nur dieses Buch
liest, könnte demgemäß leicht an der Zukunft des Sozialis¬
mus verzagen. Davon aber abgesehen, ist das Buch recht
interessant und enthält eine Fülle von wichtigen Tat¬
sachen. Hervorzuheben ist die Festigkeit und der Mut,
mit dem Garami das System des weißen Terrors be¬
kämpft. Garami war der einzige unter den sozialdemo¬
kratischen Führern in Ungarn, welcher das kommunistische
Experiment nicht mitgemacht hat, und darum verdient sein
Buch besondere Aufmerksamkeit.
Viel von sich reden gemacht hat in letzter Zeit das
Memoirenbuch eines Österreichers aus den „höchsten
Sphären", nämlich der von Julius S z e p s herausgegebene
Briefwechsel des ehemaligen Kronprinzen Rudolf mit
dem alten Szeps: Politische Briefe an einen Freund,
1882—1889 (Rikola-Verlag, Wien 1922, 211 Seiten, 15.000
Kronen). So radikal und burschikos draufgängerisch die
Ansichten des verstorbenen Kronprinzen in jener Zeit des
bereits rettungslos geistigem Marasmus (Stumpfsinn) ver¬
fallenen Habsburgerhofes geschienen haben mögen, heut¬
zutage kommt auch dieser Aufwand von Redseligkeit und
Schwall von sich selbst berauschenden Phrasen nur wie
aus der Gruft einer längst vermoderten Periode. Es liegJ
in dem Zufall des frühen Todes das deutschen Kaisers
        

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