Full text: Der Betriebsrat - 1922 Heft 18 (18)

272 OER BETRIEBSRAT
zeigen und Bloßlegen all der vorhandenen Schwierig¬
keiten ist ungemein lehrreich. Fürwahr, solche Betriebs¬
räte müssen harte, aber fruchtbringende Arbeit geleistet
haben, wenn sie auf Erfolge blicken können, wie etwa den,
die Urlaube in einem über das gesetzliche Recht weit
hinausgehenden Ausmaß durchgesetzt zu haben und bei
Entlassungen die entsprechende Mitbestimmung zu be¬
sitzen. Aber auch auf Abfertigungs- und Pensionsbeträge
übten sie Einfluß, damit bekundend, daß sie und die hinter
ihnen stehende Arbeiterschaft immerhin eine achtung¬
gebietende Macht im» Betrieb verkörpern. Bei den ver¬
schiedensten Anlässen bekundete die Arbeiterschaft unter
Führung der Betriebsräte ihre Solidarität auch mit der
Gesamtarbeiterschaft, wie aus besonderen Nachweisen
über eine selbstverwaltete Kasse hervorgeht Daß die
Betriebsräte auch in den bestehenden Wohlfahrtsein-
richiungen entsprechendes Mitwirkungsrecht besitzen, ist
selbstverständlich. Sie stellten auch hier ihren Mann uiid
waren außerdem noch in der Arbeiterbewegung außerhalb
des Instituts tätig, wie in der Gewerkschaft. Aroeiter-
kamtner, Konsuinentenorganisation usw. Der Bericht zeigt
recht deutlich, was tüchtige Betriebsräte bedeuten und
wieviel sie im Kleinkanipf zu leisten vermögea Mag da
ein Unternehmer oder Direktor versuchen, brutal zu sein,
es wird aH sein Beginnen zerschellen, wenn die Arbeiter¬
schaft einig und geschlossen ist. Von anderen Betriebs¬
rätekörperschaften nächstens ähnliches berichten zu
tonnen, soll lins Freude bereitert. Eduard St r aas.
Ein Versush zur Lösung der Abbaufrage
Als eine der wichtigsten Aufgaben wird sowohl durch
die österreichische Regierung ais auch durch die Privat¬
wirtschaft. die Frage des Abbaues betrachtet. Be¬
greiflicherweise berührt dieses Thema die weitesten
Schichten der Angesteiltenschait, denn die Abbaufrage ist
nicht bloß beim Staat allein aktuell, sondern auch in der
Industrie, bei den Banken, insbesondere aber bei den
Versicherungsgesellschaften wird das Personal von dieser
akuten, modernen Krankheitserscheinung heimgesucht. Ver¬
gebens zerbrechen sich unsere maßgebenden Persön¬
lichkeiten ihre so vollwertigen Köpfe darüber, wie dieser
Abbau sich zu vollziehen hätte, lim den Staat und die
Privatiinternehmungen von den schweren Lasten des sie
so sehr drückenden Geljaltsetats zu retten. Diese Ma߬
nahmen wären schon längst beim Staat durchgeführt, ohne
Rücksicht auf den eventuell zu gewärtigenden Einspruch
der gegenwättigen Minderheit im Nationalrat, wenn nicht
dieses Experiment ein zweischneidiges Schwert wäre,
weil der Staat dann eine Arbeitslosenunterstützung in
bedeutendem Ausmaße zu bezahlen hätte.
Begreiflicherweise nehmen sowohl die verschiedenen
Angestelltenorganisationen als auch die weitesten Kreise
der Angestelltenschaft zu diesem sehr wichtigen Problem
Stellung, denn was gestern beim Staat aktuell war, ist
heute bei den Versicherungsgesellschaften und morgen in
einem anderen kapitalistischen Unternehmungszweig der
Fall. Wenn nicht die Angestellten selbst auf ihre Rettung
bedacht sein wollen, so sind sie verloren; unsere gegen¬
wärtige Regierung- hat sicherlich in erster Reihe andere
Berufsschichten zu schützen als jenen großen Teil des
kleinen Staates Österreich, welcher sich aus manuellen
und geistig arbeitenden Menschen zusammensetzt.
Während sfeh also unsere maßgebenden Faktoren
in der Regierung damit beschäftigen, auf welche mehr
oder weniger brutale Art ihre scharfen Maßnahmen durch¬
zuführen sind, hat die Not andere Menschen erfinderisch
gemacht und ein kleines Experiment wurde gewagt,
welches, wenn es gelingt, richtunggebend wirken könnte.
Wie schon eingangs erwähnt, beherrscht diese Frage
nicht nur die Kreise der Staatsangestellten, sondern auch
>n sehr erheblichem Maße die Versicherungsangestellten.
Bei einer dieser Anstalten, bei welcher der Abbau mit
Rücksicht aui die gegenwärtig nicht mehr bestehende
Kriegsversicherung in großem Umfang vorgenommen
werden mußte, wurde ein Projekt entworfen, nach
welchem die vom Abbau betroffenen Angestellten sich zu
einer Produkt! vgenossenschaft vereinigten, um
sich auf diesem Weg eine neue Existenz zu gründen. Ein
jroßer Teil von weiblichen Angestellten wird anstatt beim
Schreibtisch nicht gewürdigte Arbeit zu verrichten,
künftig produktive Arbeit dadurch leisten, daß sie bei der
Wäscheerzeugung und Konfektion beschäftigt werden;
ein anderer Teil wird sich mit der Damenkonfektion
befassen, wieder ein anderer Teil der männlichen
ibsebauteu Angestellten in einem Lelieusmittelzweiz tätig
sein. Auch andere kaufmännische Erwerbszweige werden
ausgenützt ui'd die wichtigste Frage, die Finanzierung,
wurde dadurch gelöst, daß zunächst die Interessenten, das
sind die Abgebauten, ihre Abfertigungssumme als Kapitals«
einlage verwendeten, während die übrigen aktivdienenden
Angestellten in Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Sachlage
sich mit Begeisterung bereit erklärten, Anteilscheine und
Spareinlagen in entsprechendem Verhältnis zu ihrem Ein¬
kommen zu zeichnen. Die Angestellten bringen diese
Zahlungen in monatlichen Raten auf. und das betreffende
Institut, in diesem Fall die Lebensversicherungsgesellsciiait
„Phönix" in Wien, wird diese Beträge bevorschussen.
Das Unternehmen ist unter dem Namen „Provera" (Pro-
duktivgenossenschaft Versicherungsangestellter) ins Leben
getreten. Es sind auch die nötigen Vorbedingungen ge¬
troffen, um den Erzeugnissen ein geeignetes Absatzgebiet
zu verschaffen. Mut, Energie und guten Willen bringen
alle Beteiligten in das neue Unternehmen mit Was heute
bei einem kleinen Teil von Versicherungsangestellten
möglich war, soll morgen zur Möglichkeit werden, in
weiteren Kreisen der arbeitenden Menschheit.
Ludwig Safier (Betriebsrat).
Geistige Aufgaben der Betriebsräte
Anschließend an die Ausführungen des Betriebsrates
Safier in der Nr. 15 will auch ich hier die Gelegenheit
wahrnehmen, meinen Betriebsratskollegen Wege zu
weisen, welche sie gehen sollten, um ihren Teil zur Bildung
und Aufklärung ihrer Wähler beizutragen.
Von" dem Grundsatz ausgehend, daß jedes gute
Buch bei demjenigen, der es liest, einen gewissen Eindruck
hinterläßt, möchte ich meinen Betriebsratskollegen ans
Herz legen, all ihren Einfluß aufzubieten, um in ihrem
Betrieb ebentalls eine Betriebsbibliothek zu
gründen.
Ich will da nur einen Weg weisen, welcher nach
meiner Erfahrung der zweckmäßigste ist und den Erfolg
verbürgt.
Auf Grund des Betriebsrätegesetzes steht dem
Betriebsrat das Recht zu, eine Abgabe in der Höhe eines
halben Prozents von der Lohnkrone auf den Arbeits*
verdienst umzulegen.
Nun meine ich, daß kein Betriebsrat diese Be¬
stimmung unausgenützt lassen sollte.
Es hätte somit der Betriebsrat in einer Vollversamm¬
lung den Antrag auf Einhebung der /^prozentigen Umlage
einzubringen und als Begründung eben die Errichtung
einer Betriebsbibliothek und sonstige Auslagen anzuführen.
Damit wären im Falle der Annahme des Antrages
dem Betriebsrat die Mittel zum Zwecke der Bildung in die
Hand gegeben.
Da man nun durch Bücher das ganze Denken eines
Menschen stark beeinflussen kann, und es von großer
Wichtigkeit ist, welche Bücher man für eine Arbei;er-
bibliothelc anschafft, für einen Genossen aber, welch r
noch keine Erfahrungen hat, es nicht immer leicht 1
wird, das Richtige zu treffen, so möchte ich auf den Untcr-
richtsausschuß der Partei, V, Rechte Wienzeile 97, ver¬
weisen, wo man an der Hand von Bücherverzeichnissen
alles finden wird, was sich in sozialwissenschaftlicher,
naturgeschichtlicher und belletristischer Beziehung für
eine Arbeiterbibliothek eignet.
Ich erachte jedoch die Errichtung einer Betriebs«
bibliothek zur Bildung und Aufklärung noch nicht ais
erschöpfend, vielmehr kann man auch aus den Erträgnissen
der Umlage in Betrieben, wo geeignete Räume vorhanden
sind, zum Beispiel Lichtbildervorträge veranstalten.
Alle oben angeführten Anregungen wurden in
meinem Betriebe vor ungefähr zwei Jahren durchgeführt.
Wir haben eine aus einigen hundert Bänden bestehende
Betriebsbibliothek vorzüglichen Inhaltes und sind mit dem
Erfolg sehr zufrieden. Von den 200 Angestellten des Be¬
triebes nehmen mehr als zwei Drittel die Bibliothek
fleißig in Anspruch, und es ist eine Freude, wenn man sieht,
daß die Leute, anstatt wie früher ins Wirtshaus zu gehen,
lieber ein gutes Buch zur Hand nehmen.
Weiters wurden auch im Laufe des vergangenen
Monats vom Betriebsrat Sprachkurse eingeführt, woran
gegenwärtig dreißig Genossen und Genossinnen teilnehmen.
Man sieht also, daß man auf dem Gebiete der Bildungs¬
arbeit verschiedentlich wirken kann und, wie man sieht,
mit schönem Erfolg
I 
    

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.