Volltext: Nachhaltiger Tourismus (3)

www.wirtschaftundumwelt.at
ventionierung der gewerblichen Luftfahrt.
So ist der Flugtreibstoff Kerosin nach wie
vor gänzlich steuerbefreit, ebenso wie
Flugtickets für grenzüberschreitende Flüge
– während die Bahn neben allen Steuern für
jeden gefahrenen Zugkilometer Schienen-
maut (Infrastrukturbenützungsentgelt)
zahlen muss. Diese staatliche Subventio-
nierung und Steuerbefreiung des Luftfahrt-
verkehrs bewirkt enorme Einnahmeausfäl-
le, die der Volkswirtschaft und dem Ar-
beitsmarkt schaden. In Deutschland etwa
entgehen dem Fiskus dadurch jährlich sie-
ben Milliarden Euro, die für öffentliche In-
vestitionen und deren Impulse für Wirt-
schaft und Beschäftigung fehlen. Würde
Kerosin mit rund 80 Cent pro Liter besteu-
ert, könnte zum Beispiel jeder der 40 Mil-
lionen deutschen Steuerzahler jährlich um
rund 150 Euro entlastet werden, um durch
zusätzlichen Konsum die Konjunktur zu
beleben.
Um die steuerlich bedingten Wettbe-
werbsverzerrungen zwischen der umwelt-
freundlichen Bahn und dem umweltschädi-
genden Flugverkehr zu korrigieren, setzte
die deutsche Bundesregierung nun ein ver-
kehrs- und umweltpolitisch beachtenswer-
tes Signal: Laut Regierungsbeschluss wird
die Besteuerung von Bahntickets ab 2005
von derzeit 16 Prozent auf sieben Prozent
gesenkt. Für Flugtickets, die bisher unver-
steuert sind, werden ab nächstem Jahr 16
Prozent Umsatzsteuer zu bezahlen sein. In
Österreich sind Inlandsflüge ebenso wie al-
le inländischen Bahnstrecken – auch bei
grenzüberschreitenden Bahnfahrten – mit
zehn Prozent besteuert, internationale Flü-
ge hingegen sind von der Steuer befreit. 
E
in weiterer Faktor, der einen (politi-
schen) Wettbewerbsvorteil für den
Flugverkehr darstellt, ist die Tatsache,
dass der internationale Flugverkehr nicht
unter das Klimaschutzprotokoll fällt. Da-
mit können „Verschmutzungsrechte“ aus
dem Luftverkehr gratis, nämlich ohne An-
rechnung auf die im Kyoto-Protokoll ver-
einbarten nationalen Emissionskontingen-
te, in Anspruch genommen werden. Laut
Kyoto-Protokoll ist die International Civil
Aviation Organisation (ICAO), eine Son-
derorganisation der Vereinten Nationen,
für die Limitierung des Ausstoßes an Treib-
hausgasen aus dem Flugverkehr zuständig.
Diese spricht sich aber sowohl gegen eine
Besteuerung des weltweit steuerbefreiten
Flugtreibstoffes, als auch gegen neue Stan-
dards für Kohlendioxidemissionen aus.
Die bisherigen ICAO-Standards berück-
sichtigen nur die Emissionen beim Start
und bei der Landung, nicht aber jene für die
übrige Zeit der Reise. Es wirkt wie eine
Farce, dass genau jene Organisation, die
für die Eindämmung der Emissionen aus
dem Flugverkehr Verantwortung trägt, sich
gegen wirksame Maßnahmen zur Umset-
zung dieses Ziels ausspricht. Klimafor-
scher und Umweltorganisationen fordern
im Gegensatz dazu die Verteuerung von
Flugreisen durch die Besteuerung von
Kerosin und Flugtickets. Auch eine Inter-
nalisierung der Folgekosten des Flugver-
kehrs und ein generelles Nachtflugverbot
werden gefordert, da die Lärmbelästigung
aus dem Flugverkehr einen zweiten wich-
tigen Umweltfaktor darstellt. 
Bedenkt man, dass global bereits 50 Pro-
zent des Gesamtverkehrsaufkommens und
der Emissionen dem Freizeit- und Touris-
musverkehr zuzurechnen sind, und dass
zum Beispiel in Österreich die Kohlendio-
xidemissionen aus dem Verkehr in den letz-
ten Jahren um 30 Prozent zugenommen ha-
ben, wird klar, dass die Wege aus der Krise
nur in der Umsetzung von Konzepten für ei-
nen nachhaltigen Tourismus und eine nach-
haltige Verkehrspolitik bestehen können.
Die Arbeitsgruppe Rio + 10 der NGO-Ar-
beitsgemeinschaft für Nachhaltige Touris-
musentwicklung DANTE (http://www.dan-
te-tourismus.org) hat 10 Leitsätze und Forde-
rungen für eine zukunftsfähige Entwicklung
des Tourismus im 21. Jahrhundert erarbeitet
(siehe Kasten Seite 20). Prinzipien einer
nachhaltigen Tourismusentwicklung wurden
auch mit der Verabschiedung des Globalen
Ethik-Kodex für den Tourismus durch die
Welttourismusorganisation am 1. Oktober
1999 festgeschrieben. Im Artikel 3 (5) des
Kodex heißt es: „Naturbezogener Tourismus
und Ökotourismus werden als besonders för-
derlich anerkannt, um das Ansehen des Tou-
rismus zu bereichern und zu erhöhen, vor-
ausgesetzt, sie respektieren die natürliche
Umwelt, binden die einheimische Bevölke-
rung in ihrer Entwicklung ein und befinden
sich im Einklang mit der Tragfähigkeit der
touristischen Standorte.“
Um nachhaltigen Tourismus zu fördern,
müssen Transparenz über die Preise und
die Klimabelastung durch den Verkehr am
Boden und in der Luft hergestellt werden,
sowie die Folgekosten den Verursachern
angelastet werden. 
3/200420 •   Wirtschaft & Umwelt
SCHWERPUNKT
GRUNDSÄTZE
NACHHALTIGER TOURISMUS
 Armut/Entwicklung
Tourismus muss einen Beitrag zur Überwindung
der Armut leisten – soziale Gerechtigkeit, Umwelt-
gerechtigkeit und die Beteiligung der Menschen in
touristischen Zielgebieten sind die Voraussetzun-
gen dafür.
 Klima: Verkehr/Energie
Raus aus dem Stau, weg vom Jetlag, hin zur sanf-
ten Mobilität für alle!
 Land: Boden/Ernährung
Unser Urlaubsort – Ihr Zuhause
 Biodiversität
Tourismus lebt von der Vielfalt der Natur und der
Kulturlandschaften der Welt – er muss zu ihrer Er-
haltung beitragen.
 Wasser
Das kühle Nass ist unterwegs noch kostbarer als zu
Hause.
 Menschenwürde – Geschlechtergerechtigkeit
Frauen und Kinder benötigen Schutz und „Empo-
werment“, damit sie im Tourismus nicht das Nach-
sehen haben.
 Partizipation der Zivilgesellschaft
Alle gesellschaftlichen Akteure, gerade auch be-
nachteiligte Bevölkerungsgruppen und Minderhei-
ten, müssen über Tourismus entscheiden können
und am Ertrag teilhaben.
 Konsum und Lebensstil
Reise- und Freizeitverhalten umwelt- und men-
schengerecht gestalten!
 Internationale Wirtschafts- und Handelspolitik
Fairer Handel – auch im Tourismus!
 Kohärente Politik
Politischer Wille zur Einhaltung der Menschenrech-
te und zu einem kohärenten Interessenausgleich
zwischen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft ist
auf allen Ebenen unabdingbar, damit künftige Ge-
nerationen überall in Würde leben, Freizeit ge-
nießen und reisen können. 
http://www.dante-tourismus.org
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.