Eines ist jedenfalls sicher: Die Men-
schenwerden in Zukunft stärker darauf ach-
ten, welchesVerkehrsmittel für ihren jewei-
ligen Zweck das Vernünftigste ist. So ge-
nannte intermodale Mobilität wird an Be-
deutung gewinnen. Kurze Strecken werden
häufiger mit dem Rad oder zu Fuß zurück-
gelegt, und wer ein Auto braucht, wird es
nicht automatisch besitzen. Eswird deutlich
mehr Menschen geben, die Carsharing
praktizieren, die also den Vorteil nutzen
werden, dass sie für Fahrten zu zweit ein
kleines, für Ausflüge zu mehrt ein größeres
Auto verwenden können.
GESAMTKONZEPT FEHLT
Ob und wie sich der Verkehr in Zukunft
weiter entwickelt hängt neben den Ölprei-
sen, der Klimadiskussion und dem demo-
graphischenWandel vor allem auch von den
Maßnahmen der Verkehrspolitik ab. We-
sentlich für eine moderne Verkehrspolitik
ist, Zielvorgaben zu setzen. Wie viel Ver-
kehr soll es im Jahr 2025 in Österreich ge-
ben? Wie soll der Modal Split sowohl im
Personen- als auch im Güterverkehr ausse-
hen?Von diesen Zielen abgeleitet, sind dann
die erforderlichen Maßnahmen zu setzen.
Ein solches Gesamtverkehrskonzept fehlt
derzeit in Österreich. Ein zentrales Instru-
ment der Verkehrspolitik des vergangenen
Jahrhunderts – derAusbau von Infrastruktur
– wird drastisch an Bedeutung verlieren.
Leicht möglich, dass manche Autobahnen,
die heute gebaut werden, in einigen Jahr-
zehnten „Geisterautobahnen“ sind.
IRRWEGE BEENDEN
Denn schon heute findet das Verkehrs-
wachstum nur mehr beim Güterverkehr
statt.Aber auch derGütertransport wird sich
im Zeitalter des hohen Ölpreises ändern.
Die Verteuerung des derzeit viel zu billigen
Transports erhöht wieder die Wettbewerbs-
chancen für die regionale Wirtschaft. Dass
heuteTomaten, die tausendeKilometer quer
durch Europa transportiert werden, billiger
sind als die Paradeiser vom Bauern ums
Eck, ist weder ökologisch noch ökonomisch
vernünftig. Ebenso verhält es sich mit den
rollenden Lagerhallen, weil der Transport
günstiger ist als die Lagerung. Derzeit wird
vor allem der LKW-Transport künstlich
noch billiger gehalten als er tatsächlich ist.
In der EU werden derzeit rund 300 Milliar-
den Euro an Kosten pro Jahr, die durch den
LKW-Verkehr verursacht werden, nicht von
VerursacherInnen bezahlt, sondern auf die
Allgemeinheit abgewälzt. Im Interesse der
KonsumentInnen ist zu hoffen, dass diese
Irrwege bald ein Ende haben. 
SHARED SPACE
Verkehr. In den öffentlichenRäumenwird es immer enger.
Muss das so ein? Nein! Das „Shared Space“-Konzept geht
von der Gleichstellung aller VerkehrsteilnehmerInnen aus
und baut auf deren soziale Kompetenz. Darüber sprach
Wilfried Leisch mit dem Direktor des Keuning Instituts in
Groningen,Holland, Prof. Drs.WillemFoorthuis.
Wie entstand das Konzept?
Foorthuis:Während der letzten
JahrzehntewurdeRaumplanungs-
politik weitgehend vomVerkehr und
damit verbundenenBestrebungen
wieVekehrsfluss undVerkehrssi-
cherheit geprägt. Oft geschah dies
auf Kosten derQualität unserer Um-
gebung und unseres Lebensraumes.
„Shared Space“will neuePerspekti-
ven für die Raumplanung entwickeln
und anwenden.
Wie schauen die aus?
Foorthuis:Verkehrsschilder,
Fußgängerinseln, Ampeln und ande-
re Barrieren sind nichtmehr nötig.
Im „Shared Space“ fügen sichAuto-
fahrer rücksichtsvoll insmenschli-
cheMiteinander von Fußgängern,
Radfahrern und spielendenKindern
ein undwerden Teil des gesamten
gesellschaftlichen und kulturellen
Kontextes. „Shared Space“ istmehr
als ein paar einfache Entwurfsprin-
zipien, bedeutet neuePlanungs- ,
Entwurfs- und Entscheidungspro-
zesse, aus denen neueStrukturen
für die Teilnahmealler beteiligten
Parteien, also auch der Bürger ent-
stehen.
Wie funktioniert das?
Foorthuis:Nach demPrinzip:Men-
schen statt Regeln! Es geht nicht
umVerkehrsplanung, sondern um
Menschen, die sich die Straße teilen
anstatt sie aufzuteilen – nicht ge-
gen- oder nebeneinander, sondern
miteinander. Sich untereinander
verständigen, selbst Verantwortung
übernehmen, anstatt sich auf exter-
ne (Verkehrs)regeln zu berufen, das
ist die Devise von „Shared Space“.
Was ist dazu nötig?
Foorthuis:Räumliche Qualitäten,
Politikmit Rückgrat und verant-
wortliche Bürger. Jeder Ort hat sei-
ne eigenenQualitäten. Die gilt es zu
finden, zu benutzen und dieMen-
schen, ihr Leben, ihre Bewegungen,
was ihnenwichtig ist, zu zeigen und
dafür Platz zu schaffen. Politiker
müssen eine Entscheidung treffen:
wollen wir einen Raum, in dem es in
erster Linie um den schnellen und
ungehinderten Verkehrsabfluss
geht oder um ein angenehmes Zu-
sammensein, um unbekümmerte
Bewegungen. „Shared Space“ ist
nicht bloß eine andere Straßenge-
staltung, sondern ermöglicht und
erfordert eine andere Einstellung,
ein anderes Verhalten. Jeder sollte
sich zuerst als Bürger, d. h. als
Mensch, auffassen, erst danach als
‘Professional’. Zu oftmachen ‘Ex-
perten’ jede Diskussion unmöglich,
da sie nur von ihremFachgebiet aus
argumentieren. Sie verstehenwe-
der ihre Kollegen aus anderen Fach-
gebieten, noch die ‘normalenMen-
schen’. Das gilt aber genauso für
den ‘Laien’. Als Bürger fordernwir
vehement ein Recht aufMitspra-
che, Mitentscheidung. Aber wenn
es etwas unbequemoder schwierig
wird, schiebenwir unsere Verant-
wortung gerne ab, auf ‘die Politik’,
auf ‘die Polizei’, auf ‘dieWissen-
schaft’.
Wie steht's umErfolg und Zukunft?
Foorthuis:Ganz einfach: Es passie-
renwenigerUnglücke, unsere
Straßen sehenwieder schön aus
und zudemgeht es viel schneller:
niemand brauchtmehr endlos vor
derAmpel zuwarten. Qualität, Si-
cherheit, Risiko, Verantwortlichkeit
– das sind die Stichworte, die uns in
der nächstenZeit ammeisten be-
schäftigenwerden. Als Gesellschaft
solltenwir wieder lernen, uns auf
das zu besinnen, was richtig und
wichtig ist, und dasswir dafür alle
die Verantwortung tragen.
INTERVIEW
www.wirtschaftundumwelt.atSEITE 24 WIRTSCHAFT & UMWELT 3/2008
Willem Foorthuis
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