*Mag. Werner Hochreiter
ist Jurist und Mitarbeiter
der Abteilung Umwelt &
Verkehr in der AK Wien.
www.wirtschaftundumwelt.atSEITE 32 WIRTSCHAFT & UMWELT 2/2009
KONTROVERSE
PFAND- UND MEHRWEGGEBINDE –
DEN HANDEL AUF ANGEBOTE VERPFLICHTEN?
PRO
Mehrwegverpackungen sind in jeder Hinsicht die
ökologisch beste Getränkeverpackung. Zudem stehen
sie für Angebotsvielfalt, stärken die regionale Wirt-
schaft und sichern dort Arbeitsplätze.
Mehrweg stärkt den Umweltschutz und schont die
Ressourcen. Kunststoffeinwegflaschen brauchen 17-
mal mehr Rohstoffe – den Löwenanteil davon in der
Herstellung. Kunststoffmehrwegflaschen werden rund
20mal wieder befüllt. So vermeidet Mehrweg unnöti-
gen Müll, auch am Straßenrand, und spart CO2-Emis-
sionen. Kunststoffeinwegflaschen verursachen doppelt
so viele CO2-Emissionen wie Mehrwegflaschen. Die
Einwegdose verursacht dreimal so viel CO2-Emissio-
nen wie die Mehrwegglasflasche. Recyling ist nicht
gleichwertig.
Mehrweg stärkt die Angebotsvielfalt,
Einweg ist hingegen einTreiber fürMarkt-
konzentrationsprozesse in der Produktion
und im Vertrieb. Schon heute stammen 55
Prozent des Mineralwassers und der Erfri-
schungsgetränke in Deutschland von bloß
fünf Discounter-Lieferanten, die sich großer Lohnab-
füllbetriebe bedienen. Die restlichen 45 Prozent produ-
zieren 200 mittlere und kleinere Mineralbrunnenbe-
triebe – mit vager Zukunftsaussicht, wenn es bei bu-
siness-as-usual bleibt. Selbiges kann man auch in
Österreich beobachten und wird auch bei Bier kom-
men. WerAngebotsvielfalt will, stärkt Mehrweg.
Mehrweg erhält Arbeitsplätze und Wertschöpfung
in der Region. Deutsche Brauereien, Mineralbrunnen,
Hersteller von Erfrischungsgetränken und Fruchtsaft
beschäftigen rund 80.000 Menschen, der Getränke-
fachhandel noch einmal 80.000. Setzt sichEinwegwei-
ter durch,wird geschätzt, dass in der Produktion 25.000
und imHandel bis zu 40.000Arbeitsplätze verloren ge-
hen.Arbeitsplätze in der Region,Arbeitsplätze in mitt-
leren und kleineren Unternehmen. Zahlen für Öster-
reich liegen nur in Ansätzen vor, weil die zuständigen
Standesvertretungen sich verschweigen. Was vorliegt,
spricht für vergleichbare Strukturen und Marktverhält-
nisse. Das ergibt im worst case mittelfristig rund 6.000
gefährdeteArbeitsplätze in Österreich.
Auch Wirtschaftsvertreter argumentieren mit Um-
weltschutz undWahlfreiheit derVerbraucher. In den so-
genannten freiwilligen Vereinbarungen der Getränke-
wirtschaft steht es so geschrieben. Doch das waren bis
jetzt nur Worthülsen. Denn gleichzeitig hat der Handel
das Mehrwegangebot kontiniuierlich reduziert und die
Verbraucher mit gezielter Einweg-Promotion „weich-
geklopft“, damit Dose und Einwegflasche chick wer-
den. Wenn die geltende Vereinbarung verspricht, dass
bis 2017 zehn Prozent der CO2-Emissionen
eingespart werden, so ist das mager. Eine
Komplettumstellung auf Mehrweg brächte
eineHalbierungderCO2-Emissionen!Ganz
zu schweigen davon, dass bisherige Um-
weltminister tatenlos zugesehen haben,
wennversprocheneZiele verfehltworden sind.Minister
Erwin Pröll hat sogar – in Parallele zum Ortstafelstreit
– das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes igno-
riert, das ihn zu verbindlichen Maßnahmen zur Mehr-
wegförderung verpflichtet hat.
Es ist purer Zynismus, wenn Wirtschaftsvertreter
heute verkünden, dieVerbraucher hättenmit ihremEin-
kaufsverhalten für Einweg entschieden. Verbraucher
können sich vieleswünschen;was angebotenwird, ent-
scheiden aber die Handelsketten. Umfragen zeigen,
dass die Verbraucher trotz Wirtschaftskrise Mehrweg
und regionale Produkte wollen. Die Verbraucher dür-
fen nur nicht für ihr Verhalten bestraft werden. Herr
Umweltminister, nehmen Sie endlich Ihr Abfallwirt-
schaftsgesetz ernst und vollziehen Sie es!
MAG. WERNER HOCHREITER *
Mehrweg hat Zukunft
Die „Initiative mehrweg.at“ besteht seit 1998 und sieht sich als österreichi-
sche Plattform zur Förderung von Mehrweggetränkeverpackungen und Mehr-
weg-Transportverpackungen. Neben der Homepage als Informationszentrum
und Diskussionsforum zum Thema steht mehrweg.at für gezielte Lobbying-Ak-
tivität für Mehrwegsysteme.
WAS HAT EINWEG-
MEHRWEG MIT DEM
ORTSTAFELSTREIT
GEMEINSAM?
F
O
T
O
S
:
S
C
H
U
H
(2
)
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.