*Dr. Johann Brunner ist Jurist und
Referent im Fachverband der Nah-
rungs- und Genussmittelindustrie.
www.arbeiterkammer.at WIRTSCHAFT & UMWELT 2/2009 SEITE 33
KONTROVERSE
Das Angebot von Mehrweggebinden im Handel geht stark zurück.
Die Wirtschaft sagt, die Konsumenten hätten sich gegen Mehrweg
und für Einweg entschieden. Umfragen zeigen: 60 Prozent würden
zur Mehrwegflasche greifen. Soll der Umweltminister den Handel
auf Pfand- und Mehrwegangebote verpflichten?
Beatles oder Stones, Rapid oder Austria – mit ähn-
lich ideologischer Inbrunst wie die verbalen Gefechte
zwischen den Vertretern dieser musikalischen bzw.
sportlichen Lager wurde bis vor wenigen Jahren die
Debatte zwischen Befürwortern von Mehrweg- bzw.
Einwegverpackungen geführt. Die Getränkeindustrie
bot stellvertretend für die gesamte Wirtschaft den
Schauplatz derDiskussionen rund umQuoten, Pfänder,
Ökobilanzen und Recyclingtechnologien.
Diese Form derAuseinandersetzung ist längst obso-
let geworden. Denn die Welt ist nicht schwarz oder
weiß, sie ist auch nicht grau, sie ist bunt. Es gibt eine
Vielzahl an unterschiedlichen Konsumsituationen und
dementsprechend viele Gebindeformen. Und die Kon-
sumenten wollen je nachAnlass das passende Getränk
in der passenden Verpackung – bei Bier oder
in der Gastronomie sind das beispielsweise
Mehrweggebinde. Diese werden dort auch
flächendeckend angeboten. Im Supermarkt
oder am Imbissstand hingegen stellen zu-
meist Einweggebinde die bevorzugte Wahl dar. Diese
Tatsache wird durch zahlreiche Studien erhärtet – die
soziodemografischen Strukturen haben sich geändert,
und damit auch Konsum- und Einkaufsverhalten. War
der Kleinfamilien-Wochenendeinkauf früher gang und
gäbe, werden jetzt Getränke immer mehr„on the go“,
das heißt zwischendurch und unterwegs konsumiert.
Und weil das so ist und die Menschen immer mehr
leichte, praktische Einweggebinde verlangen, produ-
ziert die Industrie diesen Bedürfnissen entsprechend.
Das ist ihreAufgabe, und das erwarten die Konsumen-
ten. Denn künstliche Stützungsmaßnahmen bringen
nichts – schließlich hat es jahrelange Versuche gege-
ben,mittels Preis-Promotions, prominenter Platzierung
und umfassender Bewerbung den Verkauf von Mehr-
weggebinden anzukurbeln. Was blieb, waren sinkende
Absatzzahlen trotz gemeinsamer Anstrengung von In-
dustrie und Handel und der schale Geschmack der
Zwangsbeglückung. Das kann auch gewaltig ins Geld
gehen – das Einweg-Zwangspfand bei unserem Nach-
barn Deutschland stellt ein abschreckendes Beispiel
dar. Seit dem Inkrafttreten im Jahr 2003 sind dieMehr-
wegquoten weiter nach unten gerasselt; die jährlichen
Kosten betragen mittlerweile fast 800 Millionen (!)
Euro – und das für eine Verbesserung des deutschen
CO2-Haushaltes um gerade 0,05%.
Die Zeche zahlt letztlich der Konsument. Und der
sieht nicht ein, warum – schon gar nicht in wirtschaft-
lich angespannten Zeiten. Denn die historische Glei-
chung „Mehrweg gut – Einweg schlecht“ ist im Jahr
2009 längst ein Anachronismus geworden. Pet-to-Pet-
Recycling, das aus Einwegflaschenwie-
der neue Einwegflaschen macht, drasti-
sche Gewichts- und Schadstoffreduktio-
nen beim Produkt, Energieeinsparungen
im Herstellungsprozess – all das be-
weist, dass die Menschen mit reinem ökologischen Ge-
wissen zu Einweggebinden greifen können. Im Zuge
dieser Entwicklung werden Stoffkreisläufe geschlos-
sen,mit neuenMöglichkeitenderRecyclingtechnologie
hochqualitative Sekundärrohstoffe geschaffen, der
CO2-Ausstoß sowie der Energieverbrauch in der ge-
samten Produktions- und Logistikkette gesenkt. Dazu
hat sich die heimische Getränkeindustrie verpflichtet,
und das setzt sie bereits um. Damit werden Mehrweg-
und Einweggebinde ökologisch gleichwertig. Im Zu-
sammenwirken mit einer optimierten, haushaltsnahen
Erfassung für alle Verpackungen sichert dieser Ansatz
den bestmöglichen Schutz unserer natürlichenRessour-
cen. Darum geht es – und nicht um ideologische Gra-
benkämpfe. Die sind sowohl der Umwelt als auch den
Konsumenten herzlich egal.
CON
DIE KONSUMENTEN
HABEN
ENTSCHIEDEN
DR. JOHANN BRUNNER *
Einweg in der Sackgasse?
Getränkeverpackungen machen einen wachsenden Anteil der anfallenden
Verpackungsabfälle aus. Die Gesamtabfüllung in Mehrweggebinden ist zwi-
schen 1997 und 2007 von rund 69 auf 40 Prozent gesunken. Am Ende
zahlen das wieder die Konsumenten und Konsumentinnen über steigende
Müllkosten.
        

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