Full text: infobrief eu & international - Oktober 2011 (4)

13  infobrief eu & international  Ausgabe 4 | Oktober 2011 
   wien.arbeiterkammer.at
 
Inflation führen, wäre dies sogar 
von Vorteil. Zentral ist auch eine 
expansive Lohn- und Fiskalpolitik 
in den ökonomisch starken Euro-
zonen-Länder wie Deutschland, 
um die bestehenden Handelsbi-
lanzungleichgewichte abzubauen. 
Schließlich plädierte Plihon auch 
dafür, keine Scheu vor unkonven-
tionellen Maßnahmen zu zeigen. 
Eine Zwangsanleihe für BürgerIn-
nen mit einem Einkommen von 
über € 100.000 p.a. wäre ein In-
strument, um die Staatsfinanzie-
rung ein Stück weit von den Fi-
nanzmärkten zu entkoppeln. 
Insgesamt sind die Einschätzun-
gen der ReferentInnen zur Zukunft 
der Eurozone wohl als pessimis-
tisch zu bezeichnen. Eine nachhal-
tige Verbesserung der wirtschaftli-
chen und sozialen Situation in den 
Krisenländern muss für die nähere 
Zukunft ausgeschlossen werden. 
Eher ist mit einer verlorenen De-
kade wie in Lateinamerika der 
1980er Jahre zu rechnen. Klar ist 
aber auch, dass es sich nicht mehr 
„nur“ um Krisen einzelner Länder 
der Eurozone handelt, sondern 
die Krise eine systemische ist. Auf 
dem Spiel steht mittlerweile nicht 
weniger als die Zukunft der Euro-
päischen Union.
Werner Raza n ÖFSE – Österreichische 
Forschungsstiftung für 
internationale Entwicklung 
www.oefse.at, w.raza@oefse.at 
Eine Währungsunion  
kann dauerhaft nur 
funktionieren, wenn  
es einen effektiven  
Mechanismus zum  
Ausgleich von Un-
gleichgewichten gibt. 
Dies bedeutet im 
Wesentlichen einen 
fiskalischen Transfer 
von den Überschuss- 
in die Defizitländer, 
und grundsätzlich eine 
engere Koordinierung 
der Fiskal-, aber auch 
der Lohnpolitik.
»
Ohne Zweifel haben Ratingagenturen mit zum Entstehen der 
Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen. Durch Ratings, die 
nicht der tatsächlichen Qualität der Papiere entsprachen, wurde die 
Blase vergrößert und die Spekulation weiter angeheizt. Jetzt, in der 
„Staatsschuldenkrise“ sind Ratingagenturen durch nicht nachvoll-
ziehbare Beurteilungen erneut in die Kritik geraten. Dieser Beitrag 
geht der Rolle der Ratingagenturen – besonders in der Krise - nach 
und zeichnet einen Überblick über aktuelle politische Debatten und 
zukünftige Regulierungsstrategien.  Valerie Bösch und Michael Heiling
Überblick über die Problemlage und  
den Stand der Debatte
Ratings in der Krise
Weltweit existieren zwischen 130 und 
150 Ratingagenturen. Allerdings wei-
sen heute die „großen Drei“ (Moody’s 
Investor Service, Standard & Poor’s 
(S&P) sowie Fitch Rating Operations) 
gemeinsam eine Marktbeherrschung 
von knapp 95% auf. Sie werden von 
GroßunternehmerInnen und den 
größten InvestorInnen der Welt ge-
halten. Größter Aktionär der Dach-
gesellschaft von Moody’s Investor 
Service ist Warren Buffet, mit knapp 
über 12% der Anteile, zweitgrößte 
Aktionärin ist die „Capital World In-
vestors“ (die Teil einer der weltweit 
größten Investmentgesellschaften 
ist), mit ebenfalls ca. 12%. Standard 
& Poor’s, das neben seinen Ratings 
auch noch weitere Finanzinformati-
onsdienstleistungen anbietet, ist Teil 
des Medienkonzerns McGraw-Hill.1 
Fitch ist ebenfalls Teil eines größe-
ren Konzerns, der Fitch-Gruppe. Die-
se wird zu 60% vom französischen 
Konzern Fimalac SA gehalten, der 
sich wiederum im Mehrheitseigentum 
des französischen Milliardärs Ladreit 
de Lacharri?re2 befindet. Die großen 
Drei beschäftigen jeweils knapp über 
1.000 KreditanalystInnen und geben 
jährlich ca. 1,8 Millionen Bewertun-
gen von Anleihen in verschiedenen 
Bereichen aus. 
In den USA werden so gut wie alle 
Anleihen von S&P und Moody‘s gera-
tet, weltweit bewertet Fitch zwei Drit-
tel aller Anleihen. Es liegt also eine 
beträchtliche Marktkonzentration vor. 
Außerdem gehören die Ratingagen-
turen Unternehmen, die selbst Pa-
piere ausgeben, die geratet werden 
müssen.
Das Geschäft mit den Meinungen 
und seine Folgen n Private Ratin-
gagenturen verkaufen ihren Kun-
dInnen gewinnorientiert Produkte. 
Dabei ist es die zentrale Aufgabe, 
gegen Entgelt Informationen über 
die Einbringlichkeit (Bonität) einer 
Geldanlage zu liefern. Die Sicher-
heit der Anlage, die durch das Rating 
ausgedrückt wird, schlägt sich dann 
in weiterer Folge auf den Zins- oder 
Risikoaufschlag nieder. In der Praxis 
werden die Ratings der Bonität in be-
stimmten Kategorien3 dargestellt. 
Finanziert werden die Ratingagen-
turen von jenen Unternehmen, die 
Anleihen emittieren. Dieses System, 
das sich in den 1970er Jahren etab-
liert hat, wird „Issuer-Pays-System“ 
genannt. Die umgekehrte Variante 
der Bezahlung, nämlich dass die In-
vestorInnen, die die Finanzproduk-
te erwerben und sich dabei an den 
Ratings orientieren, für die Bewer-
tungen zahlen, hat sich nicht durch-
gesetzt. In diesem Fall käme es zu 
einem Free-Rider-Problem, da- »
        

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