Full text: infobrief eu & international - Oktober 2013 (4)

14  infobrief eu & international  Ausgabe 4 | Oktober 2013 
   wien.arbeiterkammer.at
 
Im Bildungs- und 
Gesundheitsbereich 
darf nicht Gewinn-
maximierung im 
Vordergrund stehen.
Starke Handelszunah-
me und Diversifikation 
auf den Kapitalmärkten 
führt nicht zu einer  
verbesserten Allokation 
des Kapitals. 
EU-Grünbuch zur Finanzierung der Europäischen Wirtschaft
Die Banken könnten weniger Kredi-
te mit langen Laufzeiten anbieten, 
„weil sie den Fremdkapitalanteil wei-
ter verringern und die Exzesse der 
Vergangenheit korrigieren müssen.“ 
Demzufolge wird auf den Kapital-
markt geschielt, bzw. ein deutlich 
höherer Anteil direkter Finanzierung 
und ein stärkeres Engagement insti-
tutioneller Anleger ins Auge gefasst. 
Auch sieht die EU-Kommission er-
folgversprechende Chancen durch 
Förderung weiterer „innovativer“ 
und „nichttraditioneller“ Finanzinst-
rumente.
Konzentration auf Angebotsseite 
und Glaube an effiziente Märk-
te n Während die EU-Kommission 
in ihrer Analyse betreffend die Be-
deutung langfristiger Investitionen 
vieles richtig sieht, spiegeln ihre 
Vorschläge zur Förderung derselben 
sehr deutlich eine angebotsseitige 
Betrachtung der Wirtschaft wieder. 
Das geringe Investitionsniveau soll 
zuallererst über die Angebotsseite 
angehoben werden, insbesondere 
über ein breiteres Angebot an Finan-
zierungsmöglichkeiten für Unterneh-
men. Dieses soll wiederum einerseits 
auf höheren Sparleistungen (also 
einem höheren Kapitalangebot) und 
andererseits einer weiteren Diversifi-
zierung der Kapitalmärkte basieren; 
zum Beispiel über den Aufbau spe-
zieller Märkte und Netze für KMUs, 
durch eine Neubelebung des Verbrie-
fungsmarktes, gepoolte Anlageinst-
rumente oder über die Entwicklung 
und Förderung „nichttraditioneller“ 
Finanzierungsquellen wie „Crowd-
funding“. 
Wenig berücksichtigt wird hingegen 
die Rolle der Nachfrageseite. So wird 
zum Beispiel der Umstand fast aus-
geblendet, dass die geringe Investi-
tionstätigkeit der Unternehmen vor 
allem auf deren geringen Absatzer-
wartungen beruht. Diese negativen 
Erwartungen in die Entwicklung der 
Realwirtschaft sind wiederum eine 
Konsequenz einseitiger Kürzungspo-
litik und ständig verringerter Lohn-
niveaus. So steigt die Arbeitslosig-
keit konstant an und liegt derzeit 
bei durchschnittlich 11 % (EU-28), 
oder rund 26 Millionen Arbeitslosen. 
Dieser Zusammenhang wird auch 
in diversen Berichten der Europäi-
schen Zentralbank erkannt, wonach 
nicht von einer allgemeinen Kredit-
klemme für den Unternehmenssek-
tor gesprochen werden kann. Das 
langsame Wachstum des Kreditvolu-
mens erklärt sich vielmehr durch zu 
geringe Nachfrage aufgrund geringer 
Investitionstätigkeit und nicht am zu 
geringen Angebot an Finanzierungs-
formen.2 
Dem Grünbuch liegt weiters die An-
nahme zugrunde, dass freie Kapital-
märkte optimale Ergebnisse bringen. 
Tatsächlich geht aber die Verbreite-
rung des Marktangebots sowie die 
starke Zunahme des Handels auf den 
Kapitalmärkten keineswegs mit einer 
verbesserten Vermittlung zwischen 
Kapitalangebot und Kapitalnachfrage 
einher, sondern mit langen Finanzie-
rungsketten, erhöhter Intransparenz 
und hohen Gebühren. Und es kommt 
auch nicht im gesellschaftlichen 
Sinn zu einer verbesserten Alloka-
tion bzw. Zuordnung des Kapitals, 
denn dieses fließt immer weniger in 
sinnvolle realwirtschaftliche Projek-
te. Kein Wunder, denn mit riskanten 
Spekulationsgeschäften, der Schaf-
fung komplexer Finanzinstrumente 
und einer starken Hebelung des Ei-
genkapitals winken hohe (kurzfristi-
ge) Gewinne. 
Indirekt übt das Grünbuch mit dem 
Hinweis auf mangelhafte Finanzie-
rungsangebote (ungewollt) massive 
Systemkritik. Denn schließlich ist die 
Finanzierung von Investitionen die 
zentrale Funktion des Finanzsektors 
im Wirtschaftskreislauf. Anstatt aber 
über eine grundsätzliche Neuorien-
tierung nachzudenken, scheint das 
Motto der EU-Kommission zu sein: 
Lasst uns jetzt erst recht verbriefen 
und innovativ sein! Das „origina-
te und distribute“-Modell, bei dem 
Banken Kredite generieren und For-
derungen weiterverteilen, soll das 
Modell sein. Ein Modell, das Ursache 
für die Bankenkrise 2008 war. Ein 
Modell, bei dem Rendite und Risiko 
entkoppelt sind, solange es „noch 
einen größeren Dummkopf gibt, der 
den faulen Kredit kaufen wird“3. Dies 
ist keinesfalls der richtige Ansatz für 
eine Förderung von Investitionen, 
und damit auch nicht zur Bekämp-
fung der Arbeitslosigkeit und gegen 
die ungleiche Vermögensverteilung.
Motive der InvestorInnen n Im 
Fall der langfristigen Finanzierung 
von Sachanlagen und immateriellen 
Vermögenswerten muss auch die 
Wirkung der Finanzierungsmethode 
auf die finanzierten Projekte selbst 
berücksichtigt werden. Schließlich 
handelt es sich dabei zu einem gro-
ßen Teil um Bereiche, in denen öf-
fentliche Verantwortung und gesell-
schaftliches Interesse besteht. So 
darf zum Beispiel im Bildungs- und 
Gesundheitsbereich keineswegs Ge-
winnmaximierung im Vordergrund 
stehen. 
Möchten InvestorInnen ihre Investi-
tionen bewusst entlang langfristiger 
sozial-ökologischer Werte ausrich-
ten, so sind Transparenz und seriöse 
Informationen darüber die notwendi-
ge Basis. Eine verbesserte Informa-
tion über die langfristige Ausrichtung 
des Unternehmens könnte durch An-
gaben über die Lage der Arbeitneh-
merInnen (Lohnhöhen, evtl. Abbau 
von Arbeitskräften, Beschäfti-
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