Volltext: infobrief eu & international - Oktober 2013 (4)

2  infobrief eu & international  Ausgabe 4 | Oktober 2013 
   wien.arbeiterkammer.at
 
Österreich) bescheiden aber doch 
über dem Niveau von 2007 und 
die Arbeitslosenquote ist sogar um 
zwei Prozentpunkte auf 5,5 % der 
Erwerbs personen gesunken. Wie 
kommt es, dass der bis zur Finanz-
krise „kranke Mann Europas“ plötz-
lich zumindest im Vergleich mit den 
anderen EU-Ländern halbwegs ge-
sund wirkt?
Dahinter steht die eine oder ande-
re richtige Entscheidung der Politik: 
Während des dramatischen Produk-
tionseinbruchs im Herbst 2008 hat 
die rasche Verkürzung der durch-
schnittlich geleisteten Arbeitszeit 
entscheidend zur Stabilisierung des 
Arbeitsmarktes beigetragen: Staat-
lich subventionierte Kurzarbeit, der 
Abbau von Plusstunden und Urlaub-
spölstern hat die Kündigung von 
hunderttausenden Industriebeschäf-
tigten verhindert und eines neuerlich 
unter Beweis gestellt: Innovative 
Formen der Arbeitszeitverkürzung 
können Beschäftigung erhalten. Der 
deutschen Industrie hilft zudem ihre 
Spezialisierung: Sie produziert pri-
mär Investitionsgüter und konnte 
deshalb von der raschen Überwin-
dung der Wirtschaftskrise in Asien 
und anderen Schwellenregionen pro-
fitieren.
Ein wesentlicher Teil des Erfolges auf 
dem Arbeitsmarkt ist aber auch rei-
nes Glück: In Deutschland schrumpft 
die Zahl der Menschen im erwerbs-
fähigen Alter. Seit dem Jahr 2000 ist 
sie um etwa zwei Millionen zurück-
gegangen. Die Bevölkerungsprog-
nosen lassen für die nächsten zehn 
Jahre einen weiteren Rückgang in 
ähnlicher Größenordnung erwarten. 
EU-Wirtschaftspolitik: Aus Fehlern kann man lernen
Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15–64)  
Deutschland und Österreich, 2000–2012 Quelle: Eurostat
Ein Rückgang des Arbeitskräftean-
gebots entlastet den Arbeitsmarkt, 
ermöglicht es Arbeitslosen frei wer-
dende Jobs anzunehmen und hat po-
sitive gesamtwirtschaftliche Effekte. 
Arbeitskräftemangel wirkt v.a. posi-
tiv, weil er die Verhandlungsposition 
der ArbeitnehmerInnen verbessert: 
In Deutschland ist die Zahl der Er-
werbstätigen von 2007 bis 2013 
kumuliert um knapp 5 % gestiegen 
(Österreich +4 %, EU 27 -2 %), die 
Reallöhne pro Kopf sind um 3,5 % 
gewachsen (Österreich und EU 27 
+1 %), die Konsumnachfrage der 
privaten Haushalte ist real um etwa 
5 % gestiegen (Österreich +5 %, EU 
27 -1 %).
Arbeitskräftemangel: Motor des 
Fortschritts n Diesen Anstieg von 
Beschäftigung, Löhnen und Konsum 
hat Deutschland auch bitter nötig. 
Denn in den 10 Jahren vor der Kri-
se waren die Erwerbsquoten nied-
rig, die Konsumnachfrage ist kaum 
gestiegen, die Reallöhne pro Kopf 
sind gesunken und Deutschland hat 
den zweitgrößten Niedriglohnsektor 
der gesamten EU aufgebaut. Viele 
ÖkonomInnen sehen die demogra-
fische Entwicklung als wichtigstes 
wirtschaftliches Problem unserer 
Tage an. In Wahrheit hilft Arbeits-
kräfteknappheit bei der Senkung der 
Arbeitslosigkeit, der Erhöhung der 
Erwerbsquoten benachteiligter sozi-
aler Gruppen, der gerechteren Ver-
teilung des Volkseinkommens und 
gibt der Gesamtwirtschaft die drin-
gend benötigten Impulse. Eine der 
wichtigsten Aufgaben fortschrittli-
cher Politik ist es deshalb, zu über-
legen, auf welche innovative Weise 
das Arbeitskräfteangebot verknappt 
werden kann.
Deutschland lebt unter seinen 
Verhältnissen n Steigende Löhne 
in Deutschland, die eine Ausweitung 
der Inlandsnachfrage und der Impor-
te nach sich ziehen, wären eines der 
wichtigsten Elemente der Überwin-
dung der Eurokrise. 2013 dürfte der 
Saldo der Leistungsbilanz Deutsch-
land den Rekordwert von +7 % des 
BIP erreichen. Ein derartiges Un-
gleichgewicht hält die Eurozone nicht 
aus. Vor allem, weil es weniger die 
Folge raschen Exportwachstums als 
vor allem Ausdruck eines ausgepräg-
ten Importdefizits ist. Höhere Impor-
te Deutschlands würden den Krisen-
länder Chancen zum Export bieten 
und so zur wirtschaftlichen Erholung 
beitragen; damit würden sie helfen, 
die Eurozone zu stabilisieren; sie 
wären aber auch im unmittelbaren 
Interesse Deutschlands: Materieller 
Wohlstand entsteht nicht schon bei 
der Produktion von Exportgütern, 
sondern erst beim Verbrauch der 
damit erzielten Einkommen. Derart 
hohe Leistungsbilanzüberschüsse »
»
In Deutschland sinkt  
die Zahl der Menschen 
im erwerbsfähigen  
Alter: Deshalb geht die 
Arbeitslosigkeit zurück 
und die Löhne beginnen 
endlich zu stiegen.
2000
55.500
55.000
54.500
54.000
53.500
53.000
52.500 5.100
5.200
5.300
5.400
5.500
5.600
5.700
2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 20122011
Deutschland
Österreich
        

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