Full text: infobrief eu & international - Juli 2015 (3)

25  infobrief eu & international   Ausgabe 3 | Juli 2015 
   wien.arbeiterkammer.at
 
»
In den vergangenen 
zwei Jahrzehnten  
ist der Anteil der  
atypisch Beschäftigten 
kontinuierlich gestiegen.
Buchbesprechung
seit den 1970er Jahren vermehrt auf 
eine Zulieferfunktion für die deutsche 
Exportindustrie ausgerichtet worden. 
Hier ist eine klare Kontinuitätslinie bis 
in die Gegenwart festzustellen. Die 
außenwirtschaftlichen Bilanzen mit 
Deutschland sind tief in den roten 
Zahlen. Hingegen konnten mit den 
osteuropäischen Ländern – zumin-
dest bis zur aktuellen Krise – hohe 
Überschüsse erzielt werden, die dann 
auch beträchtliche Leistungsbilanz-
überschüsse ab 2002 ermöglichten. 
Im Zentrum der ökonomischen Ost-
europaexpansion österreichischer 
Unternehmen, der durch die EU-Ost-
erweiterung sowie die EU-Assoziati-
onspolitik das Terrain bereitet wurde, 
stand der Finanzsektor. In zahlreichen 
osteuropäischen Ländern forcierten 
österreichische Banken bis zur Krise 
stark die Vergabe von Fremdwäh-
rungskrediten, wodurch die Krise teils 
beträchtliche Finanzierungsschwie-
rigkeiten bewirkte. 
Angesichts der Probleme österrei-
chischer Banken in Osteuropa und 
der besonders tiefen Krise in vielen 
Staaten der Region, sind gewichtige 
neue positive Außenimpulse in Hin-
kunft wenig wahrscheinlich. Da auch 
von der Binnenwirtschaft bei Fortset-
zung der derzeitigen Politikmuster 
keine besonderen Nachfrageimpulse 
zu erwarten sind, wird mittelfristig 
der Wachstumsvorsprung gegenüber 
der Eurozone verloren gehen, sollte 
es in Süd- und Mittelosteuropa nicht 
zu einer neuen stark expansiven 
Phase kommen. 
Verschiebungen in der Vertei-
lung von Einkommen und der 
Beschäftigungsstruktur n Nicht 
nur der österreichische Finanzsektor, 
sondern auch die Einkommenspolitik 
der letzten Jahrzehnte stand unter 
dem Primat von Exportforcierung 
und Finanzialisierung. Die Lohnquo-
te (der Anteil von Lohneinkommen 
am gesamten Volkseinkommen) ist 
seit den 1980ern beständig gesun-
ken – während sie 1980 noch bei ca. 
75  % lag, wurde 2008 mit 65 % ein 
Tief erreicht. Die Gewinnquote ist 
spiegelbildlich von ca. 25 % auf 35 % 
gestiegen. Zudem wurden Gewin-
neinkommen steuerlich großzügiger 
behandelt. Mit der Finanz- und Wirt-
schaftskrise 2008 wurde diese lang-
fristige Entwicklung kurzfristig kon-
terkariert. Die Tendenz des relativen 
Bedeutungsverlustes von Einkom-
men aus Arbeit wird flankiert durch 
Sommerlektüre
eine Verschärfung innerhalb der Ein-
kommensverteilung. Der Anteil der 
obersten zehn Prozent der Lohnein-
kommen stieg seit 1995 um mehr 
als acht Prozent. Während die gene-
relle Tendenz zur Ungleichverteilung 
auch für „klassische“ Lohnarbeit gilt, 
ist sie in ihrem Ausmaß maßgeblich 
von Veränderungen in der Beschäfti-
gungsstruktur getragen.
In den vergangenen zwei Jahrzehn-
ten ist der Anteil der atypisch Be-
schäftigten (geringfügig, Teilzeitar-
beit, freie Dienstverträge, Leiharbeit, 
etc.) kontinuierlich gestiegen. Dies 
lässt sich vor allem auf die zuneh-
mende Erwerbsbeteiligung von Frau-
en, aber auch eine Verschiebung 
der Beschäftigung hin zum Dienst-
leistungssektor zurückführen. Wäh-
rend 1994 11 % aller Beschäftigten 
Teilzeit arbeiteten, stieg dieser An-
teil 2014 auf 25 %. Ähnlich gestaltet 
sich der Bedeutungsgewinn anderer 
Formen atypischer Beschäftigung 
gegenüber dem klassischen Vollzeit-
Lohnarbeitsmodell. Trotzdem beru-
hen weiterhin viele sozialpolitische 
Regelungen, zum Beispiel im Pen-
sionssystem, auf diesem Modell der 
Erwerbsarbeit, was eine immer grö-
ßere Zahl an Personen, die diesem 
Modell nicht folgen können oder wol-
len, benachteiligt.  
Die beschriebenen Entwicklungen 
lassen sich nicht nur auf den Beitritt 
Österreichs zur EU zurückführen. Je-
doch hat der Beitritt diese Entwicklun-
gen verschärft. Der EU-Integrations-
prozess ist durch die Krise an einem 
Scheideweg angekommen. Welche 
Option sich auch immer durchsetzen 
wird, die Folgen für die österreichi-
sche Ökonomie und Gesellschaft wer-
den weiterhin erheblich sein.
Romana Brait n AK Wien
romana.brait@akwien.at
Georg Feigl n AK Wien
georg.feigl@akwien.at 
Politische Ökonomie Österreichs –  
Veränderungen und Kontinuitäten  
seit dem EU-Beitritt  
Beigewum (Hg.), Mandebaum-Verlag, Mai 2015
374 Seiten, € 19,90
Zum Inhalt: 
Inhaltlicher Schwerpunkt des vorliegenden Bandes ist die Analyse der sozialen, 
politischen und ökonomischen Entwicklungen in Österreich seit dem EU-Beitritt. 
Das Herangehen des Bandes ist interdisziplinär und methodisch vielfältig. 
»
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.