Full text: Mitbestimmung in Europa (11)

Arbeit&Wirtschaft 11/2006Hintergrund
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wurde, war, dass bei PostmitarbeiterInnen 
und Kundendiensleistungen der Rotstift 
angesetzt wurde: Allein in den letzen vier 
Jahren wurden über 1000 Postämter ge-
schlossen. Derzeit gibt es nur mehr 1338 
Postämter, 191 Postpartner und 350 Ser-
vicestellen. Weiters wurde die Mitarbei-
terzahl in den letzten fünf Jahren um 
9000 Beschäftigte abgebaut und bis 
2007 sollen es nochmals 3500 weniger 
werden, so dass dann die Post AG nur 
mehr 23.000 Beschäftigte haben soll.
Für die Zukunft befürchtet GPF-Vor-
sitzender Gerhard Fritz noch mehr Ein-
schränkungen für die österreichischen 
Postkunden, wenn die EU-Vollliberali-
sierung der Postdienste umgesetzt und 
die Postuniversaldienste (Versorgungs-
auftrag) neu definiert sind. Derzeit kön-
ne niemand sagen, wie dies konkret aus-
sehen wird. Tatsache ist nämlich, so Fritz, 
Folgendes: »Derzeit sichert der österreich-
weit durch die Post AG erbrachte Uni-
versaldienst die tägliche Versorgung aller 
in Österreich vorhandenen 3,5 Millionen 
Haushalte mit einer gleichen Qualität zu 
einem für alle ÖsterreicherInnen gleichen 
Preis. Die ertragreiche Zustellung in den 
Ballungsbereichen sichert die defizitäre 
Zustellung in den strukturschwachen 
ländlichen Bereichen. Diese Tatsache ist 
lebenswichtig für die Erhaltung der In-
frastruktur in ganz Österreich, denn 1,4 
Millionen Haushalte der genannten 3,5 
Millionen sind heute im Landzustellbe-
reich. Ein europaweit schlecht geregelter 
Universaldienst könnte somit mehr als 
ein Drittel aller ÖsterreicherInnen von 
der Basisinfrastruktur des Universaldiens-
tes abschneiden. Die Zustellung in den 
strukturschwachen ländlichen Bereichen 
kann von niemandem auch nur annä-
hernd kostendeckend erbracht werden.«
EU-Vollliberalisierung und 
Briefzustellung
Wie stark Art und Weise einer EU-Voll-
liberalisierung die Post AG betreffen, zeigt 
der Umstand, dass drei Viertel des gesam-
ten Geschäftsumsatzes oder 1,29 Milliar-
den Euro allein im Bereich der Briefzu-
stellung getätigt wird. Und nach Schät-
zungen wird die Post rund zehn Prozent 
dieses Marktanteils oder rund 100 Milli-
onen Euro verlieren. Das entspricht dem 
derzeitigen Betriebsgewinn der Post AG, 
so der GPF-Vorsitzende Fritz.
Tatsächlich wurde allein durch die 
letzte Schließungswelle 2005 schon mehr 
als 500.000 Menschen im ländlichen 
Raum das Postamt zugesperrt, weiß AK-
Postexperte Mathias Grandosek. Kein 
Wunder also, dass Skepsis und Ablehnung 
einer Postprivatisierung – trotz oder we-
gen des »erfolgreichen« Börsegangs – in 
weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden 
ist, wie eine von der AK beauftragte Um-
frage ergab: Mehr als drei Viertel der 1000 
vom Institut SORA Befragten meinen, 
dass die Regierung dem ländlichen Raum 
durch diese Politik schade. 85 Prozent 
wollen, dass der Staat wichtige Infrastruk-
tureinrichtungen nicht verkauft. 72 Pro-
Von den europäischen Postgesellschaften sind bislang nur fünf privatisiert. An der Bör-
se notieren nur die deutsche, die niederländische und nunmehr auch die österreichische 
Post. Alle übrigen Postgesellschaften sind zu 100 Prozent in Staatsbesitz. Auch internati-
onal sind sowohl die amerikanische US Mail als auch die britische Royal Mail gänzlich in 
Staatsbesitz, obwohl in beiden Ländern das Briefmonopol aufgehoben ist.
        

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