Full text: Wir haben keinen Plan(et) B (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/2012 17Schwerpunkt
ein Unternehmen „ausziehen“ und in die 
Tiefe gehen, alles aufrollen, erfragen und 
evaluieren; die Problembereiche müssen 
beleuchtet und behandelt werden. „Es ist 
eine Gratwanderung, sie erfordert viel 
Mut und es ist unangenehm“, sagt Karin 
Huber. „Die Bereitschaft muss gegeben 
sein, sich ernsthaft mit dem Unterneh-
men und den Stakeholdern, besonders 
den Mitarbeitern, auseinanderzusetzen – 
auch mit Kritik.“ Denn erst wer die Be-
dürfnisse seiner MitarbeiterInnen, Liefe-
rantInnen, Kundinnen und Kunden 
kennt, hat die Chance, eine nachhaltige 
Strategie zu entwickeln. 
Lupe am Einkausfwagen
So brachte ein Drogeriemarkt an den Ein-
kaufswägen kleine Lupen an, damit auch 
die sehschwachen Kundinnen und Kun-
den die winzige Schrift auf den Verpa-
ckungen entziffern können. Auf der an-
deren Seite bot ein Unternehmen für sei-
ne MitarbeiterInnen ein Fitnesstraining 
im örtlichen Fitnessclub an – um 8 Uhr 
morgens. 
Das gut gemeinte Projekt scheiterte, 
die MitarbeiterInnen fühlten sich ge-
frotzelt, weil sie nur in der Früh das Gra-
tistraining in Anspruch nehmen konn-
ten. Gleichzeitig getrauten sie sich nicht, 
das Angebot abzulehnen, und die Unsi-
cherheit machte sich breit: Wenn wir 
aber nicht trainieren – wird dies von der 
Unternehmensleitung negativ vermerkt? 
Findet also keine Einbeziehung von Mit-
arbeiterInnen in die Veränderungspro-
zesse statt, werden diese vor vollendete 
Tatsachen gestellt. „CSR macht dann 
Sinn, wenn CSR-Richtlinien nicht in 
der Chefetage ausgearbeitet, sondern 
 gemeinsam mit MitarbeiterInnen und 
BetriebsrätInnen erstellt werden und 
von Beginn an im Unternehmen verwur-
zelt sind“, sagt Eva Angerler von der 
GPA-djp. 
Authentizität, Miteinbeziehen von 
MitarbeiterInnen und das Kommunizie-
ren der Veränderungen sind das Kochre-
zept für eine „gute“ CSR. „Die Leute 
müs sen laufend über neue Entwick-
lungen  informiert werden. Falsche 
Kommuni kation kann CSR-Projekte im 
schiefen Licht  dastehen lassen“, mahnt 
Karin  Huber. „Gerade MitarbeiterInnen, 
Menschen, die in einem Unternehmen 
quasi ‚leben‘, werden etwas anderes ‚erle-
ben‘.“ Wesentlich ist jedoch, dass sich die 
CSR-Strategie in der gesamten Unter-
nehmenskultur widerspiegelt und nicht 
nur kleine kosmetische Korrekturen 
 vornimmt. 
„Wir wehren uns gegen Einzelmaß-
nahmen“, sagt Eva Angerler. „Wenn ich 
einen Betriebskindergarten eröffne, wäh-
rend viele meiner ArbeitnehmerInnen in 
einem prekären Arbeitsverhältnis stehen, 
dann ist das schlichtweg falsch. Nach au-
ßen präsentiere ich mich als guter Arbeit-
geber, während in meinem Keller die 
Leichen liegen.“ Sie fordert klare Rege-
lungen für CSR: „Es muss genaue Defi-
nitionen geben, was genau unter CSR zu 
verstehen ist, wie man es überprüfen und 
nachweisen kann. Da die Implementie-
rung von CSR auf Freiwilligkeit basiert 
und es keine Richtlinien gibt, interpre-
tiert jedes Unternehmen CSR auf seine 
Art und setzt seine eigenen Rahmenbe-
dingungen.“ So präsentieren sich Be-
triebe, die auf den Papierverbrauch ach-
ten, nach außen als umweltbewusst, 
während der Chef jeden Morgen mit 
seinem Jaguar in den Hof fährt. 
„Die Auswirkungen der Maßnahmen 
müssen messbar und vergleichbar sein“, 
meint Angerler. „Und für jene Unterneh-
men, die es mit CSR wirklich ernst mei-
nen, müssen Anreize wie Förderungen 
geschaffen werden. Im Gegenzug dazu 
muss deren CSR-Strategie nachweisbar 
sein.“ Karin Huber setzt zudem noch auf 
Transparenz und Glaubwürdigkeit: 
„Viele Nachhaltigkeitsberichte stellen 
sich als Jubelbroschüren heraus. Deswe-
gen finde ich es gut, dass es Webseiten 
wie kununu.at oder arbeitgebercheck.at 
gibt, auf denen Mitarbeiter ihre Unter-
nehmen bewerten.“ Und die Glaubwür-
digkeit – die hat Andritz schon längst 
verspielt. 
Internet:
Broschüren-Download und mehr Info:
www.arbeitundalter.at
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an die Autorin
maja.nizamov@gmx.net
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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So hat ein Drogeriemarkt an den Einkaufs - 
wägen kleine Lupen angebracht, damit auch  
die sehschwachen Kunden und Kundinnen  
die winzige Schrift an den Verpackungen 
 entziffern können.
        

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