Full text: Wir haben keinen Plan(et) B (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/2012 19Schwerpunkt
MitarbeiterInnen. Eineinhalb Jahre und 
300 Bewerbungen später – 19 negative 
Antworten, die restlichen AdressatInnen 
ignorierten ihn –, begann der Mann zu 
trinken. „Er wusste nicht mehr, weshalb 
er aufstehen sollte, wurde geschieden und 
sein soziales Umfeld beschränkte sich auf 
Saufkumpane im Wirtshaus.“ Nach ein 
paar Stunden Sozialbetreuung machte 
ihm Eisenriegler einen Vorschlag: „Ich 
wollte ihm die Latte hoch legen und ha-
be ihn als Fahrer eingesetzt. Morgens 
musste er in den Alkomat blasen, hatte 
genau drei Chancen negativ zu sein. Ich 
musste den Advocatus Diaboli spielen, 
denn Schulterklopfen allein ist leider 
nicht genug.“ Es hat geklappt – inzwi-
schen hat der Mann wieder einen Job in 
seiner Branche. 
Sepp Eisenriegler wünscht sich Sozi-
alwirtschaft als dritten Sektor: „Unter-
nehmungen, die den Profit nicht an die 
erste Stelle setzen und eine soziale Kom-
ponente leben.“ Einen Plan gegen Ar-
beitslosigkeit hat er auch: „Wer länger 
als ein halbes Jahr arbeitslos ist, müsste 
etwa von der PVA auf seine Leistungs-
schwächen durchgecheckt werden. 
Menschen mit 70 Prozent Leistungsfä-
higkeit müssen eine Chance bekom-
men, der Betrieb erhält für die 30 Pro-
zent Leistungsdefizit einen Ausgleich. 
Wenn sich Betriebe davon freikaufen 
wollen, dann müssen sie eine schmerz-
hafte Ausgleichstaxe zahlen.“ 
Der zweite Arbeitsmarkt 
LOK heißt Leben ohne Krankenhaus 
(www.lok.at). Der gemeinnützige Verein 
wurde 1989 in Wien gegründet, um 
Wohnraum und Arbeitsmöglichkeit für 
geistig behinderte und psychisch kranke 
Menschen zu schaffen. Heute gibt es drei 
Beschäftigungsprojekte: LOK Couture 
(Secondhand-Mode bis Eigenprodukti-
onen, www.lokcouture.at), das LOKal (von 
Kaffee trinken bis Plattenwaschservice, 
www.daslokal.net) und LOK un verblümt 
(lok-unverbluemt.at) – mehr als ein Blu-
menladen, den die ausgebildete Heil-
pädagogin Andreja Kumer, 37, leitet. Das 
Repertoire reicht von Schnittblumen und 
Topfpflanzen bis Zustell-, Blumengieß-, 
Umtopf- und Pflege-Service. 
30 betreute MitarbeiterInnen teilen 
sich in Vormittags- und Nachmittags-
gruppen auf. Kumer: „Im Gegensatz zu 
anderen Beschäftigungsprojekten müs-
sen die Leute bei uns nicht täglich kom-
men, sondern können ihre Zeiten mit 
LOK je nach ihren individuellen Mög-
lichkeiten vereinbaren.“ Ein Kontin-
gentplatz kann so auch von zwei Per-
sonen genutzt werden. Voraussetzung 
für einen Platz ist eine Bewilligung für 
Tagesstruktur vom Fonds Soziales Wien. 
Schwierig für herkömmliche Firma
Quer durch den psychiatrischen Gemü-
segarten vorhanden sind die Krankheits-
bilder der betreuten MitarbeiterInnen, 
viele haben Krankheiten aus dem schizo-
phrenen Formenkreis. Lange Kranken-
stände verhindern Beschäftigung am ers-
ten Arbeitsmarkt: „Für eine herkömmli-
che Firma ist es schwierig, damit 
umzugehen und die Bereitschaft fehlt. 
Meine Position wäre schon, dass die 
 Abschlagszahlungen erhöht werden.“ Das 
Betreuungsteam setzt sich u. a. aus einer 
Kunsttherapeutin, einer Behindertenbe-
treuerin und einem Gärtner zusammen. 
„Bei uns geht es darum, durch regelmä-
ßige Arbeit zu stabilisieren, Soft Skills wie 
Pünktlichkeit, Kritikfähigkeit und Ver-
lässlichkeit zu erarbeiten. Wir bieten ei-
nen Rahmen, sich mit der eigenen Krank-
heit auseinanderzusetzen und bieten 
Unterstützung in Krisenzeiten“, erklärt 
Kumer. 
200 Menschen auf der Warteliste
Pro Stunde gibt es ein Taschengeld von 
zwei Euro, was vom Monatsgewinn übrig 
bleibt, wird an die MitarbeiterInnen aus-
geschüttet. Rund 200 Menschen finden 
sich auf der Warteliste für die Projekte, 
die BewerberInnen werden dabei immer 
jünger. „Wir bieten die niederschwel-
ligsten Projekte, die es für chronisch 
 psychisch kranke Menschen gibt. Die 
Wiedereingliederung in den ersten Ar-
beitsmarkt ist nicht das primäre Ziel, 
doch auf Wunsch unterstützen wir das 
natürlich.“ Dabei ist etwa der Integrati-
onsfachdienst Jobwärts von Jugend am 
Werk (www.jaw.at) behilflich.
Internet:
Zum Download:
„Ich mess’ den Stress!“
tinyurl.com/d7a7qud
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Immerhin 19 Prozent der Befragten  
leiden unter einer unangenehmen Körper-
haltung, vielfach in der Branche Handel  
und im  Gesundheits- und Sozialwesen.
        

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