Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/2012 29Schwerpunkt
Menschen nicht betreffe, weil er kein Er-
eignis des Lebens sei. Epikur meint, die 
Angst vor dem Tode sei ein Widerspruch 
in sich selbst, „solange wir existieren, ist 
der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, 
existieren wir nicht mehr“. Durch die Er-
kenntnis, dass der Tod uns Menschen 
nichts angeht, sind wir laut Epikur in der 
Lage, unser Leben erst wahrhaft zu genie-
ßen. Im Sammelband „Grundbegriffe der 
europäischen Geis tesgeschichte“ (heraus-
gegeben von Konrad Paul Liessmann) 
hat sich die Ethik-Spezialistin Katharina 
Lacina ausführlich mit dem Thema Tod 
auseinandergesetzt. Sie schreibt im Kapital 
„Das Nichts des Todes: Epikur“ unter an-
deren: „Obwohl die zeitliche Begrenztheit 
unseres Daseins nach wie vor besteht, 
würde diese Einsicht in den Tod als ein 
Nichts, das uns nichts angeht, die Angst 
vor dem Tod nehmen. Der Tod ist für den 
Einsichtigen kein Übel, und verliert der 
Tod seinen Schrecken, so verliert auch das 
Leben seinen Schrecken: Die unvernünf-
tige Sehnsucht nach Unsterblichkeit 
schmälert nicht das Streben nach einem 
glückvollen Diesseits.“
Tot aber glücklich?
Auch für Platon war der Tod kein Übel, er 
argumentierte aber anders als Epikur. Wäh-
rend dieser vom Zerfall der Seele zum Zeit-
punkt des physischen Todes ausging und 
den Tod als absolutes Ende des Individuums 
ansah, schloss Platon die Unsterblichkeit 
der Seele zumindest nicht aus. Laut Platon 
bedeutet der Tod entweder das Nichtsein 
oder die Reise der Seele an einen anderen 
Ort. Beides sei durchaus unproblematisch, 
die Angst vor dem Tod somit unbegründet. 
Platon meinte auch: „Den Tod fürchten, 
Ihr Männer, ist nichts anderes, als sich wei-
se dünken und es doch nicht sein; denn es 
heißt, sich ein Wissen einzubilden, das man 
nicht hat.“ Hier fällt einem gleich Wittgen-
stein ein, der ja meinte: „Wovon man nicht 
sprechen kann, darüber muss man schwei-
gen.“ Man könnte hinzufügen: „Was man 
nicht kennen und empfinden kann, davor 
muss man sich nicht fürchten.“ So weit, so 
gut. Müssen wir uns also um den Tod wirk-
lich keine Gedanken machen, weil er uns 
Lebende „nichts angeht“ und wir ihn oh-
nedies nicht begreifen können? So einfach 
ist die Sache nicht. Buchautorin Lacina gibt 
zu bedenken, dass etwa Epikur logisch ar-
gumentiert, dem Menschen in diesem Fall 
logische Begründungen aber äußerst 
schwerfallen: „Das Nichts kann man sich 
nicht vorstellen und der Mensch kann sich 
selbst nicht einfach wegdenken. Die Crux 
ist, dass die eigene Nicht-Existenz nicht 
vorstellbar ist. Schon alleine das erzeugt 
Unbehagen“, gibt sie im Gespräch mit 
Arbeit&Wirtschaft zu bedenken. Auch ver-
weist Lacina auf Philosophen des 20. Jahr-
hunderts wie Bernhard Williams, der den 
Tod eindeutig als Übel bezeichnet. Denn 
der Tod erweist sich als Verlust für das In-
dividuum, mit ihm lösen sich auch Wün-
sche, Beziehungen, Erfahrungen etc. in Luft 
auf. Der Tod kann außerdem viele Dinge 
ausschließen, die man sich noch wünschen 
würde. Für Lacina ist es deshalb ratsam, 
sich mit dem Tod zu beschäftigen, sich von 
ihm frei zu machen, damit er im Leben 
nicht hemmt. Wobei das Altern sozusagen 
als natürlicher Schutzmechanismus dient, 
um sich langsam an Sterben und Tod zu 
gewöhnen. Wie das gelingt, ist natürlich 
wiederum eine Sache des einzelnen Men-
schen. Sich Wünsche zu erfüllen ist dabei 
wohl keine schlechte Strategie – es muss ja 
nicht die Besteigung des Himalajas oder die 
Anhäufung von materiellen Besitztümern 
sein. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, mit 
sich selbst und seiner Umwelt ins Reine zu 
kommen. Nicht an ewiges Leben und eine 
jenseitige ausgleichende Gerechtigkeit zu 
glauben hat für altruistisch denkende Men-
schen auch einen schönen Nebeneffekt: Für 
Gerechtigkeit muss im Diesseits gesorgt 
werden, Armut und Ungerechtigkeit gilt es 
hier und jetzt zu bekämpfen. Man könnte 
sagen: Weil das Leben endlich ist, ist es un-
endlich wichtig. Das muss nicht unbedingt 
bedeuten, sich am Überleben festzuklam-
mern. Sich der Begrenztheit des Lebens be-
wusst zu sein, heißt, sich der schönen Din-
ge des Lebens bewusst zu werden. Das 
mildert vielleicht die Angst vor dem Tod. 
Ohne ihn zu verleugnen.
Internet:
Mehr Infos unter:
www.philosophie-woerterbuch.de
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Laut Platon bedeutet der Tod entweder  
das Nichtsein oder die Reise der Seele  
an einen anderen Ort. Beides sei durchaus 
 unproblematisch, die Angst vor dem Tod  
somit unbegründet.
        

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