Full text: Fürchtet euch nicht! (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/20128 Interview
Arbeit&Wirtschaft: Colin Crouch, Ihr 
aktuelles Buch heißt „Das befremdli-
che Überleben des Neoliberalismus“. 
Der Originaltitel lautet „The strange 
Non-Death of Neoliberalism“ – das 
lässt an Zombies denken. Müssen wir 
uns fürchten und wenn ja, wovor?
Colin Crouch: Mein ursprünglicher 
Titel lehnte sich an den Titel eines be-
rühmten Buches des frühen 20. Jahr-
hunderts an: „The Strange Death of 
Liberal England“. Meiner Meinung 
nach ist der heutige Neoliberalismus gar 
nicht gestorben, trotz der großen Fi-
nanzkrise von 2008, die zur Gänze eine 
Folge der Liberalisierung der globalen 
Finanzmärkte war. Diese Krise hätte ei-
ne tödliche Krise des ganzen neolibera-
listischen Wirtschaftssystems verursa-
chen können. Die wirtschaftlichen 
Kräfte, die von Neoliberalismus profi-
tieren, sind aber zu mächtig. Sie beste-
hen darauf, dass man das Modell unter-
stützt, obwohl seine finanziellen Unter-
stützungen gar nicht stabil sind. Es 
besteht die Gefahr, dass wir von einer 
Krise zu einer anderen taumeln werden. 
Das sollten wir fürchten.
Sie haben vor vier Jahren das Schlag-
wort Postdemokratie geprägt – ist die 
Demokratie in Gefahr?
Mein Schlagwort war Postdemokratie, 
nicht „Undemokratie“ – also ein Ge-
meinwesen, in dem nach wie vor Wah-
len abgehalten werden, in dem aller-
dings konkurrierende Teams professio-
neller PR-Experten die öffentliche 
Debatte während der Wahlkämpfe so 
stark kontrollieren, dass man riskiert, 
dass sie zu einem reinen Spektakel ver-
kommt, bei dem man nur über eine 
Reihe von Problemen diskutieren könn-
te, die die Experten zuvor ausgewählt 
hatten. In der Postdemokratie, wie ich 
sie beschreibe, bleiben alle die Institu-
tionen der Demokratie und funktionie-
ren. Die Energie des politischen Sys-
tems ist aber woanders, in den kleinen 
Zirkeln der wirtschaftlichen und poli-
tischen Eliten. Das heißt, eine ge-
schwächte Demokratie, aber im stren-
gen Sinn keine gefährdete.
Bei den jüngsten Wahlen überall in 
Europa feierte die Piraten-Partei, die 
unter anderem Stärkung der Bürger-
rechte, mehr direkte Demokratie und 
Mitbestimmung, aber auch die Re-
form des Urheberrechts propagiert, 
Wahlerfolge – sind sie Hoffnungsträ-
ger oder Gefahr?
Der Nutzen der Erfolge der Piraten-
Partei ist, dass sie der politischen Klasse 
ein Zeichen gibt, dass die WählerInnen 
immer unzufriedener mit ihrem Verhal-
ten werden, und dass Reformen drin-
gend notwendig sind. Das ist ein echter 
Nutzen. Die spezifischen Rezepte der 
Piraten sind aber nicht so praktikabel. 
Direkte Demokratie, vielleicht ja, auf 
lokaler Ebene, wie in der Schweiz regel-
„Der Pessimismus ist der  
größte Feind“
Politikwissenschaftler Colin Crouch im E-Mail-Interview nach den Stadtgesprächen.
Z u r  p e r s o n
Colin Crouch   
 Geboren 1944
1972–1973 Lecturer, 
University of Bath 1969 BA, 
London School of Economics 
and Political Science 
1975 Doctor of Philosophy, 
Nuffield College, Oxford 
University
1973–1985 Lecturer und Reader für das Fach 
Soziologie, London School of Economics and 
Political Science
1985–1994 Fellow des Trinity College, Oxford, und 
Professor für Soziologie an der Oxford University
1995–2004 Professor für Comparative Social 
Institutions am Europäischen Hochschulinstitut in 
Florenz (EUI) 
seit 1997 Auswärtiges Wissenschaftliches Mit- 
glied des Max-Planck-Instituts für Gesellschafts-
forschung
2005–2011 Leiter des Institute of Governance and 
Public Management an der Warwick Business 
School, University of Warwick
seit 2011 im Ruhestand 
B u c h t i p p
Colin Crouch
Postdemokratie 
Suhrkamp, 2008  
159 Seiten, € 10,30 
ISBN 978-3-5181-2540-3
Colin Crouch
Das befremdliche Überleben 
des Neoliberalismus
(Postdemokratie II)
Suhrkamp, Neuauflage 2012  
248 Seiten, € 20,50 
ISBN 978-3-5184-2274-8
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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