Full text: Europa der Generationen (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2012 33Schwerpunkt
von Sicherungssys temen an die Dyna-
mik der Märkte  sogar allgemein die Bil-
dung von Finanzblasen bzw. verstärke sie 
die Wirkung von Krisen. 
Mehr Risiko, mehr Entsolidarisierung? 
Aber auch aus der unmittelbaren Perspek-
tive durchschnittlicher Beitragszahle-
rInnen/PensionsbezieherInnen sind ne-
ben dem höheren Risiko noch weitere 
Aspekte zu beachten. So ist die Annahme 
höherer Renditen der kapitalgedeckten 
gegenüber (in der Regel staatlichen) Um-
lageverfahren empirisch nicht haltbar. In 
Österreich beispielsweise lag der Ertrag 
bei den (privaten) Pensionskassen zwi-
schen 2001 und 2011 im Schnitt bei 2,1 
Prozent pro Jahr. Die durchschnittliche 
Aufwertungszahl der Sozialversicherung 
befand sich in diesem Zeitraum allerdings 
bei 2,4 Prozent p. a., also über diesem 
Wert! Ebenso ist nicht jede/r in der Positi-
on, sich überhaupt eine zweite oder dritte 
Säule in der Pensionsvorsorge leisten zu 
dürfen bzw. zu können. Betriebliche 
 Pensionskassen („zweite Säule“), welche 
durch Arbeitgeberbeiträge gespeist wer-
den, betreffen nur bestimmte (Bruch-)
Teile der Beschäftigten. So erhalten von 
100 PensionistInnen nicht einmal vier 
Personen eine Zusatzpension aus der Pen-
sionskasse. Gleichzeitig entfallen hier auf 
die obersten acht Prozent 49 Prozent des 
eingesetzten Kapitals. Private Zusatzpen-
sionen müssen demgegenüber ohnehin 
von den ArbeitnehmerInnen selbst finan-
ziert werden. Die „dritte Säule“ steht da-
her real nur Menschen offen, die über ein 
entsprechendes monatliches Einkommen 
verfügen. 
„Denn eines ist sicher: Für das Ziel, 
Ihren Lebensstandard im Alter zu erhal-
ten, wird die staatliche Pension allein in 
Zukunft nicht mehr ausreichen.“ Trotz 
aller Erschütterungen der Pensionsfonds 
bewerben die großen privaten Anbieter 
noch immer derart ihre Produkte und 
profitieren weiter von real existierenden 
Ängsten in der Gesellschaft. Wenngleich 
die oft geäußerten Befürchtungen, „gar 
keine Pension mehr zu bekommen“, si-
cher übertrieben sind, weisen schließ-
lich gerade gewerkschaftsnahe Exper-
tinnen und Experten auf sinkende 
Lohnersatzraten hin. Daher machen 
sich auch die Interessenvertretungen zu 
Recht nicht nur Gedanken über die Ri-
siken der Privatisierung, sondern auch 
über finanzielle Lücken im staatlichen 
Umlagesystem. Natürlich ist dieses – 
wie jedes andere Pensionssystem – von 
der Frage der Demografie/Alterung bzw. 
eigentlich der Erwerbsquote abhängig. 
Früher in Pension, weniger Geld
Man solle in diesem Zusammenhang aber 
nicht so tun, als ob frühe Pensionsantritte 
einfach auf einer freien Entscheidung der/
des Einzelnen beruhen, meint David 
Mum auf Nachfrage. Drei Jahre früher in 
Pension zu gehen könne inzwischen im-
merhin bis zu 23 Prozent weniger Geld 
bedeuten. Ebenso grotesk seien Behaup-
tungen, dass sich „länger Arbeiten“ nicht 
auf den Arbeitsmarkt auswirke. Natürlich 
habe das Sinken des faktischen Pensions-
antrittsalters in den 1970er- und 1980er-
Jahren den Arbeitsmarkt entlastet; es rei-
che ein Blick über unsere Grenzen, um 
das zu erkennen. 
Letztlich geht es demnach auch um 
die gesellschaftspolitische Entschei-
dung, welcher Anteil am BIP insgesamt 
für Transferleistungen zur Verfügung ge-
stellt wird. Ein Umlageverfahren verteilt 
nämlich nicht nur gerechter als private 
Systeme, sondern kann ebenfalls auf 
mehreren Säulen ruhen. 
Soziale Sicherheit darf etwas kosten
In Österreich ist ein Bundesbeitrag aus 
Steuermitteln ein fester Systembestand-
teil. Genau hier setzen auch Mum und 
Türk an. Der Bundesbeitrag müsse nicht 
als Zuschuss zu einem defizitären System, 
sondern als bewusste Verbreiterung der 
Finanzierungsbasis betrachtet werden. 
Gerade in der Pensionsversicherung der 
Unselbstständigen bewege sich dieser zu-
dem auf besonders niedrigem Niveau. 
Umgekehrt haben Gewerkschaften und 
AK gerade zum Thema Vermögenssteuern 
eine Reihe von Vorschlägen eingebracht, 
deren Erlöse u. a. für einen höheren Bun-
desbeitrag verwendet werden könnten. 
Die Sicherung der Pensionen beruht 
demnach nicht nur auf einem Generati-
onenvertrag oder der Erwerbsquote. Sie 
ist eben auch eine Verteilungsfrage. 
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an den Autor
johnevers@gmx.net
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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1  Vgl.: AK-Tirol/VKI: Studie zur privaten Pensionsvorsorge, 02/2012. 
tinyurl.com/czraycp 
2  David Mum, Erik Türk: Altersicherung und Finanzmarktturbu-
lenzen. Erscheint im Herbst 2012.
Es wurde den ArbeitnehmerInnen permanent ein-
geredet, dass das staatliche Pensionssystem nicht 
ausreicht und private Zusatzpensionen als dritte 
Säule nötig sind. Das Fazit der Studie: Profitiert 
 haben die Versicherer und nicht die Versicherten.
        

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