Full text: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/201210 Interview
Das Phänomen Stronach werden Sie ja 
erst 2013 untersuchen – wie sieht es aus 
mit anderen Splitterparteien?  
Wir haben bei der europäischen Parla-
mentswahl die Liste Hans-Peter Martin 
untersucht, auf nationaler Ebene wird 
die Liste jedoch von uns nicht unter-
sucht. In unsere Vorwahlstudie nehmen 
wir auch das Team Stronach auf. Wie viel 
Vertrauenswürdigkeit besitzt Stronach? 
Wo würde man ihn einordnen auf einer 
Skala von links bis rechts? Diese Fragen 
werden wir zu Herrn Stronach stellen. 
Und die Frage: Würden Sie ihn als Bun-
deskanzler sehen, wenn man ihn direkt 
wählen könnte? Meines Erachtens wird 
jedoch seine Stärke überschätzt – selbst 
in dieser Konstellation von sehr viel 
 politischem Zynismus und Korruptions-
vorwürfen. 
Haben Sie festgestellt, inwieweit eher 
Personen und inwieweit eher Ideen ge-
wählt werden?  
Das ist eine lange diskutierte Frage in der 
Wahlforschung und in der Politikwissen-
schaft. Es ist tatsächlich immer wieder 
die Hypothese aufgetreten, dass auch in 
Ländern wie Österreich Personen wich-
tiger werden als Parteien. Das kommt ja 
sehr stark aus den USA, wo sich die Wahl-
kämpfe stark auf die Personen konzent-
rieren. Ich würde das ein bisschen für 
Österreich abschwächen, weil ich glaube, 
dass es natürlich ein paar WählerInnen 
gibt, die Persönlichkeiten, Leadership-
Eigenschaften als wichtigen Aspekt in 
ihrer Wahlentscheidung sehen, aber das 
österreichische Wahlsystem, das ja sehr 
stark auf Parteien aufbaut, ist weniger an-
fällig für Persönlichkeitswahl. Wichtiger 
sind die Positionen der Parteien: Wo ste-
hen sie und welche Vorschläge machen 
sie zu für mich relevanten Themen?   
Welche Rolle spielen die Medien?  
Wir haben in Österreich sicher sehr 
mächtige Medien. Da muss ich auch wie-
der auf die Arbeit der Kollegen Dr. David 
Johann und Dr. Günther Lengauer ver-
weisen, die das unterucht haben. Und 
zwar, ob in manchen Zeitungen eher 
über bestimmte Personen und Parteien 
berichtet wird – und das fanden sie tat-
sächlich bestätigt. Die zweite Frage war 
dann: Hat das auch einen Einfluss darauf, 
wie die WählerInnen, die diese Zeitungen 
 lesen, über diese Personen denken? Da 
haben sie auch einen leichten Einfluss 
feststellen können. Das darf man jetzt 
nicht überbewerten, aber es gibt  diese 
Tendenzen.   
Woher beziehen die Menschen ihre 
 Informationen über die Parteien noch? 
Es gibt die direkte Parteienkommunika-
tion – vor allem am Land, wo sich die 
Leute ja sehr gut kennen –, die man nicht 
unterschätzen darf. Das soziale Umfeld 
sollte man auf keinen Fall unterschätzen: 
Mit wem spricht man über welche poli-
tischen Themen? Welche Meinungen 
werden übertragen? Verändert das irgend-
etwas an meinem Verhalten, an meinen 
Meinungen? Ich glaube, es wäre falsch zu 
sagen, dass die WählerInnen komplett 
ungeschützt den Medien ausgesetzt sind. 
Sie haben durchaus auch andere Aspekte, 
die auf sie einwirken und außerdem ha-
ben sie eine eigene Persönlichkeit.  
 
Das Wahlvolk ist nicht so einfach ma-
nipulierbar, wie manche glauben?  
Alle Modelle des Wahlverhaltens, die 
von einem extrem einfachen Ansatz aus-
gehen, würde ich als ungültig betrach - 
ten. Wahlentscheidungen sind komplexe 
Entscheidungen.   
Ist die Entscheidung, nicht zur Wahl zu 
gehen, ebenso komplex?  
Durchaus. Wenn wir jetzt von einer ra-
tionalen Perspektive ausgehen, würde 
man sagen: Es ist eigentlich rationaler, 
nicht zur Wahl zu gehen. Was soll meine 
Stimme unter sechs Mio. Wahlberechtig-
ten schon ausrichten. Wenn man von ei-
ner reinen Kosten-Nutzen-Rechnung 
ausgeht, ist der Nutzen im Vergleich zu 
den Kosten gering. Wir gehen aber in der 
Forschung davon aus, dass für viele Men-
schen ein großer Nutzen allein darin be-
gründet ist, dass man so etwas wie ein 
staatsbürgerliches Pflichtgefühl hat, das 
einen dazu bringt, zur Wahl zu gehen. 
Auch wenn man glaubt, dass man etwas 
dazu beitragen kann, dass sich die Politik, 
die Welt ändert, geht man eher zur Wahl. 
Wir haben nur in der Umfragefor-
schung ein großes Problem, was die Er-
fassung der Wahlbeteiligung anbelangt: 
Aufgrund dieser sozialen Erwünschtheit 
behaupten sehr viele, sie waren bei der 
Wahl, obwohl dies nicht der Fall war. 
Das gehört sich einfach. 2013 wollen 
wir es den Personen leichter machen, in 
diesem Punkt die Wahrheit zu sagen.
Wer nützt AUTNES?  
Wir haben keine Kunden. Alles steht auf 
unserer Homepage. Wer auch immer da-
ran interessiert ist, kann sich unsere Da-
tensätze, Arbeiten usw. runterladen. Wir 
sagen, wir haben akademische Arbeit ge-
leistet, auf die soll jeder Zugriff haben. 
Neben der Verwendung in unseren For-
schungsarbeiten nützen wir die Daten vor 
allem natürlich in der Lehre, weil das 
auch einer unserer wichtigen Aspekte ist, 
dass wir unsere Studierenden dahin ge-
hend ausbilden wollen, dass sie mit Da-
ten umgehen können und dass sie Daten 
kritisch reflektieren können.   
Was für ein Urteil würden Sie unserer 
Demokratie ausstellen?  
Das ist eine schwierige Frage. Wahlen 
kann man immer wieder als korrigieren-
des Element betrachten – WählerInnen 
sprechen Urteile aus. Und Parteien soll-
ten diese Urteile, die an einer Wahlurne 
abgegeben werden, sei es bei der Wahl-
beteiligung oder bei der Abstimmung, 
durchaus gründlich reflektieren. Was zwi-
schen den Wahlen passiert, glaube ich, 
da sind wir  demokratiepolitisch auf ei-
nem guten Weg. Alles in allem haben wir 
eine gesunde Demokratie, wenn man sich 
ansieht, was wie diskutiert wird, von den 
Medien aufgegriffen wird. 
   
Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Katharina Klee 
für Arbeit&Wirtschaft.
Mehr Infos unter: 
www.autnes.at
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an die Redaktion
aw@oegb.at
        

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