Volltext: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/20128 Interview
Arbeit&Wirtschaft: Frau Univ.-Prof. 
Dr. Sylvia Kritzinger, Sie sind Projekt-
leiterin bei der nationalen Wahlstudie 
AUTNES – was ist das?  
Sylvia Kritzinger: AUTNES ist die Ab-
kürzung für Austrian National Election 
Study und das ist die erste akademische 
Wahlstudie zu den österreichischen Na-
tionalratswahlen. Das Projekt wird im 
Rahmen der Exzellenzinitiative Nationa-
les Forschungsnetzwerk vom Fonds zur 
Förderung der wissenschaftlichen For-
schung (FWF) in Österreich gefördert.
Unser Bestreben ist es, verschiedene 
theoretische Modelle und Indikatoren, 
die sich in der internationalen Wahlfor-
schung etabliert haben, auch in Öster-
reich zu untersuchen. Wir haben den 
Anspruch, einerseits höchsten wissen-
schaftlichen Standards zu entsprechen 
und diese auch weiterzuentwickeln, um 
international einen Beitrag zur For-
schung zu liefern, andererseits Aussagen 
über Österreich und das österreichische 
Wahlverhalten bei den Nationalrats-
wahlen zu machen – auf akademischer 
Ebene, komplett unabhängig, also nicht 
im Auftrag politischer Parteien.   
Diese Art Wahlstudie ist neu für 
 Österreich?  
Akademische Wahlstudien haben in an-
deren Ländern eine sehr lange Tradition. 
In Schweden und Großbritannien gibt es 
sie z. B. seit den 1950ern bzw. 1960ern. 
Seit den 1980er-Jahren gibt es solche Stu-
dien in allen westeuropäischen Demokra-
tien und selbst bei den neuen Demokra-
tien wurde in den 1990er-Jahren darauf 
geachtet, akademische Wahlstudien ein-
zuführen. Als wir 2009 starteten, waren 
wir neben Griechenland die einzige  west-
europäische Demokratie ohne nationale 
akademische Wahlstudie. Wahlanalysen 
wurden vorher sehr stark von Parteien-
seite betrieben. Es hat aber auch mit den 
Veränderungen an den Universitäten zu 
tun. Erst jetzt hat man die Methoden, die 
diese Forschung überhaupt erst möglich 
machen, an den Unis verankert.    
Was genau ist akademische Wahl-
forschung?  
Die akademische Wahlforschung geht 
davon aus, dass Wahlen sehr komplexe 
Systeme sind, in denen jede Menge an 
Faktoren, Indikatoren und Variablen 
Wahlentscheidungen beeinflussen.    
Da gibt es viele Theorien, die alle seit 
den 1940er-Jahren hauptsächlich in den 
USA weiterentwickelt worden sind, die 
dann auch mit den empirischen Daten 
in Österreich gestestet werden. Es geht 
nicht darum, wer die Wahlen gewinnt, 
wer sie verliert. Uns geht es darum, zu 
erklären, wieso die Leute zur Wahl ge-
gangen sind und wieso nicht. Oder 
auch, wieso wer was gewählt hat. 
Im Rahmen der Meinungsforschung 
geht es vor allem darum: Wer wählt am 
Wahltag welche Partei, was muss diese 
im Wahlkampf noch tun, damit ihr 
Wahlergebnis besser aussieht als aktuell? 
Die Medien wollen das Publikum infor-
mieren – Wahlen sind natürlich span-
nende News und dementsprechend ma-
chen sich Umfragen auch sehr gut.   
Aber uns geht es nicht darum, zu sa-
gen, diese Partei ist zwei Prozentpunkte 
Wahlvolk ist nicht so manipulierbar
Sylvia Kritzinger ist Leiterin der akademischen Wahlstudie AUTNES, 
die das Wahlverahlten der ÖsterreicherInnen wissenschaftlich untersucht.
Z u r  p e r s o n
Univ.-Prof. Mag. Dr. Sylvia Kritzinger
 Geboren 1974 in Bozen, Italien
Studium der Politikwissen-
schaft, Publizistik und 
Kommunikationswissenschaft, 
Universität Wien
1997–1999 Hochschul-
lehrgang für Markt- und 
Meinungsforschung, 
 Universität Wien
1998 Magisterium
1998–2000 Postgraduate-Scholarin am Institut für 
Höhere Studien, Wien, Abteilung Politikwissenschaft
1998–2002 Doktoratsstudium der Politikwissen-
schaft, Universität Wien, Dissertation zum Thema 
„Die Legitimität und Bewertung der Europäischen 
Union in Italien: politische und ökonomische 
Faktoren“
2000 Studienassistentin am Institut für Staatswis-
senschaften, Universität Wien
2000 TMR-Kandidatin des Wissenschaftszentrums 
Berlin (WZB), Abteilung „Institutionen und Sozialer 
Wandel“
2001–2002 TMR-Wissenschaftliche Mitarbeiterin am 
Trinity College Dublin, Abteilung Politikwissenschaft
2002–2003 Lehrbeauftragte (Lecturer) ebenda
2003–2007 Assistenzprofessorin am Institut für 
Höhere Studien, Abteilung Politikwissenschaft
2004 Expertin für das Belgische Föderale For-
schungspolitikbüro für die Ex-post-Evaluierungen 
von Forschungsberichten
2004 Gastprofessorin an der Donauuniversität Krems
2004–2005 Generalsekretärin der Österreichischen 
Gesellschaft für Politikwissenschaft
2005–2006 Lehrbeauftragte am Institut für Staats-
wissenschaften, Universität Wien
2006-2012 Vorstandsmitglied des Programms 
„Quantitative Methoden der Sozialwissenschaft 
(QMSS I und II)“ der European Science Foundation
seit September 2007 Professur für Methoden der 
Sozialwissenschaft am Fakultätszentrum für 
Methoden der Sozialwissenschaft, Universität Wien
        

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