Full text: Haben wir eine Wahl? (10)

Arbeit&Wirtschaft 10/2012 9Interview
vor der anderen und die haben aufge-
holt um 1,5 Prozent, sondern: Warum 
wählt man diejenigen, die man wählt 
bzw. welche Veränderungen gibt es da-
bei während des Wahlkampfs und wo-
rauf sind diese Veränderungen zurück-
zuführen? Hat es etwas damit zu tun, 
wie die Parteien kommunizieren? Oder 
wie die Medien kommunizieren? Hat es 
damit zu tun, in welchem persönlichen 
Umfeld man gerade ist, was Familie, 
Freunde gesagt haben oder ob man in 
Kontakt mit Parteien, PolitikerInnen, 
MitarbeiterInnen gekommen bin und, 
und, und. Es geht uns da um mehr, als 
wer gewinnen wird und wieviel Männer 
und wieviel Frauen gewählt haben.
Nämlich?
Wir befragen WählerInnen, und zwar 
 österreichweit und ab dem Alter von 
16 Jahren, weil ja „Wählen ab 16“ eine 
österreichische Besonderheit ist. Wir be-
fragen sie vor der Wahl, während des 
Wahlkampfes und nach der Wahl, damit 
wir eventuelle Unterschiede und Ent-
wicklungen feststellen können. Wir ana-
lysieren Parteikommunikation, wir ana-
lysieren Wahlprogramme, Aussagen in 
den Medien, Webauftritte etc. Wir ana-
lysieren aber auch die Medien selbst. Wie 
berichten sie über den Wahlkampf? Und 
wir schauen uns genau an, welche Person 
konsumiert welches Medium und mit 
welchen Informationen kommt sie in 
Kontakt, um eben Aussagen darüber ma-
chen zu können, wieso er oder sie die 
Meinung im Vorfeld der Wahl eventuell 
geändert hat und eine andere Wahlent-
scheidung getroffen hat. 
Und Social Media?  
Bei der Nationalratswahl 2013 werden 
wir uns zum ersten Mal auch das Web 
2.0 ansehen. Das wird immer wichtiger, 
auch in Österreich, weil wir eben die 
wahlberechtigten 16-Jährigen und 
17-Jährigen haben. Vor allem Jungwäh-
lerInnen sind in diesen Foren aktiv. Uns 
interessiert dabei, ob die sich die politi-
schen Informationen hauptsächlich aus 
diesem Bereich der Kommunikation ho-
len. Wir wissen ja, dass Parteibindung 
und Parteimitgliedschaft stark im Sinken 
begriffen sind. Aber das heißt eben nicht, 
dass die Menschen nicht trotzdem poli-
tisch sind. Vielleicht wurden dazu bisher 
die falschen Fragen gestellt.   
Welche Ergebnisse brachte AUTNES 
bisher?  
Was wir uns sehr detailiert angesehen ha-
ben, weil Österreich in diesem Bereich 
eben sehr außergewöhnlich ist, ist das 
Wahlverhalten bzw. die Wahlbeteiligung 
der 16- und 17-Jährigen. Es gab ja im 
Vorfeld viel Kritik an der Entscheidung, 
das Wahlalter zu senken. Manche haben 
gemeint, die JungwählerInnen sind nicht 
reif genug, haben kein Interesse, kein Wis-
sen und dementsprechend ist das auch 
eine Wahlentscheidung, die nicht gut be-
gründet ist. Das haben wir uns angesehen. 
Und was haben Sie festgestellt?  
Wir können den Kritikern sagen: Das 
stimmt alles nicht. Die österreichischen 
Jugendlichen gehen zwar seltener zur 
Wahl, als Personen über 30, auf der an-
deren Seite sind sie politisch sehr inter-
essiert. Sie wissen ganz genau, welche 
Partei am besten zu ihnen und ihren 
 Interessen passt. Sie gehen nicht einfach 
zur Wahl und machen spontan ein Kreuz 
bei irgendjemandem, sondern sie wählen 
sehr bewusst jene Partei, die ihnen ideo-
logisch am nächsten steht. Wir haben 
dazu sehr positive Ergebnisse aus der 
Wahl 2008. Und dementsprechend hat 
sich diese Entscheidung „Wählen mit 16“ 
bewährt. Natürlich ist das 2008 stark me-
dial begleitet worden, die Parteien haben 
sich bemüht. Wir werden sehen, wie es 
sich 2013 weiter bewährt.  
Wie sind die Unterschiede zwischen den 
Generationen?  
Wenn wir uns die Politikbereiche anse-
hen, sehen wir, dass die älteren Genera-
tionen eher sozioökonomische Politikfel-
der heranziehen, um z. B. SPÖ oder ÖVP 
zu wählen, während Jüngere mehr auf 
soziokulturelle Aspekte Wert legen. Das 
hat natürlich damit zu tun, dass in der 
Nachkriegszeit mehr auf Folgendes ge-
achtet wurde: Ist meine Arbeitsstelle 
 sicher, wächst mein Einkommen, fühle 
ich mich in einer sozialen Hängematte 
gut aufgehoben? Bei Jüngeren ist das we-
niger wichtig als soziokulturelle Aspekte, 
wie Frauenpolitik, Umweltpolitik, Aus-
länderpolitik. Das kann sich mit der 
 Euro-Krise ändern. Die hat ja großen 
Einfluss auf die jüngere Generation, die 
Jugendarbeitslosigkeit steigt. Die Finanz-
marktkrise kann durchaus Einfluss auf 
das Wahlverhalten haben und hier zu 
Veränderungen bei der jüngeren Gene-
ration führen. 
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Die österreichischen Jugendlichen gehen  
zwar seltener zur Wahl, als Personen über 30, 
auf der anderen Seite sind sie politisch sehr 
 interessiert. Sie wissen ganz genau, welche 
Partei am besten zu ihnen und ihren Interessen 
passt.
        

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