Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201310 Interview
Wo beginnt wirklicher Reichtum?  
  
Offiziell gibt es weltweit keine verbind-
liche Festlegung. Deshalb würde ich sa-
gen, Reichtum beginnt da, wo man von 
der Rendite leben kann. Das ist in Ban-
gladesch anders als in Tokio oder Zürich. 
Also sind Reichtumsgrenzen relativ. In 
den Armuts- und Reichtumsberichten 
der deutschen Bundesregierung beginnt 
Reichtum bei 3.000 Euro im Monat. Das 
halte ich für lächerlich. Wir operieren in 
unserer Forschung mit einer Reichtums-
grenze von drei Mio. Euro. Tatsache ist, 
dass wir ca. 13 Mio. Millionäre weltweit 
zählen und ca. 1.300 Milliardäre. Aber 
würde sich die Welt verändern, wenn die 
einen besonderen Beitrag leisten würden? 
Würde sie?  
Es gibt eine Untersuchung des Ökono-
men Jeffrey Sachs. Der hat berechnet, wie 
viel Geld gegeben werden müsste, um 
Armut zu beseitigen. In diesem Zusam-
menhang wäre das Ideale, wenn man 0,7 
Prozent des BIP jedes Landes in dieses 
Projekt stecken würde – damit könnte 
man extreme Armut bis zum Jahr 2025 
beseitigen. Diesen Betrag könnten auch 
die Reichen allein nicht auf die Beine 
stellen. Das entlässt sie sicher nicht aus 
der Verantwortung, aber zur Lösung die-
ses Problems bedarf es dennoch gesamt-
gesellschaftlicher Anstrengungen.   
Wie eine Finanztransaktionssteuer?  
Eine Steuer auf Spekulation ist unver-
zichtbar. Das hat aber weniger mit Rei-
chen zu tun. Wenn ich spekuliere und 
durch meine Spekulation der Reispreis 
steigt und Millionen Menschen hungern, 
ist das irrational. Ich bin aber kein Öko-
nom, mein Feld ist, was Vermögende tun.
Gehen Frauen anders mit Vermögen um 
als Männer?   
Die Rolle der Frau im Verhältnis zu Ver-
mögen und Reichtum hat sich in den letz-
ten zehn bis 15 Jahren gewandelt. Ich 
spreche da über den deutschsprachigen 
Raum. Sie üben in vielen Vermögensbe-
langen weit mehr Mitsprache aus, als dies 
traditionell der Fall war – vor allem bei 
familiären Vermögensfragen, in Bezug 
auf Stiftungen, soziale,  humanitäre und 
philanthropische Pro jekte und in Erb-
schaftsangelegenheiten.  Dennoch ist die 
Bedeutung des Einflusses der Frau in Ver-
mögensverhältnissen größer als auf un-
ternehmerischer Ebene: zu wenige Frauen 
in Vorständen, in Aufsichtsräten.  
Ist wahrer Reichtum unsichtbar wie 
echte Armut?  
In vielen Teilen der Welt ist Armut das 
Sichtbarste. Nur hier bei uns ist Armut 
in einem Nebel der Scham und der Ab-
schottung gefangen. Mental und tenden-
ziell versuchen auch die Vermögenden 
sich aus vielen Gründen der Sichtbarkeit 
zu entziehen. Nur die sich selbst insze-
nierenden Reichen wollen in die Medien 
– gucken Sie sich doch manche Karika-
turen am Opernball an. Dass man vielen 
Selbstdarstellern eine mediale Plattform 
gibt, finde ich den arbeitenden BürgerIn-
nen gegenüber eine Zumutung.  
Kann man durch Arbeit reich werden? 
Mit absoluter Sicherheit. Ein wohlhaben-
des, gelungenes Leben zu führen, ist mei-
ner Ansicht nach nur durch Arbeit mög-
lich. Die vielen Superreichen, die ich in-
terviewt habe, da sind nur diejenigen 
einigermaßen glücklich, die arbeiten und 
immer wieder Sinnstiftung betreiben. 
Meiner Ansicht nach gibt es ein 
 Ungleichgewicht zwischen mit Arbeit 
verdientem Geld und dem durch Speku-
lation und Transaktion angehäuften 
 Gewinn. Diese ungleiche Entwicklung 
müsste wieder auf ein normales Maß zu-
rückgestuft werden. Ich urteile jetzt 
nicht über den Menschen: Aber zwi-
schen einem Hedgefonds-Manager, der 
200 Mio. im Jahr verdient, und einem 
Unternehmer, der 20.000 Arbeitsplätze 
geschaffen hat, gibt es einen gesellschaft-
lich relevanten Widerspruch. Wir sollten 
versuchen, der tätigen Leistung wieder 
den Wert einräumen, die sie verdient.
In Ihrem Buch „Krieg der Scheinheilig-
keit“ prägen Sie das Schlagwort „Kon-
krethik“ – was ist das?  
Wir hören alle unfassbar viele Verspre-
chungen, viele Prognosen. Schaut man 
den Großen der Welt zu, bekommt man 
ganz viele tolle Antworten. Subjektiv hin-
gegen hat man das Gefühl, es wird immer 
schlechter und immer unglaubwürdiger. 
Im Grunde ist Ethik eine Ideal-
vorstellung. Ich glaube: Es kann im 
21. Jahrhundert nicht um Idealvorstel-
lungen gehen. Wenn Ethik nicht umge-
setzt wird, ist sie völlige Makulatur. Und 
daher sage ich: Ethik ist nur mehr das, 
was wirklich umgesetzt wird – und das 
ist Konkrethik, die Verbindung zwischen 
Ethik und Umsetzungsverantwortung. 
Wenn die Regierungen sagen, wir 
wollen Arbeitslosigkeit beseitigen, dann 
müssen wir sie beseitigen mit ganz kon-
kreten Projekten und nicht zehn Jahre 
darüber reden. 
Ihre Konkrethik?
Der gesellschaftliche Sinn der Vermö-
gensforschung ist es auch, langfristig da-
zu beizutragen, Armut zu reduzieren. Nur 
das kann der konkrethische Sinn sein. 
Wir wollen die Hochvermögenden erfor-
schen, mit ihnen kommunizieren und 
herausfinden, wie man Erfolg hat und 
Verantwortung übernimmt. Letztlich 
müssen wir alle einen Beitrag leisten, um 
die Schere zwischen Arm und Reich zu 
schließen. 
Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Katharina Klee 
für Arbeit&Wirtschaft.
Schreiben Sie Ihre Meinung 
an die Redaktion
aw@oegb.at 
B u c h t I p p
Thomas Druyen 
Krieg der Scheinheiligkeit: 
Plädoyer für einen gesun-
den Menschenverstand
Maxlin Verlag, 2012,  
288 Seiten, € 24,90
ISBN 978-3-9814-1414-1
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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