Full text: Lieber reich als arm (1)

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gen zu fordern begannen und die junge Arbei-
terbewegung durch das Gesetz garantierte so-
ziale Rechte verlangte, war man schockiert. Aber 
das Rad der Zeit ließ sich nicht mehr zurück-
drehen, nach und nach erkannten viele Arbeite-
rInnen, dass sie keinen Grund zur unterwürfigen 
Dankbarkeit für die scheinbare Großzügigkeit 
„derer da oben“ hatten. So wie die junge Nieder-
österreicherin Adelheid Dworak, die darüber in 
ihren Lebenserinnerungen berichtete: 
Arbeit&Wirtschaft 1/2013 Historie
Fernsehen und Popstars gab es vor 
150 Jahren noch nicht, „Wohltätig-
keitsevents“ dagegen schon. Sie ge-
hörten sozusagen zur Standespflicht 
der oberen Zehntausend, des Adels 
und des besitzenden Bürgertums. 
Zum Fundraising gründete man Ver-
eine und veranstaltete „Akademien“, 
Theateraufführungen oder Bälle. Die 
Fürstin Pauline Metternich entwi-
ckelte für das Auftreiben von Spen-
den besonders viel Phantasie. Be-
rühmt wurden ihre Frühlingsfeste 
und der von ihr 1886 erstmals orga-
nisierte Blumenkorso im Wiener Pra-
ter. Er brachte 100.000 Gulden für 
die Wiener freiwillige Rettung und 
die Krebshilfe ein – zwei Lieblings-
projekte der Fürstin.
Viele der durch private Wohltätigkeit 
finanzierten Projekte waren nicht nur 
Show, sondern brachten wirklich 
 Hilfe. So gab der 1847 gegründete 
„Erste Wiener Hilfsverein“ während 
der großen Hungersnot nicht nur 
Nahrung und Kleidung aus und fi-
nanzierte Schlafstellen für Obdachlose, er kauf-
te über den kurzfristigen Bedarf hinaus auch in 
großem Stil Lebensmittel auf, um die Teuerung 
bei der Grundversorgung zu bremsen. Aber an 
der extrem großen Kluft zwischen Arm und Reich 
konnte das alles nichts ändern – und eine Än-
derung war auch nicht erwünscht: Das arbei-
tende Volk sollte wissen, wo sein Platz war, näm-
lich unten. Als die ersten Gewerkschaften faire 
Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingun-
Scheinlösung Charity
Private Wohltätigkeit kann helfen, aber sie trug und trägt nichts dazu bei,  
die Kluft zwischen Armen und Reichen zu verringern.
Als ich schon in die Schule ging, 
wurde von einem reichen Mann, 
der eine große Fabrik besaß, … 
für die armen Schulkinder eine 
Weihnachtsbescherung veran-
staltet. Auch ich gehörte zu den 
Glücklichen, die mit Naschwerk 
und wollenen Kleidungsstücken 
beschenkt wurden. Die große 
mächtige Tanne gab mehr Licht, 
als ich je gesehen hatte, und der 
Festschmaus, der uns gegeben 
wurde, brachte uns alle in 
glückselige Stimmung. Wie 
dankbar war ich dem guten, 
reichen Mann, der so ein mild-
tätiges Herz für die Armen hat-
te. Als später meine verwitwete 
Mutter in seiner Fabrik für drei 
Gulden Wochenlohn täglich 12 
Stunden arbeiten musste, konn-
te ich noch nicht beurteilen, 
dass darin die Quelle für seine 
„Großmut“ gelegen war. Erst 
viel später kam ich zu dieser 
Erkenntnis.
Später gab das kleine Mädchen aus Inzersdorf 
als Adelheid Popp seine Erkenntnis an unzähli-
ge arbeitenden Frauen weiter. Sie gehörte zu je-
nen, die dafür kämpften, dass sich die Menschen 
auf einen Sozialstaat verlassen können, statt 
auf Charity angewiesen zu sein.
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
Kritik an den Charity-Events der Reichen und Schönen 1897. Die Bild-
unterschrift: Arbeiter: Du, die tanzen heut’ für uns. Zweiter Arbeiter: 
Und wir arbeiten’s ganze Jahr für sie.
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