Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 15Schwerpunkt
Weg.“ Den fachlichen Teil übernimmt 
die Schuldnerberatung, doch Blemen-
schitz klärt im Vorhinein ab, ob ein Pri-
vatkonkurs überhaupt möglich oder 
sinnvoll ist. Zumeist sind die Klien-
tInnen von Multiproblemlagen betrof-
fen – also nicht von einem, sondern 
mehreren Problemen zeitgleich. Krank-
heit, Ärger im Job, Scheidung, Schul-
den. „Ich habe ein finanzielles Problem“ 
ist der Satz, den die Betriebssozialarbei-
terin am öftesten hört. „Doch oft steckt 
dann auch ein Suchtproblem dahinter, 
das sich durch das Gespräch enthüllt. 
Ich mache die Sozialanamnese und frage 
bestimmte Punkte ab. Über Scheidung 
und anderes sprechen die Betroffenen 
freilich erst, wenn ein Vertrauensverhält-
nis da ist.“ 
Kooperation ist notwendig
Dass Schulden oft die Begleiterscheinung 
einer Sucht sind, wissen die BeraterInnen 
nur allzu gut. „Mit der Sucht geht häufig 
auch eine psychische Erkrankung einher. 
Das ist ein Eintauchen in eine Spirale und 
die Menschen sind nicht mehr in der 
 Lage, die Zahlungen zu überblicken. 
Letztendlich habe ich einen Menschen 
vor mir, der in seinem sozialen Umfeld 
gestört ist.“ 
Die Kooperation der Betroffenen ist 
notwendig, denn BeraterInnen können 
den Prozess nur begleiten. Wer die 
Schuld an den Schulden trägt, kann 
nicht einfach beantwortet werden: „Die 
Banken sind beteiligt, denn es geht nicht 
um Beratung, sondern darum, Produkte 
zu verkaufen. Doch es sind nicht die 
Banken alleine, sondern auch die Han-
dybetreiber, Möbel- und Versandhäuser, 
Leasing und auch wir als Gesellschaft.“ 
Geld als Symbol für Freiheit, Selbst-
ständigkeit, Teilhabe an der Gesellschaft: 
„Geld muss man sich verdienen, es darf 
nicht als Statussymbol verwendet oder 
verstanden werden“, erklärt die Exper-
tin. „Die Werbung springt dort auf, wo 
eine Sehnsucht spürbar ist. Die Teilhabe 
und Zufriedenheit wird durch Geld ge-
messen. Deshalb braucht es starke Ju-
gendliche, die wissen, was sie sich nicht 
leisten können. Wenn Menschen ar-
beitslos werden, ist es wichtig zu erken-
nen, dass sie etwas an den Variablen än-
dern müssen, um ihre Fixkosten zu 
zahlen.“ Gerlinde Blemenschitz ist über-
zeugt, dass Österreich viele stabile Ju-
gendliche hat, die mit „einem guten 
Blick auf finanzielle Dinge und das Le-
ben ausgestattet sind. Es braucht Men-
schen, die Resilienz haben und einen 
gesunden Umgang mit dem Konsum 
pflegen.“ 
Doch genügend Jugendliche haben 
den Umgang mit Geld nicht gelernt: 
„Geld soll nicht als Drohung eingesetzt, 
sondern positiv verwendet werden. El-
tern können etwa mit den Kindern aus-
rechnen, was ein Ausflug in die Therme 
oder ins Kino kostet, aber ohne den Kin-
dern dabei Stress zu machen.“ Im Ge-
gensatz vermittelt eine Mobilfunkwer-
bung, dass „ein Handy nichts kostet und 
dafür praktisch nicht gearbeitet werden 
muss“, erklärt Gerlinde Blemenschitz. 
„In der Gelderziehung oder bei Medien-
kompetenz sind die Schulen und wahr-
scheinlich auch schon die Kindergärten 
gefragt. Es ist wichtig, Kindern zu erklä-
ren, was es bedeutet, einen Kredit aufzu-
nehmen oder was ein Ratengeschäft ist. 
Die meisten Leute sehen das überzogene 
Konto leider nicht als Schulden an.“ 
Wer als junger Mensch zu Blemenschitz 
in die betriebliche Sozialberatung 
kommt, hat bereits einen Leidensdruck 
oder wird geschickt. „Es ist wichtig zu 
erkennen, dass der Lebenswandel so 
nicht mehr aufrechterhalten werden 
kann und über die Verhältnisse gelebt 
wird.“ Doch eines steht fest: Immer 
mehr Menschen verdienen zu wenig 
Geld, um ihre Fixkosten zahlen zu kön-
nen. „Wenn ich die Mindestsicherung 
bekomme und 430 Euro Miete bezahle 
oder in einem Dienstleistungsberuf un-
ter 1.000 Euro verdiene und 600 Euro 
Miete zahle,  frage ich mich, was da noch 
übrig bleibt. In Schulden zu geraten ist 
meist sehr  unspektakulär.“ 
Internet:
Was tun bei Zahlungsproblemen?
Infos der AK, PDF-Download unter:
tinyurl.com/aar8l2t
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an die Autorin
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Von Schulden sind alle Altersstufen, beson-
ders aber die 40- bis 45-Jährigen betroffen. 
Maly: „Die meisten Schulden beginnen in 
 frühen Jahren und können mehr oder weniger 
lang hinausgezogen werden.“ Eine Geldschuld 
wie Kaugummi zu dehnen war vor der Wirt-
schaftskrise 2008 leichter möglich. Denn die 
Banken waren damals schnell bereit, Kredite 
zu vergeben oder eine Umschuldung durch-
zuführen.
        

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