Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 19Schwerpunkt
treters des neoliberalen Denkansatzes, 
Friedrich A. Hayek. Erstens: Der Begriff 
„Gerechtigkeit“ kann aufgrund der 
Marktstruktur nur als Bezeichnung 
für die Qualität der marktrechtlichen 
Rahmeninstitutionen Sinn machen. 
Zweitens: Der Begriff „soziale Gerech-
tigkeit“ hat hingegen keinen bestimm-
baren Sinn in seiner Anwendung auf 
die Marktordnung.
Seine dritte These in Zusammen-
hang mit „Leistungsgerechtigkeit“ fin-
det erst seit Kurzem Eingang in die 
Debatte über soziale Gerechtigkeit. 
„Doch der Gedanke, dass wir das, was 
wir in der Vergangenheit (...) erwor-
ben, auch moralisch verdient haben, ist 
weitgehend illusorisch“, hatte Hayek 
1976 in seinem Buch „Die Illusion der 
sozialen Gerechtigkeit“ postuliert. Be-
lohnt wird in der Marktwirtschaft so-
mit allein der Markterfolg, der sich 
aber verdienstethisch nicht heiligen 
lässt, kommentiert Nullmeier. 
Gute Ordnung
„Brauchen wir die Vorstellung von 
 Gerechtigkeit immer und überall?“, 
überspitzt der deutsche Historiker und 
Publizist Paul Nolte die Frage. Was tritt 
an ihre Stelle? Als allgemeines Ziel ließe 
sich die Idee einer „guten Ordnung“ 
entwickeln, in der möglichst viele 
 Menschen möglichst große Chancen auf 
Entfaltung und Entwicklung bekämen. 
Gerechtigkeit ist im heutigen einge-
schränkten Sinn kein eigenständiger 
Wert, der ohne Zusatzerklärung aus-
kommt. Denn was hätten wir von einer 
sozialen Gerechtigkeit, wenn alle arm 
sind und unfrei dazu? Um den Begriff 
für die (post-)liberale Position zu be-
wahren, meint Nullmeier, wird meist 
auf „Chancengerechtigkeit“ verwiesen. 
In einem Markt, in dem allein die 
 rechtliche Basis dafür gesichert ist, 
bleibt Chancengleichheit aber theore-
tisch bzw. der Herkunft, dem Umfeld 
u. v. a. m. – also grob  gesagt dem 
Zufall –  überlassen.
Wo woa mei Leistung?
Die Aufgabe einer Gerechtigkeitstheorie 
in einer diskursiv geschulten Gesellschaft 
besteht darin, schreibt Frank Nullmeier, 
gute Gründe für bestimmte Verteilun-
gen und institutionelle Verhältnisse 
 zusammenzutragen. Wenn ein autori-
tärer Fabrikant mit fundamentalen Be-
nimmproblemen Chancen auf ein 
 politisches Amt erhält, kann von einer 
diskursiv geschulten Gesellschaft nicht 
die Rede sein. Das Unbehagen, die Wut 
und der Zorn jedenfalls sind seit der 
 berühmten Frage „Wo woa mei Leis-
tung?“ unübersehbar. Reiner Markt-
erfolg und der ihm zugrunde  liegende 
„Zufall“ werden zunehmend als gute 
Gründe angezweifelt. 
Folgt man der Denkweise Hayeks, 
gäbe es drei Möglichkeiten: Man iden-
tifiziert Leistung mit Erfolg. Das wird, 
wie erwähnt, zunehmend unhaltbar. 
Man begründet soziale Ungleichheiten 
mit der Herkunft, Ethnie, Kultur, Reli-
gion oder gar Genetik. Oder aber, man 
akzeptiert sie fraglos. So etwa der post-
liberale Kommunikationstheoretiker 
Norbert Bolz: „Wir sollten zufrieden 
sein mit dem, was ist, statt mit absur-
dem Aufwand nach der optimalen 
 Lösung zu suchen. Besser genug statt 
gleich viel.“
Die Kluft wird größer
Genügsamkeit aber steht in krassem 
 Widerspruch zu Individuen, die am 
Markt agieren (müssen). „Daher muss 
sie auf die weniger marktrelevanten 
Teile der Bevölkerung eingeschränkt 
werden“, schreibt Frank Nullmeier in 
der eingangs zitierten Expertise der 
Friedrich-Ebert-Stiftung. 
Die Kluft zwischen Arm und Reich 
wird größer, vertraut man abgesehen 
von der Statistik und Studienquellen 
den eigenen Augen. Um mit dem zi-
tierten Autor zu sprechen: Vielleicht 
muss auch die Leistungsbereitschaft 
der „LeistungsträgerInnen“ befragt 
werden. „Denn zur Leistungsgerechtig-
keit gehört auch, gemäß seiner Leis-
tungsfähigkeit zum öffentlichen Wohl 
beizutragen.“
 
Internet: 
Frank Nullmeier, „Kritik neoliberaler Menschen- 
und Gesellschaftsbilder und Konsequenzen  
für ein neues Verständnis von ‚sozialer Gerech-
tigkeit‘“, Expertise im Auftrag der Abteilung 
Wirtschafts- und Sozialpolitik der  
Friedrich-Ebert-Stiftung, November 2010:
library.fes.de/pdf-files/wiso/07649.pdf
Schreiben Sie Ihre Meinung  
an die Autorin
gabriele.mueller@utanet.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at 
Der Vorschlag der Millionen-Erbin, genügsam 
inmitten einer satten Gesellschaft zu sein,  
ist implizit – aber keineswegs schwächer – 
auch in der postliberalen Ära präsent. Nichts 
gegen Paradeiser und Eigenbau, vor allem nicht 
in Zeiten unterbezahlter ErntehelferInnen,  
die Frage nach Gerechtigkeit sollte aber dabei 
nicht unter den Tisch fallen. 
 
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