Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201322 Schwerpunkt
Mehr Wohlstand,  
aber leider nicht für alle
Aktuelle Entwicklungen von Armut in Österreich.
E
in Leben auf dem Drahtseil in 
 Balance zu halten ist fast unmög-
lich. Armut bedeutet einen tag-
täglich belastenden Drahtseilakt 
zwischen „es gerade noch schaffen“ und 
Absturz. Die Betroffenen sind bunter 
als der schnelle Blick glauben macht: 
Der Dauerpraktikant mit Uni-Abschluss 
und der Schulabbrecher, die Allein-
erzieherin und die Langzeitarbeitslose, 
der Mann mit Depression und der 
 Überschuldete, das Mädchen in der 
Leiharbeitsfirma ebenso wie der Sohn 
als Ich-AG.
Armut setzt sich stets ins Verhältnis. 
Sie manifestiert sich in reichen Ländern 
anders als in Kalkutta. Menschen, die 
in Österreich von 700 Euro im Monat 
leben müssen, hilft es wenig, dass sie 
mit diesem Geld in Kalkutta gut aus-
kommen könnten. Die Heizkosten 
sind hier zu begleichen, die Miete ist 
hier zu zahlen, der Einkauf hier zu erle-
digen und die Kinder gehen hier zur 
Schule. Deshalb macht es Sinn, Le-
bensverhältnisse in den konkreten 
Kontext zu setzen. Armut ist weniger 
ein Eigenschafts- als ein Verhältnis-
wort.
Prinzip (Un-)Freiwilligkeit
Armut ist das Leben, mit dem niemand 
tauschen will. Hier kommt das Prinzip 
der (Un-)Freiwilligkeit ins Spiel, es geht 
nicht um freiwillig gewählte Armut, 
wie sie z. B. von Mönchen oder Asketen 
praktiziert wird. Die Sozialwissenschaft 
spricht von unfreiwilliger, nicht selbst 
gewählter Armut: Arme  haben die 
schlechtesten Jobs, die niedrigsten Ein-
kommen, die kleinsten und feuchtesten 
Wohnungen, sie sind in den krank-
machendsten Bereichen tätig, wohnen 
in den schlechtesten Vierteln, besuchen 
die am geringsten ausgestatteten Schu-
len, müssen fast überall länger warten1 
– außer beim Tod, der ereilt sie um 
Jahre früher als Angehörige der höchs- 
ten Einkommensschicht. Steige ich 
im 15. Wiener Gemeindebezirk in die 
U-Bahn und am Stephansplatz wieder 
aus, dann liegen dazwischen wenige 
 Minuten Fahrzeit, aber vier Jahre an 
 Lebenserwartung der jeweiligen Wohn-
bevölkerung.2
Mangel an Möglichkeiten
Armut heißt eben nicht nur ein zu ge-
ringes Einkommen zu haben, sondern 
bedeutet einen Mangel an Möglichkei-
ten, um an den zentralen gesellschaftli-
chen Bereichen zumindest in einem 
Mindestausmaß teilhaben zu können: 
Wohnen, Gesundheit, Arbeitsmarkt, 
 Sozialkontakte, Bildung. Wirtschafts-
Nobelpreisträger Amartya Sen3 spricht in 
diesem Zusammenhang von einem 
Mangel an existenziellen Freiheiten. Ar-
mut ist eine der existenziellsten Formen 
von Freiheitsverlust.
„Reiche werden reicher“, „Soziale 
Ausgrenzung steigt“, „Einkommensar-
mut sinkt“ – das waren Schlagzeilen in 
den Tageszeitungen der vergangenen 
Tage. Zumindest die beiden letzten 
Schlagzeilen scheinen widersprüchlich, 
sind sie aber im Detail nicht. Drei 
Schlüsse können wir aus dem kürzlich 
präsentierten Sozialbericht ziehen:
1. Die bedrückenden Lebenssituati-onen steigen ganz unten.
2.  Der Sozialstaat bremst die sozialen Folgen der Krise und stabilisiert die 
Mitte.
3. Es gibt eine äußerst hohe Konzen-tration des Vermögens ganz oben.
Zum Ersten
Wachsende Ausgaben in den zentralen 
Positionen Wohnen, Energie und Er-
nährung verursachen große Probleme; 
gesundheitliche Beeinträchtigungen 
und psychische Erkrankungen, schlech-
te und prekäre Jobs, Einsamkeit und 
 Beschämung machen einer wachsenden 
Zahl von Menschen zu schaffen. Be-
drückende und ausgrenzende Lebens-
situationen steigen seit Anfang der 
2000er-Jahre. Menschen, die am Limit 
leben, haben geringere Aufstiegschan-
cen. Ihre Zukunft wird von der sozialen 
Herkunft bestimmt. In Österreich ha-
ben Kinder aus Elternhäusern mit gerin-
gem sozialem Status eine schlechtere 
Chance auf eine gute Ausbildung. Hin-
weise: Der Anstieg der Mindestsiche-
rungsbezieherInnen, die größere Nach-
frage in Notunterkünften oder Sozial-
Autor: Martin Schenk
Sozialexperte, Stv. Direktor der Diakonie
1  Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (2009): 
 Handbuch Armut in Österreich, Studienverlag.
2 SartClim (2009).
3  Sen, Amartya (2000). Ökonomie für den Menschen. Wege zu 
 Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft.
        

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