Volltext: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 23Schwerpunkt
märkten, die – mit Schwankungen – ins-
gesamte Zunahme der „manifesten 
Armut“ sowie der „Armutsdauer“ seit 
2004. Und die Anzahl von Menschen, 
die als einkommensarm, depriviert und 
erwerbsarbeitslos ausgewiesen wird, hat 
sich verdoppelt.4 Dabei werden diese 
Entwicklungen noch unterschätzt, da es 
sich hier um eine Statistik von Privat-
haushalten handelt und Notunterkünf-
te, Heime, Psychiatrien etc. nicht erfasst 
sind. Eine aktuelle Studie mit Be-
zieherInnen von Sozialhilfe hat auf 
 eindrückliche Weise die schwindende 
soziale Integrationskraft von Erwerbs-
arbeit gezeigt. 
Der Soziologe Manfred Krenn be-
richtet von Menschen, die zwischen 
letztem sozialen Netz und schlechten, 
desintegrativen Jobs hin- und herpen-
deln. Da gibt es jedenfalls ordentlich 
was zu tun, um die Systeme der Ar-
mutsproduktion auszuheben: leistbares 
Wohnen, Arbeit, von der man leben 
kann, Schule, die nicht aussondert, so-
ziale Dienstleistungen, die entlasten 
und aufhelfen. 
Die zweite Entwicklung
Sozialstaatliche Instrumente können so-
ziale Folgen der Krise bremsen. In Ös-
terreich bleiben die Haushaltseinkom-
men insgesamt stabil. Die Einkommens-
armut wird sogar reduziert. Das ist sehr 
ungewöhnlich im Vergleich zu anderen 
europäischen Staaten. Ohne Sozialleis-
tungen wären auch mittlere Haushalte 
massiv unter Druck und stark abstiegs-
gefährdet. Im Gegensatz zu Deutschland 
ist die Einkommensmitte in Österreich 
wesentlich stabiler. Was wir bei der Ein-
kommensmessung aber nicht sehen, sind 
die Ausgaben. Besonders die Bereiche 
Wohnen, Energie und Ernährung sind 
inflationsbedingt am stärksten gestiegen. 
Das sind genau jene Ausgaben, die bei 
einkommensärmeren Haushalten den 
größten Teil des Monatsbudgets aus-
machen.
Und drittens
Es zeigt sich eine äußerst hohe Konzen-
tration der Vermögen ganz oben. Die 
obersten fünf Prozent besitzen die 
Hälfte des gesamten Vermögens, die 
 untersten 50 Prozent gemeinsam bloß 
vier Prozent. Erben ist eine der wichtigs-
ten Vermögensquellen. Die National-
bank5 weist darauf hin, dass Besitzer 
 hoher Geldvermögen nur eingeschränkt 
erfasst werden. Demnach ist die tat-
sächliche Ungleichverteilung noch viel 
größer. Hier gibt es keine Mitte: Die 
Hälfte der Bevölkerung ist „vermögens-
arm“, der Rest des Vermögens konzen-
triert sich ganz oben.
Die OECD sagt: „Zunehmende 
Ungleichheit schwächt die Wirtschafts-
kraft eines Landes, sie gefährdet den 
 sozialen Zusammenhalt und schafft 
 politische Instabilität – aber sie ist nicht 
unausweichlich.“ Die soziale Schere 
kommt uns allen teuer. Mehr soziale 
Probleme verursachen volkswirtschaft-
liche Kosten. Eine höhere Jugend-
armutsquote beispielsweise bringt 
 steigende Sozialausgaben, höhere Ge-
sundheitskosten und entgangene Steu-
ereinnahmen. Geht die Schere zwi-
schen Arm und Reich noch weiter auf, 
bedeutet das mehr Krankheiten und 
geringere Lebenserwartung, eine stei-
gende Zahl von Teenager-Schwanger-
schaften, mehr Statusstress, weniger 
Vertrauen, zunehmende Gewalt und 
mehr soziale Ghettos. Dazu gibt es 
 Bücherregale voll empirischer Belege 
aus der Public-Health-Forschung. 
Der Report der Unicef misst mehre-
re unterschiedliche Aspekte des Wohl-
ergehens von Kindern: Einkommenssi-
tuation, Gesundheitszustand, Bildung, 
Selbstbestimmung. Das Ergebnis: Je 
größer die Unterschiede zwischen Arm 
und Reich, desto schlechter die Lebens-
qualität von Kindern. Der Zusammen-
hang war in jenem Land am stärksten, 
in dem die höchste Anzahl der Kinder 
vorlag, die unter der Hälfte des durch-
schnittlichen Einkommens im Land 
leben. Nicht wie reich wir insgesamt 
sind, erweist sich als entscheidend, son-
dern wie stark die Unterschiede zwi-
schen uns sind. Die soziale Schere geht 
unter die Haut.
Internet:
Mehr Infos unter:
www.armutskonferenz.at
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an den Autor
martin.schenk@diakonie.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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Arme haben die schlechtesten Jobs, die nied-
rigsten Einkommen, die kleinsten und feuchtes-
ten Wohnungen, sie sind in den krank-
machendsten Bereichen tätig, wohnen in  
den schlechtesten Vierteln, gehen in die am 
 geringsten ausgestatteten Schulen, müssen 
fast überall länger warten – außer beim Tod, 
der  ereilt sie um Jahre früher als Angehörige 
der höchsten Einkommensschicht.
4 Statistik Austria (2012): EU SILC 2010.
5  OeNB (2012): Household Finance and Consumption Survey des 
Eurosystems 2010.
        

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