Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 35Schwerpunkt
maß von 24 Stunden kommen. Beson-
ders markant sind die Unterschiede, 
wenn es um die finanzielle Notwendig-
keit als Motiv für die Erwerbstätigkeit 
geht: Je jünger und je höher die Schicht, 
desto weniger  häufig besteht die Notwen-
digkeit zu jobben. So gibt nicht einmal 
die Hälfte der 20-jährigen Studierenden 
aus hoher Schicht an, arbeiten zu müs-
sen, wohingegen dies bei über drei Vier-
tel der Studierenden aus niedriger Schicht 
der Fall ist. Mit zunehmendem Alter wird 
mehr gearbeitet: Die Quote der Erwerbs-
tätigen beläuft sich bei den 28-Jährigen 
auf etwa 90 Prozent.
28 Minuten weniger Studierzeit
Etwa ein Fünftel aller Studierenden sieht 
sich als in erster Linie erwerbstätig an, 
etwa die Hälfte studiert zwar hauptsäch-
lich, arbeitet aber daneben. Lediglich ein 
Drittel ist zum Erhebungszeitpunkt 
(noch) nicht erwerbstätig.
Die StudienautorInnen errechnen, 
dass jede Erwerbsstunde die Zeit, die für 
das Studium aufgewendet wird, um 
durchschnittlich 28 Minuten reduziert: 
Bis zu zehn Stunden Erwerbstätigkeit 
pro Woche lassen sich ohne größere Pro-
bleme mit einem Vollzeitstudium ver-
einbaren, danach beginnen die Schwie-
rigkeiten. Circa 60.000 Studierende 
haben Vereinbarkeitsprobleme. Je älter 
also die Studierenden sind, je mehr sie 
nebenher arbeiten und je niedriger ihre 
soziale Schicht, desto länger dauert das 
Studium. Umso wichtiger erscheint ein 
funktionierendes Stipendiensystem.
Die Zahl der Stipendienbeziehe-
rInnen sank in den letzten Jahren konti-
nuierlich, obwohl die Studierenden-
zahlen stark gestiegen sind. Nur knapp 
40.000 der über 300.000 Studierenden 
bekommen überhaupt eine Beihilfe. 
Vor allem die „normale“ – elternabhän-
gige – Studienbeihilfe ist seit 2009 von 
18 Prozent auf 14 Prozent zurückgegan-
gen, nur sieben Prozent bekommen ein 
vom Elterneinkommen unabhängiges 
sogenanntes SelbsterhalterInnen-Stipen-
dium und gar nur jede/r 500. ein Studi-
enabschluss-Stipendium. Das heißt: 
Knapp vier Fünftel aller „Bildungsinlän-
derInnen“ (das sind Studierende, die 
ihre Hochschulberechtigung in Öster-
reich erworben haben) bekommen gar 
keine Studienbeihilfe!
Das liegt vor allem daran, dass es 
mehr internationale und mehr ältere 
Studierende gibt, sowie an der „kalten 
Progression“: Die Fördersätze und 
Grenzwerte sind bei nicht zu vernachläs-
sigenden Inflationsraten seit 2007 nicht 
angehoben worden.
Kaum Ausgleich durch Beihilfe
Die durchschnittliche „normale“ Studi-
enbeihilfe beträgt 272 Euro/Monat, liegt 
also deutlich unter der Höchststudien-
behilfe (674 Euro/Monat). Daher kann 
die Studien förderung die geringeren 
 familiären Zuwendungen an Studie- 
rende aus niedrigeren Schichten nicht 
zur Gänze ausgleichen. Diese haben des-
halb öfter finanzielle Schwierigkeiten 
als jene aus hoher Schicht (33 Prozent 
vs. 19 Prozent). 
Auch bei den BeihilfenbezieherInnen 
gibt es Probleme, vor allem bei den 
 BezieherInnen von SelbsterhalterInnen- 
und Studienabschluss-Stipendien, we-
gen der eingeschränkten Erwerbstätigkeit 
(infolge der eher niedrigen Zuverdienst-
grenze von 8.000 Euro).
Die Studierenden-Sozialerhebung 
konstatiert daher einen eindeutigen Zu-
sammenhang zwischen sozialer Schicht-
zugehörigkeit, finanzieller Ausstattung 
und erfolgreichem Studienabschluss.
Reformbedarf bei Stipendien
Alles in allem zeigt sich, dass die finan-
zielle Unterstützung der Eltern eine, 
wenn nicht die wesentliche Komponente 
ist, wenn es darum geht, ob jemand in 
Österreich studiert und ob er oder sie 
dieses Studium auch positiv abschließen 
wird. Das Gesamtbild, das die Studieren-
den-Sozialerhebung zeichnet, zeigt den 
dringenden Reformbedarf im Stipen-
dien-Förderwesen, vor allem bei den 
 Alters- und Zuverdienstgrenzen.
Und es belegt weiters, dass die 
 (Wieder-)Einführung von Studienge-
bühren nicht der Weisheit letzter Schluss 
ist, wenn es darum geht, das „Commit-
ment“ beim Studieren zu erhöhen …
Internet:
Studierenden-Sozialerhebung:
www.sozialerhebung.at/Ergebnisse
WIFO-Studie Hochschulen 2025:
tinyurl.com/aw7zf6j
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an die Autorin
petra.voelkerer@akwien.at
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Die Schulbildung der Eltern sowie deren soziale 
und ökonomische Situation sind in Österreich 
stark für Bildungswegentscheidungen der 
 Kinder verantwortlich und somit auch dafür, ob 
ein Studium aufgenommen wird und welches.
        

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