Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/201336 Schwerpunkt
B
elastungssituationen im Leben 
können zu schweren Krisen füh-
ren, die sich körperlich oder psy-
chisch mitunter schwer zu Buche 
schlagen: Vergleichbar mit einem Konto, 
das bereits bis zum letzten Cent ausgereizt 
wurde – ohne dass irgendwo anders  Re - 
serven verfügbar sind –, kann ein uner-
warteter Härtefall ein scheinbar stabil wir-
kendes Gleichgewicht stark ins Schwan-
ken bringen. Mit Druck am Arbeitsplatz, 
Schicksalsschlägen und Krisen umzuge -
hen ist eine Herausforderung, die nahezu 
jede/r kennt – und die langfristig nicht 
nur mit Geldmitteln zu bewältigen ist. 
Gesellschaftliche Relevanz
Wie teuer es wird, wenn Belastungen des 
täglichen Lebens nicht mehr getragen 
werden können, wird wohl besonders da-
ran deutlich, dass viele Menschen nicht 
bis zum gesetzlichen Pensionsalter arbei-
ten können. So ist etwa ein Drittel der 
Neuzugänge auf Invalidität bzw. Berufs-
unfähigkeit zurückzuführen, insbeson-
dere psychische Erkrankungen liegen da-
bei im Spitzenfeld. Die Krankenstände 
aufgrund von psychischen Problemen 
sind in den vergangenen Jahrzehnten 
ebenfalls stark gestiegen. Zudem gilt 
mittlerweile als erwiesen, dass viele kör-
perliche Beschwerden (z. B. Kopfschmer-
zen, Schlafstörungen, Muskelverspan-
nungen, Rückenschmerzen) psychosozi-
ale Hintergründe haben. Es gibt Studien, 
die einen Zusammenhang zwischen be-
stimmten Faktoren im Arbeitsumfeld 
(Monotonie, schlechte Arbeitsbeziehun-
gen etc.) und körperlichen Beschwerden 
belegen. Demnach könnte durch entspre-
chendes Gegensteuern auch ein beträcht-
licher Teil dieser Erkrankungen gemildert 
werden. Laut dem österreichischen Ar-
beitsgesundheitsmonitor der AK OÖ 
sind knapp 40 Prozent der Arbeitneh-
merInnen stark psychisch belastet. Inso-
fern dürfte jede Maßnahme, die diesem 
Trend entgegensteuert, sowohl für das 
Individuum als auch für die österreichi-
sche Volkswirtschaft von Vorteil sein.
Risikofaktor Ungerechtigkeit
Die soziale Mobilität ist in Österreich 
besonders schlecht ausgeprägt. So hat der 
Bildungsgrad der Eltern einen enormen 
Einfluss auf die Zukunft ihrer Kinder: 
Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder ei-
nen akademischen Abschluss erreichen, 
wenn deren Eltern nur die Pflichtschule 
absolviert haben, liegt bei nur 4,5 Pro-
zent. Der Bildungsgrad wiederum hat 
sehr starken Einfluss darauf, ob man ar-
beitslos wird oder nicht. So sind über 82 
Prozent der Arbeitslosen im Bildungsseg-
ment Pflichtschulabschluss (46,7 Pro-
zent) und Lehrabschluss (35,9 Prozent) 
zu finden. Vereinfacht ausgedrückt: Je 
höher der Bildungsabschluss, umso ge-
ringer ist die Gefahr arbeitslos zu werden. 
Arbeitsplatzverlust bedeutet in vielen 
 Fällen jedoch nicht nur Einkommensaus-
fall. Es kann auch zu Verlust von sozialen 
Kontakten, gesellschaftlichem Status 
etc. kommen. Dies kann wiederum das 
Gleichgewicht der Betroffenen stark 
 beeinträchtigen. In einer Studie konnte 
beispielsweise belegt werden, dass sich 
durch Arbeitslosigkeit die Ausgaben für 
Antidepressiva und Krankenhausaufent-
halte wegen psychischer Probleme bei 
Männern erhöhen.1
Barrieren beginnen früh
Dies ist nur ein Beispiel für eine Kausal-
kette, das aufzeigt, dass Barrieren, die in 
frühen Lebensjahren aufgebaut werden, 
später schwer korrigierbar sind bzw. sich 
sogar noch verstärken. So erfolgt bereits 
nach der Volksschule eine Entscheidung 
für zehnjährige Kinder, die richtungs-
weisend wirkt, da es praktisch keine 
Durchlässigkeit von der Hauptschule in 
das Gymnasium gibt. Damit wird deut-
lich, dass Kinder mit einem schlechter 
ausgestatteten Ressourcen-Rucksack viel 
eher in einen für sie ungünstigen Kreis-
lauf kommen. Frühe Förderung mit dem 
Prinzip „Stärken stärken“ und „Schwä-
chen schwächen“ könnte hingegen nach-
Unbezahlbarer Reichtum
Nicht alle Rechnungen, die das Leben uns ausstellt, können mit Geld beglichen 
werden. Manche kosten uns Kraft und Gesundheit.
Autorin: Elke Radhuber
Mitarbeiterin im Büro des ÖGB-Präsidenten
1  Studie „The Public Health Costs of Job Loss“ von Andreas Kuhn, 
Rafael Lalive, Josef Zweimüller, www.labornrn.at.
B u c h t I p p
François Lelord,  
Christophe Andre
Die Kunst der 
 Selbstachtung
Aufbau Verlag, 2002,  
335 Seiten, € 9,99
ISBN 978-3-7466-1805-0
Bestellung:
ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, 
Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132
fachbuchhandlung@oegbverlag.at
        

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