Full text: Lieber reich als arm (1)

Arbeit&Wirtschaft 1/2013 39Schwerpunkt
schon damals die noch junge Filmbran-
che. Gefilmt wurde nicht nur „Wie die 
Armen in Paris essen“, man machte sich 
ebenso über die Slum-Ausflüge der gut 
situierten BürgerInnen lustig. Diese such-
ten dort nicht nur den Nervenkitzel, son-
dern auch das Ursprüngliche, Wilde, Lei-
denschaft und sexuelle Freizügigkeit – im 
Hintergrund immer die Angst vor dem 
eigenen sozialen Abstieg.
Destination Slum
Die Lust an der Grenzüberschreitung 
kannte man übrigens schon damals auch 
außerhalb Europas. Ab 1900 entdeckten 
Wohlhabende die Migrantenviertel der 
damaligen Metropolen als spannende Or-
te voller Folklore und „ursprünglicher“ 
Lebensart. Heute findet Slum-Tourismus 
(fast) komplett außerhalb Europas statt. 
Schon vor mehr als 20 Jahren waren Anti-
Apartheid-AktivistInnen in den Town-
ships von Südafrika unterwegs. Nach dem 
Ende der Apartheid kamen immer mehr 
TouristInnen, nicht nur um in die Armut 
zu reisen, sondern auch um den Kampf 
des schwarzen Afrikas für seine Rechte 
zu sehen. Im Gegensatz zu dieser eher 
 politischen Motivation stand bei den 
 Favela-Touren immer die Darstellung des 
authentischen Lebensstils mit viel Musik 
und Tanz im Vordergrund. In Indien 
 begann der Slum-Tourismus erst vor 
 wenigen Jahren, deutlich gepusht wurde 
der Trend durch den Film-Hit „Slumdog 
Millionaire“.
Welche Auswirkungen haben Slum-
Tours auf die TouristInnen und auf die 
dort ansässige Bevölkerung? Der Sozial-
geograf Malte Steinbrink von der Uni-
versität Osnabrück befragte 2007 Touris-
tInnen vor und nach dem Slumbesuch 
und stellte fest, „dass sich die Ansichten 
der Touristen während des Besuchs stark 
verändern. Vorher werden mit den 
Slums vor allem Elend, Dreck, Krank-
heit und Kriminalität assoziiert – hinter-
her sind viele dagegen regelrecht begeis-
tert von der Kultur, der Vielfalt, der 
Lebendigkeit in diesen Stadtgebieten“. 
Wobei man darüber diskutieren könne, 
„ob die Begeisterung der Besucher etwas 
Positives ist oder eher mit einer Roman-
tisierung und Entproblematisierung von 
Armut zu tun hat“ (Interview in „Die 
Zeit“, 12. Jänner 2012).
Responsible Tourism
Vorurteile und falsche Vorstellungen über 
das Leben in Elendsvierteln abzubauen, 
kann ein positiver Effekt von Slum-Tou-
rismus sein. Problematisch wird es aller-
dings dann, wenn Armut nicht mehr als 
strukturelle Ungleichheit gesehen wird, 
sondern als Ausdruck von afrikanischer 
Kultur oder Lebensweise, wenn Stereoty-
pe wie „arm, aber glücklich“ womöglich 
sogar verfestigt werden. Tatsächlich kann 
man einen Slum nicht mit dem anderen 
vergleichen, so ähnlich die Anhäufung 
armseliger Behausungen von Weitem 
auch aussehen mag, wobei die Unterschie-
de weit mehr als nur länderspezifisch sind.
Die Guides von Slum-Touren wissen, 
wovon sie reden, denn in der Regel kom-
men sie aus dem betreffenden Armen-
viertel. Ein Teil der Gewinne von Slum-
Tour-Anbietern wird meist für soziale 
Projekte vor Ort bzw. für Sprachkurse 
neuer Guides verwendet. 2012 erhielt 
Reality Tours and Travel, das seit 2005 
Slum-Touren in Dharavi, einem riesigen 
Slum-Viertel mitten in Mumbai, anbie-
tet, den Responsible Tourism Award. 80 
Prozent des Gewinns aus allen Füh-
rungen werden für soziale Projekte einge-
setzt. TouristInnen erfahren im Laufe ei-
ner Führung nicht nur, dass die 
Wertschöpfung sämtlicher Kleinunter-
nehmen Dharavis mehr als 660 Millio-
nen Dollar ausmachen soll, sondern se-
hen direkt vor Ort Beispiele für diesen 
Unternehmergeist. Der Responsible 
Tourism Award wurde im Übrigen 2011 
an die soziale Einrichtung Sockmob 
Events/Unseen Tours verliehen: Londo-
ner Wohnungslose zeigen TouristInnen 
ihre speziellen Stadtansichten. Man muss 
also auch im Jahr 2013 gar nicht (mehr) 
so weit reisen, um die Welt einmal aus 
einem anderen Blickwinkel zu sehen.
 
Internet:
Gratis Download des wissenschaftlichen  
Artikels „Slum Tourism: Developments in  
a Young Field of Interdisciplinary Tourism 
 Research“, Fabian Frenzel und Ko Koens:  
tinyurl.com/b8rwow5
Webseite zum Forschungsprojekt der  
Universität Osnabrück über den städtischen 
 Armutstourismus im globalen Süden:  
www.slumming.de
Englischsprachige Seite mit vielen Links und 
Buchtipps rund um das Thema Slumtourismus:
www.slumtourism.net
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afadler@aon.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
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Mit dem Aufkommen der Fotografie waren 
 naturgetreue Dokumentationen des Elends 
möglich. In Wien veröffentlichte Max Winter in 
der Arbeiter-Zeitung zahlreiche Sozialreporta-
gen, für die er meist verkleidet bei den Obdach-
losen oder in Gefängnissen recherchierte.
        

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