Full text: Moderne Zeiten (4)

11Arbeit&Wirtschaft 4/2013
tomatischen“ Fernsprechvermittlungs-
amt an:  Für derartige Vermittlungszen-
tralen wird nur ganz weniges Personal, 
lediglich für die Instandhaltung der Ap-
parate, benötigt. Ob die „Freigesetzten“ viel-
leicht woanders im Staatsdienst wichtige Arbeit 
leisten könnten, war dem austrofaschistischen 
Staat keine Überlegung wert. Er versuchte viel-
mehr, die Folgen der Weltwirtschaftskrise dieser 
Jahre unter anderem dadurch zu bekämpfen, 
dass er möglichst viele berufstätige Frauen 
„heim an den Herd“ schickte und im Übrigen 
öffentliche Leistungen einschränkte. Der von 
den Gewerkschaften ausgehandelte Kündi-
gungsschutz galt nicht mehr.
In der Monarchie durften öffentlich Bedienste-
te keine echte Gewerkschaft gründen und nicht 
„Hautnah“ – ein besserer Ausdruck für die Di-
rektheit, mit der die Beschäftigten im Bereich 
der Post von allen technologischen Revolutionen 
der letzten 200 Jahre betroffen waren, lässt sich 
kaum finden. Die ersten Postler, die die Folgen 
neuer Technologien negativ zu spüren bekamen, 
waren die Postillione: Mit dem neuen Verkehrs-
mittel Eisenbahn konnten ungleich schneller 
als mit der Postkutsche Menschen und Nach-
richten transportiert werden und sehr viele Kut-
scher verloren ihren Job. Dann kam 100 Jahre 
später auch im Nahverkehr das Aus für die Kut-
schen und wieder standen unzählige Fahrer auf 
der Straße. Es fehlte ihnen die Mechaniker-
Kompetenz, die von einem Postbusfahrer er-
wartet wurde.
Andererseits können neue Technologien auch zu 
neuen Jobs führen, so war es beim Auf- und 
Ausbau des Telegrafie-, vor allem aber des Te-
lefonnetzes.  Das Telefonzeitalter begann in Ös-
terreich 1881 mit 154 privaten Anschlüssen in 
Wien, 1913 gab es im westlichen Teil der Habs-
burgermonarchie 158.000 Sprechstellen. Als es 
nur wenige Anschlüsse gab, brauchte man für 
die Telefonvermittlung auch nur wenige Be-
schäftigte, doch diese Situation änderte sich 
rasch. Die für Tausende Teilnehmerleitungen 
eingerichteten „mechanischen Telefonzentra-
len“ boten vielen Menschen, in erster Linie 
Frauen, eine „seriöse“ Arbeitsmöglichkeit – Jobs 
in einer Fabrik galten in „bürgerlichen Kreisen“ 
als anrüchig. Ein nächster Technologieschub 
ermöglichte allerdings neuerlich das Einsparen 
von Personalkosten: In den 1930er-Jahren führte 
die Generaldirektion für die Post- und Tele-
grafenverwaltung stolz zum modernen „au-
Postler und High-Tech
Der gewerkschaftlich erkämpfte Kündigungsschutz war kein Privileg, sondern 
Schutz vor den negativen Folgen des technologischen Wandels.
streiken, das erlaubte ihnen erst die demokra-
tische Republik ab 1918. Die beiden freigewerk-
schaftlichen Postorganisationen (die sich dann 
1933 vereinigten) entstanden aus der revolu-
tionären Rätebewegung und erkämpften neben 
mehr beruflichen Chancen für die Frauen in den 
Telefonzentralen und die Arbeiter vor allem auch 
für ihren vom technologischen Wandel so mas-
siv betroffenen Organisationsbereich Kündi-
gungsschutz. Be                                                             im 
nicht zu vermeidenden Abbau des Personal-
stands, der 1918 noch den Bedürfnissen eines 
Großreichs entsprach, sorgten sie für soziale 
Richtlinien.
Ausgewählt und kommentiert 
von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at
Viele Frauen, die Telefongespräche vermitteln, und das menschenleere Vermittlungs„amt“ nach 
1930: Symbol für die Folgen neuer Technologien am Arbeitsmarkt ohne aktive Arbeitsmarktpolitik.
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