Full text: Moderne Zeiten (4)

Arbeit&Wirtschaft 4/2013 9Interview
Warum?  
Das hängt mit der Sprache zusammen, 
und auch mit alten kolonialen, kulturel-
len Beziehungen – was die Menschen so 
als ihre vertrauenswürdige Umgebung 
betrachten.
Also ÖsterreicherInnen, die die deut-
sche Sprachfärbung stört?  
  
Ja, auch. Umgekehrt, bei deutschen Un-
ternehmen mit österreichischen Toch-
terfirmen, ist das nicht so ein Problem. 
Natürlich hat es dann Neuansiedlungen 
in Ostdeutschland gegeben, aber nicht 
am flachen Land. Gerade Callcenter-
Tätigkeit ist doch etwas, von dem man 
annimmt, man könnte das in Heimar-
beit und virtuell machen. Es gibt da ver-
einzelte Fälle, aber das passiert tenden-
ziell nicht flächendeckend. Callcenter 
leisten auch eine äußerst kontrollinten-
sive Arbeit, bei der das Management 
wahrscheinlich auch gern die Mitarbei-
terInnen bei der Arbeit sieht und sie kurz 
ermahnen oder einen Verbesserungsvor-
schlag machen kann. Das ist auch so ein 
Fall, wo man sich eher an das Modell 
„Arbeitsplatz“ gehalten hat, als alle tech-
nischen Möglichkeiten auszureizen. 
Und man überschätzt teilweise auch 
die technischen Möglichkeiten. Beim 
Zugriff auf Firmenserver oder bei Tele-
konferenzen gibt es weiterhin sicher-
heitstechnische und Bandbreitenpro-
bleme. Auch auf der Technikseite sind 
diese Probleme bei Weitem nicht so ge-
löst, als man glauben möchte. Das ist 
ein weiterer Grund, sich nicht auf die 
jeweils wildesten Visionen zu stürzen.  
Stichwort Kontrolle. Man sagt ja auch: 
Von einem externen Arbeitsplatz aus 
kann man nur schwer aufsteigen.  
Ich vermute, dass das zutrifft. Es gibt so 
eine Logik von „aus den Augen, aus dem 
Sinn“. Der direkte Kontakt ist wichtig. 
Und auch elektronische Überwachungs-
möglichkeiten brauchen ja eigentlich 
 immer die Interpretationsleistung. Call-
center sind da ein gutes Beispiel: Die Ma-
nager dort haben mir erklärt, dass man 
aus Zahlen allein nicht viel ableiten kann. 
Man muss sie interpretieren. Wenn die 
dort auf einmal einen Leistungseinbruch 
oder starken Andrang an einem Tag ha-
ben, müssen die wissen, warum das so 
gewesen sein kann – das geht nur mit 
Gesprächen. Technische Kontrollen und 
Face-to-face-Kontrollen und Interpreta-
tionsleistungen auf beiden Seiten gehören 
zusammen.
Wenn die nicht sinnvoll zusammen-
hängen, hat man ein Problem bei den 
Arbeitsbedingungen. Kontrolle und 
Druck ist per se ein Problem, aber sinn-
loser Druck oder Intransparenz oder 
eine Kombination aus technischer Kon-
trolle und Willkür ist noch belastender 
als ordentlich verhandelte Kontrollen 
mit konstruktivem Feedback.  
Auch bei den Callcentern werden aber 
Menschen durch Maschinen ersetzt.  
Das wird praktiziert. Die Grenzen zur 
elektronischen Selbstbedienung sind flie-
ßend. Aber auch da gibt es kulturelle Un-
terschiede. Im deutschsprachigen Raum 
wird Spracherkennungssoftware sehr viel 
schlechter akzeptiert als im englischspra-
chigen Raum. Irgendwann gab es da eine 
Studie. Dafür haben die Menschen im 
deutschsprachigen Raum längere Warte-
zeiten akzeptiert. Anfragen, die per 
Sprachsoftware gelöst werden können, 
erledige ich lieber im Internet. Wenn ich 
ein Callcenter anrufe, habe ich spezifi-
schere Anfragen. Die Spracherkennung 
führt sehr oft letztendlich durch Umwe-
ge zu längeren Gesprächen mit entnerv-
teren Kunden.  
Eines Ihrer Themen ist die Genderfra-
ge – was hat sich für die Frauen durch 
die neuen Technologien verändert?  
Diese Frage der Geschlechterungleichhei-
ten kann man nicht allein mit Blick auf 
die Technik beantworten. Ganze Gene-
rationen von Pädagoginnen und Päda  
gogen haben Fragen von Geschlechter-
unterschieden im Technikzugang bear-
beitet. Das ist mittlerweile Gott sei Dank 
schon ziemlich gefrühstückt. Bei den Zu-
gangsbarrieren und Berufswahlstruktu-
ren in den technischen Berufen spielt das 
möglicherweise eine Rolle, aber auch die 
potenziellen Nachwuchsingenieurinnen 
möchten – glaube ich – nicht mehr mit 
dem Begriff eines „weiblichen Technik-
zugangs“ bedacht werden.   
Wie sich Arbeitswelten für Frauen 
verändert haben, hängt wahrscheinlich 
sehr, sehr viel mehr an existierenden 
Arbeitsteilungen, an der Fragmentierung 
von Jobs, daran, dass es Teilzeit sehr 
häufig in arbeitsintensiven, gering ent-
lohnten Branchen gibt, die sich in 
Deutschland und Österreich damit über 
ihre Flexibilitäts- und Managementpro-
bleme hinwegmogeln. Dabei erzeugen 
Man muss, glaube ich, die Veränderung der Ar-
beitswelt nicht nur mit Blick auf die technischen 
Möglichkeiten betrachten. Die fügen sich immer 
in betriebliche Strategien, Nutzungsweisen, 
Marktgelegenheiten ein. Das muss man sich in 
dieser Kombination vorstellen. 
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