Full text: Generation Zukunft (6)

Arbeit&Wirtschaft 6/201310 Interview ben. Da sind wir, glaube ich, momentan auf einem guten Weg. Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Mitglieder haben, mehr Leute, die für die Organisation arbeiten und vor allem: Raus auf die Straße! Wir haben auch unsere aktuellen Aktivitäten wirtschaftlich evaluiert: Was kostet uns das, was bringt uns das? Was sind die Schwierigkeiten beim Werben junger Menschen? Viele wissen überhaupt nicht, was Ge- werkschaft ist – das wurde früher vom Elternhaus mitgegeben. Heute ist das an- ders. Oft sind die Eltern keine Gewerk- schaftsmitglieder, haben es vergessen oder sind enttäuscht worden. Man muss jedem zehnmal etwas Gutes tun, damit er eine Enttäuschung verwindet. Wir haben au- ßerdem damit zu kämpfen, dass bei den Erwachsenen Sachen passieren, die sich auf die Jugend auswirken. Ich habe auch schon Eltern erlebt, die gemeint haben, wir hätten ihr Kind gezwungen, Mitglied zu werden. Natürlich hören die meisten Jugendlichen auf ihre Eltern. Die sind ja schon in unserem Sozialsystem aufge- wachsen. Wie das erkämpft wurde, weiß ich, weil ich mich damit beschäftige, den meisten ist das nicht bewusst. Wir wollen wieder in den Berufs- schulen präsenter sein. Es gibt auch Lichtblicke, wenn du Jugendlichen mit dem ÖGJ-Bus erklärst, was wir für sie erreicht haben. Die glauben uns, wir sind authentisch, weil es stimmt. Politisch wichtig ist mir auch die Qualität in der Ausbildung. Ich weiß, dass selbst in großen Firmen oft nur die Hälfte des Lehrplans abgearbeitet wird. Da heißt es dann: „Passt schon, das brauchst eh nicht ...“ Aber wenn die Jugendlichen dann nicht behalten werden, auf der Straße stehen und nur eine firmenspezifische Ausbildung ha- ben, fehlt ihnen was. Da geben die Fir- men Verantwortung ab. Die Jugend- lichen müssen dann woanders wieder angelernt werden, haben Gehaltsein- bußen und sind oft frustriert. Was könnte man dagegen tun? Wir verhandeln ja mit der Wirtschafts- kammer die Lehrpläne und verlangen Zwischenprüfungen in der Hälfte der Lehrzeit oder bei modularen Ausbildun- gen nach bestimmten Modulen. Dabei soll überprüft werden, beherrscht der Lehrling den Lehrplan nach aktuellem Stand? Das ist natürlich kompliziert. Kleinere Firmen, die nicht alles ausbilden können, könnten sich gegenseitig unter- stützen. Da fehlt halt noch das Bekennt- nis von der Wirtschaft. Die will Wunder- wuzzis, die alles können, tut aber wenig bis nichts dafür. Weitere Ziele? Eine höhere Durchlässigkeit der Lehre, Lehre mit Matura, die Möglichkeit zu studieren. Auch die Möglichkeit, sich später zu entscheiden – aus eigener Erfahrung? Als ich mich mit 14 Jahren für die HTL entschieden habe, hatten sie uns am Tag der offenen Tür jede Menge Experimen- te gezeigt – in drei Jahren HTL haben wir dann ein Magnesiumstangerl ange- zündet. Super. Damals war mir Compu- ter spielen wichtiger als alles andere, mich hat es einfach nicht mehr interessiert, in die Schule zu gehen. Das hilft mir jetzt: Ich habe Verständnis für junge Men- schen, die die Schule abbrechen und et- was anderes machen wollen. Vor zwei Monaten habe ich die Matura nachge- holt mit „Lehre mit Matura“ – das war nicht einfach. Aber so habe ich die Mög- lichkeit, studieren zu gehen. Während der Lehre ist mir der Knopf wieder auf- gegangen und so geht es vielen. Besonders wichtig ist uns auch der Ausbildungsfonds. Die Wirtschaft for- dert uns immer auf, Leistung zu er- bringen und verkündet, dass diese Leis tung auch belohnt werden muss. Sie selber aber will keine Leistung er- bringen für die Ausbildung der Ju- gendlichen – damit die Jungen nicht auf der Straße stehen wie in vielen Län- dern Europas. Wir wollen sogar die Betriebe belohnen, die mehr leisten, und sie sind plötzlich dagegen. Es gibt zwar immer weniger arbeits- lose Jugendliche, es bildet aber auch immer mehr der Staat in überbetrieb- lichen Lehrwerkstätten aus. Das zahlen die SteuerzahlerInnen. Sicher, die HTL auch, aber es ist erwiesen, dass jeder Lehrling ab dem zweiten Lehrjahr der Firma finanziell etwas bringt. Da sehe ich nicht ein, warum die Steuerzahle- rInnen für die Ausbildung aufkom- men, wenn die Firmen einen Gewinn machen. Natürlich gibt es bei all dem unsere Gegner in der Wirtschaftskammer, die von „extremen Forderungen“ spre- chen. Aber manchmal treffen wir uns in der Mitte und das ist dann das Span- nende an der Arbeit. Kraft und Gegen- kraft. Ich habe auch Gewerkschaftsgeg- nerInnen im Freundeskreis, die vieles hinterfragen. Darüber bin ich froh. Ich gebe die Kritik, wenn sie mir einleuch- tet, auch weiter. Die wird allerdings nicht immer angenommen. Wo siehst du dich in zehn Jahren? Das fragen mich viele. Habe ich Ziele? Mit 30 nicht mehr in der Jugend? Mein Leben leben. Ich habe eine super Freun- din, die Beziehung ist mir wichtig. Sie leidet im Moment am meisten unter mei- nem Arbeitseinsatz, aber meine Freundin hat Verständnis und unterstützt mich. Ich gebe in der Jugend Gas, damit ich später zugunsten der Familie zurückste- cken kann. Einen sicheren Arbeitsplatz, einen guten Job – das will ich auch. Keine Politkarriere? Ich möchte gute Arbeit bei der ÖGJ leis- ten, ich strebe nichts an. Ich bin unab- hängig – ich bin nur denen verantwort- lich, die mich gewählt haben. Es braucht auch Hardliner, und die gibt es immer. Ich bin eher in der Mitte, nehme beide Seiten mit. Ich ärger mich nicht über Leute. Ich bin immer ein bissl die Schweiz. Wir danken für das Gespräch. Das Interview führte Katharina Klee für Arbeit&Wirtschaft. Internet: Mehr Infos zur Gewerkschaftsjugend: www.oegj.at Schreiben Sie Ihre Meinung an die Redaktion aw@oegb.at

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