Full text: Generation Zukunft (6)

11Arbeit&Wirtschaft 6/2013 entsprechend deutlich wies Franz Domes, Vorsitzender des freigewerkschaftlichen Me- tallarbeiterverbands und AK-Präsident in Wien, als Sprecher der Gewerkschaftsbewegung in der Wirtschaftskommission die Drohung zu- rück: Die Arbeiter und Angestellten werden sich niemals das Recht nehmen lassen, ei- nen steigenden Anteil am Endwert des Pro- dukts für ihre Leistungen in Anspruch zu nehmen. In unserer schwierigen wirtschaft- lichen Situation halte ich es für zweckmä- ßig, mit allen Mitteln Preissenkung anzu- streben und das Einkommensniveau durch- greifend für alle Bevölkerungsschichten pe- riodisch zu stabilisieren. Ludwig Mises setzte dagegen auf die brutale Selbstheilung des Marktes und sprach damit indirekt der Gewerkschaftsbewegung jede Daseinsberechtigung ab: Unsere Wirtschaft Im ersten Jahr der Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 begonnen hatte, drängte beson- ders die Gewerkschaftsbewegung bei Regie- rung und Unternehmerverbänden auf eine ge- meinsame Kraftanstrengung zur Krisenbewäl- tigung. Die Regierung spielte mit und berief 1930 zuerst eine „Wirtschaftskonferenz“ und anschließend eine kleinere „Wirtschaftskom- mission“ ein. Beteiligt waren neben Vertretern der Regierung auch solche der Unternehmer- verbände (Handels- und Gewerbekammer, In- dustriellenvereinigung) und Vertreter von Ge- werkschaften und Arbeiterkammern. Im Gegen- satz zur erfolgreichen Sozialpartnerschaft der Zweiten Republik war aber dieser Versuch zum Scheitern verurteilt. Der Grund: Die Regierung und die Unternehmerseite waren nicht bereit, die Interessen der ArbeiterInnen und Angestell- ten in irgendeiner Form zu berücksichtigen, man forderte im Gegenteil Wohlverhalten an der Sozialfront ein. Ohne Sozialabbau, so die Drohung, würden Wirtschaft und Arbeitsmarkt ganz zusammenbrechen. Einer der Programm- sätze der Wirtschaftskonferenz formulierte die Drohung ungeniert: Gelingt es nicht, die Steu- ern und die sozialen Lasten, die die Produk- tion zu tragen hat, herabzudrücken, dann werden notwendigerweise die Löhne sinken oder die Arbeitslosigkeit wachsen müssen. Die Formulierung trug die Handschrift des Handelskammersekretärs und Wirtschaftspro- fessors Ludwig Mises, des Hauptverhandlers der Unternehmerseite. Sie stellte einen di- rekten Angriff auf die Berechtigung gewerk- schaftlicher Interessenvertretung dar. Dem- Keine Rechte, nur Wettbewerb Die Drohung mit Arbeitsplatz- und Lohnverlust beim Beharren der Gewerkschaften auf Sozialstandards stand schon 1930 im Raum. steht im Zusammenhang der Weltwirtschaft. Unsere Industrie muss auf den Weltmarkt Rücksicht nehmen. Die österreichische Volks- wirtschaft kann daher gegenüber der Welt auf keinerlei Rechte pochen. Da gibt es kein Recht, sondern nur Wettbewerb. Da aber die Industrie als solche keine Rechte hat, so kann auch der in ihr Beschäftigte auch nicht auf Rechte pochen; er darf sich nicht auf irgend- welche naturrechtliche Ansprüche berufen. Anmerkung 1: Die Wirtschaftskommission tagte am 30. Juni 1930, Franz Domes starb am 11. Juli dieses Jahres. Anmerkung 2: Ludwig Mises war einer der führenden Wirtschaftswissenschafter der „Wiener Schule“, aus deren Theorien die neoliberale Ideologie entstand. Zusammengestellt und kommentiert von Brigitte Pellar brigitte.pellar@aon.at © W ie ne r S ta dt - u nd L an de sb ib lio th ek , P la ka ts am m lu ng Historie Werbung der Wiener Stadtwerke für den Ratenkauf von Elektrogeräten im Haushalt 1928. Auch die ArbeiterInnen und Angestellten sollten eine Chance auf Lebensqualität haben.

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