Full text: Ein Dach über dem Kopf (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/201310 Interview nungsbestand ein gesellschaftspolitisches Vermögen. Wir können immer wieder Wohnungen zur Verfügung stellen. Die GBH hat die Initiative „Bauen + Wohnen“ ins Leben gerufen – die GBV ist Partner. Da geht es um eine zu­ kunftsorientierte Verbindung zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Über Ökonomie haben wir bereits gesprochen – wie sieht es mit der Öko logie aus? Das ist über die letzten Jahre ein großes Thema im Wohnbau geworden, wobei ich zu den gespaltenen Geistern in diesem Lande gehöre. Natürlich ist mir bewusst, dass eine ökologische Orientierung ganz wichtig ist. Es ist da in Österreich recht viel passiert. Da wurde erklärt: Wir müssen CO2 einsparen, wir wollen Kyoto erreichen. Wir müssen Verpflichtungen und Auflagen erfüllen. Man hat aber nie dazu gesagt, wie das bezahlt wird. Es wurde immer vermit- telt, dass die Maßnahmen, mit denen CO2 gespart wird, nichts kosten und damit auch keine Zusatzkosten schaffen. Das war nie so. Wir haben geglaubt, dass wir bei einem Passivhaus nur geringe Betriebskosten zah- len und dass das ein herrliches Wohnen sei. Fakt ist: Im Sommer ist es zu heiß, weil man nicht lüften darf. Man darf keine Klimaan- lage einbauen. Im Winter ist es zu kalt, da muss man elektrisch dazuheizen. Die Ge- samtenergiebilanz fällt in Wahrheit auch ein wenig anders aus. Das Entscheidende für die BewohnerInnen ist, mögen auch die Heizkosten ein wenig geringer sein, die In- standhaltungs- und Wartungskosten sind weit höher. Bei jedem Fortschritt muss man sich fragen: Wem nutzt es wirklich, was kos tet es und wer zahlt es? Sonst bleibt der Einzelne über, die kleinen MieterInnen. Die müssen über ihr Börsel zahlen und dort ist wenig drinnen, weil die Menschen auch keine Realeinkommenszuwächse hat- ten. Das ist eine unangenehme Wahrheit, die man immer wieder betonen muss, weil sie nicht in den Sonntagsreden vorkommt. Und der soziale Faktor? Alte Konflikte mit neu Zugezogenen, MigrantInnen, Singles, Wohnen im Alter etc.? Die Heterogenität, die Aufgefächertheit hat enorm zugenommen in den letzten Jahren und wird weiterhin ein gewaltiges Thema bleiben. Z. B. Integration und damit meine ich nicht nur die Integration von ausländi- schen Mitbürgern, sondern auch und vor allem die Integration von Reicheren mit weniger Reichen. Das funktioniert in Ös- terreich relativ gut. Wir haben in unseren Großstädten keine wirklichen Ghettos. Das System der zweigeteilten Förderung, der Objektförderung, die dazu dient, den Aus- gangspreis niedriger zu halten, und die Sub- jektförderung, die abgestimmt ist auf das Einkommen des Einzelnen, erlaubt wirk- lich, dass Reichere und Ärmere nebenein- ander wohnen. In Wahrheit weiß der Herr Professor nicht, wie viel der Nachbar auf Tür Sieben verdient. Diese Integration funktioniert halbwegs. Deshalb ist es so wichtig, dass man das ausgleichende Sys- tem, das wir haben, nicht leichtfertig über Bord wirft, sondern immer wieder anpasst. Das System besteht aus der Wohnbauför- derung, aus Bauträgern, aus Gemeinnüt- zigen, die einfach langfristig verpflichtet sind und nicht, wenn die Förderung aus- bezahlt ist, den Höchstpreis verlangen dür- fen. Die auch nach der Ausfinanzierung des Hauses, wenn es entschuldet ist, nur einen niedrigen Mietzins verlangen dürfen, weil das Gesetz das so vorsieht. All das ist stabi- lisierend. Das Thema Wohnen im Alter ist jetzt von vielen schon aufgenommen worden, ob es um Wohngruppen für Ältere geht oder die Integration Älterer in bestehende Wohnhausanlagen. Oft wird die Frage vernachlässigt, was machen wir mit den Jungen? Wir lachen immer über Italien und das „Hotel Mama“. Von der Größe her gesehen, ist Österreich eines der Länder mit anteilig den meisten Nest- hockern. Wir haben 700.000 junge Men- schen im Alter zwischen 19 bis 28 Jahren, die zu Hause wohnen. Das mag jetzt vie- lerlei Motive haben, aber ein Großteil von denen würde auch ganz gerne in eine eige- ne Wohnung ziehen. Das scheitert aber daran, dass das Wohnen für Junge ver- dammt teuer ist. Wohnen für junge Men- schen, die endlich auf eigenen Füßen ste- hen wollen, nicht viel Geld haben, weil in prekären Arbeitsverhältnissen oder kaum bezahlten Praktika, ist wirklich schwer leistbar. Auch wenn wir mit unserem Mietniveau europaweit noch relativ gut sind. Was wären denn Ihre Wünsche an die Bundesregierung? Dass sie bald steht. Einige Dinge müssen rasch begonnen werden: Wir brauchen Adaptierungen im Wohnrecht. Dort herrscht fast Stillstand. Wenn man inner- halb von fünf Jahren nicht die Frage regeln kann, wer die Therme zahlt, verdeutlicht das am Besten, was ich meine. Da gibt es nicht nur die elementare Frage der Therme, sondern noch weit elementarere Fragen, die beleuchtet werden müssen. Ich glaube, dass es gut wäre, wenn man es schafft, dass die Länder in ihrer Mittelvergabe mehr Kontinuität hinein- bringen. Natürlich kann das durch die Zweckbindung erreicht werden, aber die Zweckbindung der Wohnbauförderung alleine macht es nicht. Es ist entscheidend, wie viel Geld ich zweckbinden kann. Die goldenen Zeiten von der Idee über die Finanzierung zum Projekt sind vorbei. Langfristgeld finanziert zu bekommen, ist seit der Krise und Basel III schwieriger ge- worden. Der Eigenfinanzierungsanteil steigt. Und weil die Banken nicht mehr so bereit sind 80, 90, 100 Prozent zu finan- zieren, ist es notwendig, Geld, das bei uns institutionell verankert ist, sprich bei Pensionskassen und Versicherung, in den Wohnbau umzulenken. Dieses Geld hat längerfristigen Charakter und das würde uns und auch der öffentlichen Hand helfen. Es wäre gut, wenn es die nächste Re- gierung schafft, Wohnen ideologiefrei zu sehen – wer ist für Miete, wer für Eigen- tum? Wir müssen das machen, was passt. Einen wichtigen Wunsch habe ich noch, dass man herunterkommt davon, dass der geförderte Wohnbau höhere Qua- litäten haben muss als der frei finanzierte – damit wird die Wohnbauförderung und leistbares Wohnen pervertiert. Wie wohnen Sie? Ich wohne in einer frei finanzierten Woh- nung. Wir danken für das Gespräch. Das Interview führte Katharina Klee für Arbeit&Wirtschaft. Schreiben Sie Ihre Meinung an die Redaktion aw@oegb.at

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