Full text: Ein Dach über dem Kopf (8)

Arbeit&Wirtschaft 8/20134 Arbeit&Wirtschaft 10 1Historie
Kein Zimmer frei?
W
ährend ich versuche, einen An-
fang für meinen Standpunkt 
zum Thema Wohnen zu finden, 
gehen mir die Bilder von gestern 
Abend nicht aus dem Kopf. In der ÖGB-
Fachbuchhandlung präsentierte der Kultur-
anthropologe Gilles Reckinger sein Buch 
„Lampedusa: Begegnungen am Rande 
 Europas“. Ein Termin, der Monate vor den 
jüngsten schrecklichen Bootsunglücken 
vereinbart worden war. Der Ethnologe hat 
sich nämlich in seinem Buch bewusst mit 
dem Gesicht der Insel abseits der Medien 
auseinandergesetzt und zeichnet ein beein-
druckendes Bild der Lampedusani und  ihrer 
Rolle am Rand der „Festung Europa“. „Die 
Festung Europa hat – wie jede Festung 
einen Dienstboteneingang, durch den als 
solche erwünschte Arbeitssklaven kom-
men“, erklärte Reckinger. Und dann zeigte 
er Videos mit Bildern jener, die die lange 
Anreise in eine „bessere Zukunft“ oder auf 
der Flucht überlebt haben. 
Noch nie so schlecht gelebt...
Am Rande der Mandarinenplantagen Süd-
italiens haben sich diese Männer aus Pap-
pendeckeln und Plastiksäcken Unterkünfte 
gebaut, drinnen alles was sie haben: einen 
Schlafsack, ein Bündel Kleider. So wohnen 
sie, so hausen sie. Ist das die bessere Zu-
kunft, die sich diese Menschen erträumt 
haben, will ich wissen. „Sie alle sagen, dass 
sie noch nie so schlecht gelebt haben wie 
heute“, ist Gilles Reckingers Antwort.
„Wohnst du noch oder lebst du 
schon?“, dieser Werbeslogan eines Möbel-
hauses kommt mir in den Sinn. Ich schrei-
be diese Zeilen in meiner Wohnung. 
Draußen ist Herbst. Es wird frisch und 
früher dunkel. Manchmal drehe ich schon 
die Heizung auf. Die afrikanischen Mi-
grantinnen und Migranten sind weit weg, 
unvorstellbar ihre Situation. Kein Raum 
für sich, kaum Intimsphäre, keine sani-
tären Einrichtungen, kein Platz für Hab 
und Gut. Und doch ist es gerade 100 Jahre 
her, dass in Wien beinahe vergleichbare 
Zustände herrschten. Die Stadt hatte da-
mals mehr als zwei Millionen Einwohne-
rInnen. ArbeiterInnen – unter ihnen viele 
ZuwandererInnen –  lebten unter heute 
nur mehr schwer vorstellbaren Bedin-
gungen. In aus dem Boden gestampften 
Zinskasernen wohnten die Menschen in 
Zimmer-Küche-Einheiten, zu mehr als 90 
Prozent ohne eigene Toilette oder Wasser-
leitung. Es gab nicht einmal überall elekt-
risches Licht. Und um sich das leisten zu 
können, musste jeder vierte Haushalt Un-
termieter oder gar Bettgeher beherbergen.
Wie revolutionär war da das Rote 
Wien. Zwischen 1918 und 1934 wurden 
65.000 Gemeindewohnungen gebaut. In 
Anlagen wie dem Karl-Marx-Hof hatten 
die Menschen plötzlich Licht, Luft und 
Sonne, ein menschenwürdiges Leben. 
Und mehr: In den neuen Wohnanlagen 
wurde auch eine eigene Infrastruktur 
 geschaffen, mit Gemeinschaftsräumen, 
Spielplätzen, Gasthäusern und Arzt-
praxen. Zusätzlich wurde mit Freibädern 
und Sportplätzen auch der öffentliche 
Raum für die ArbeiterInnen erschlossen. 
MieterInnen der „Festung Europa“
Wie alle großen Städte – und auch aufgrund 
der hohen Lebensqualität – wird Wien 
 Zuzugsstadt bleiben. Die Stadt wächst. Pro-
jekte wie die Seestadt Aspern, das Nord-
bahnhofgelände und das Sonnwendviertel 
sind jetzt wieder kräftige Lebenszeichen des 
sozialen Wohnbaus. Der öffentliche Raum 
in der Stadt ist belebt wie nie. Auch das ein 
Erbe des „Roten Wien“. Den Flüchtlingen 
hilft das wohl wenig. Nur ein kleiner 
 Prozentsatz landet hier in Wien und ich 
möchte gar nicht wissen, wie wenige davon 
hier eine Wohnung haben. Ich möchte nur 
daran erinnern, dass wir sie nicht vergessen 
dürfen, dass wir hinschauen müssen, und 
dass wir als Haupt- und UntermieterInnen 
der „Festung Europa“, als enagierte und 
 solidarische Menschen dafür eintreten 
 müssen, dass diese Menschen hier bei uns 
die faire Chance auf ein menschenwürdiges 
Leben haben. 
Katharina Klee
Chefredakteurin
Standpunkt
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