Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/201310 Interview
dem Hintergrund der europäischen Ent-
wicklung. Ich glaube, das sind gute Er-
gebnisse, weil die Gewerkschaftsbewe-
gung in Österreich klare Positionen hat. 
Das ist das Ergebnis der Zusammen-
arbeit mit den Betriebsräten, der Zusam-
menarbeit innerhalb der Gewerkschafts-
bewegung im ÖGB und auch mit den 
Arbeiterkammern. 
Mit unserer modernen Kommunikati-
onstechnik und der ständigen Erreich-
barkeit hat sich viel verändert. Die Men-
schen neigen da zur Selbstausbeutung.
Wenn man Notebook und Handy auch 
außerhalb der Arbeitszeit nutzen kann, 
verbirgt sich oft dahinter, dass man allzeit 
verfügbar ist. Und die meisten arbeiten 
auch immer wieder in ihrer Freizeit mit-
hilfe dieser Geräte. Der scheinbare Vorteil 
liefert die Basis für neue Arbeitskulturen. 
Das ist auch Strategie. Wir haben in eini-
gen heurigen KV-Verhandlungen von 
manchem Arbeitgeber den Tipp bekom-
men, Notebook oder Handy einfach ab-
zudrehen. Die wissen natürlich genau, dass 
es niemand macht. Der Tipp ist aber gut. 
Ich bin der Ansicht, wenn gearbeitet 
und dadurch die Freizeit unterbrochen 
wird, sollen Mehrarbeitszeit und Über-
stunden bezahlt werden. 
Viele ArbeitnehmerInnen vergessen, 
dass es da oft nur um die Bezahlung von 
Überstunden geht.
 
Es gibt manchmal eine zu großzügige Ver-
zichtslogik bei den Arbeitnehmerinnen 
und Arbeitnehmern. Damit spekulieren 
die Arbeitgeber. Wegen der paar abgeru-
fenen Mails oder beantworteten Mails 
schreibt doch niemand Mehrarbeit oder 
Überstunden … 
Wird man daran etwas ändern können? 
Wir haben als GPA-djp eine Infokam-
pagne dazu gemacht. Ich bin sicher, dass 
die Arbeitgeberüberlegung, dass sich die 
ArbeitnehmerInnen alles gefallen lassen, 
letztendlich nicht aufgeht. Ich glaube auch 
nicht, dass solche Überlegungen für pro-
duktive Unternehmen ein brauchbares 
Unternehmenskonzept liefern können. 
Auf Dauer lohnt sich das nicht. Die Raiff-
eisen Informatik GmbH z. B. schmeißt 
jetzt offenbar ihre meist älteren IT-Ange-
stellten hinaus. Die haben vor 25 Jahren 
das IT-System dort aufgebaut – 60-jährige 
IT-Angestellte. Das kommt in der Öffent-
lichkeit nicht mehr gut an. Ich glaube 
 immer noch daran, dass eine engagierte 
Gesellschaft irgendwann auf so etwas 
 reagiert. Da bin ich zuversichtlich. Die 
Zeit der Betriebsräte und Gewerkschaften 
kommt erst. 
Die GPA-djp vertritt auch Führungs-
kräfte im unteren und mittleren Ma-
nagement. Was haben die für Probleme? 
Viele: Mehr Stress als je zuvor, Delegie-
rung von Verantwortung nach unten oh-
ne entsprechendes Gehalt. Sie sind einge-
bettet in unterschiedlichste Management-
systeme und -methoden, die nicht nur 
Spaß machen. Gerade die mittleren Füh-
rungsebenen sind derzeit stark konfron-
tiert mit dem, was als Krise gesehen wird. 
Wir wissen aus vielen Gesprächen, dass 
große Ängste existieren und die Spiel-
räume eingeschränkter als je zuvor sind. 
Die Anforderungen werden größer, 
die Möglichkeiten geringer und sie müs-
sen vieles tun, was sie vielleicht nie tun 
wollten. Es wird tatsächlich durchdele-
giert zu jenen, die die operative Umset-
zung bewerkstelligen sollen. 
Wie weit tendieren Menschen,  welche 
die Karriereleiter nach oben steigen, 
 Gewerkschaftsmitglied zu bleiben? 
Wenn man die aktuellen Organisations-
veränderungen in vielen Unternehmen 
ansieht, sieht man, dass diese Arbeitneh-
merInnengruppen unter Druck sind. Da 
wandelt sich oft die Einstellung gegenüber 
Gewerkschaften. Es ist kein Zufall, dass 
wir in der GPA-djp im Jahr 2012 eines 
unserer erfolgreichsten Jahre hatten, was 
die Neubeitritte betraf. Da sind viele aus 
der mittleren Führungsebene dabei und 
wir hören auch viele Sorgen. Wir hören 
aber auch von viel Unterstützung aus dem 
mittleren Management für die Betriebs-
räte und die Gewerkschaften. 
Wir erleben bei vielen Sozialplan-
verhandlungen, bei Organisationsverän-
derungen oder bei Ausgliederungen 
auch aufgeschlossene Führungsstruk-
turen. Die absoluten Gewerkschaftsgeg-
nerInnen sind heute in den mittleren 
Führungsschichten weit seltener zu fin-
den als noch vor zehn oder fünfzehn 
 Jahren. Das macht optimistisch: Eine 
Renaissance der nationalen und interna-
tionalen Gewerkschaftsbewegung scheint 
wieder möglich. 
Viele MeinungsbildnerInnen sagen, 
wir haben viel in verschiedenen Organi-
sationen versucht, aber am leichtesten 
gelingt betriebliche Gegenmacht über die 
Gewerkschaftsstruktur. Das finde ich be-
merkenswert. Wir müssen vielleicht noch 
besser koordinieren, die europäischen Ge - 
werkschaftsstrukturen müssen transnatio-
naler werden. Immerhin ist die größte 
internationale NGO, die ich kenne, die 
internationale Gewerkschafts bewegung, 
die gibt es schon lange und sie bietet ein 
gutes Netzwerk. All das ist aber durchaus 
noch mit viel Arbeit verbunden. 
Was für Eigenschaften sind notwendig 
für gutes Führen? Du bist ja selbst auch 
Führungskraft. 
Da wären natürlich Weltoffenheit, Kom-
munikationsfreude, Interaktion mit Men-
schen und natürlich eine eigene Zukunfts-
vision, also ein Bild, wie es sein könnte. 
Und gut qualifizierte Beschäftigte. Welt-
offene, die gerne mitreden, nicht em p-
findlich sind, eine gute Streitkultur ent-
wickeln. 
Aber auch an einem Selbstbild, das 
täglich auf dem Prüfstand steht, führt 
kein Weg vorbei. Ich bin sehr stolz, dass 
heute mehrere Beschäftigte bei mir 
 waren, die mir erklärt haben, warum 
meine Vorschläge nicht so gut sind und 
wie man etwas anders machen könnte. 
Ich mache auch täglich Fehler und neue 
Erfahrungen. Gut zuhören muss man 
aber können, Ideen anerkennen und die 
Umsetzung fördern. Als ich jünger war, 
habe ich gedacht, irgendwann muss ich 
dann nicht mehr täglich Führungsarbeit 
leisten. Aber das war eine Illusion. 
Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Katharina Klee 
für Arbeit&Wirtschaft.
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