Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2013 13Schwerpunkt
 meisten Fällen mit Arbeitsentlassungen, 
einer Senkung des Lohn- und Gehalts-
aufwands und einer Zunahme von Ar-
beitsunfällen einherging, während die 
nun geringeren Produktionskosten von 
Gütern nicht an die Konsumenten wei-
tergegeben wurden: „Für die Unterneh-
mer ist die Intensivierung das beliebteste 
Mittel zur Erhöhung der Ausbringungs-
quote, weil diese keine Kapitalaufwen-
dung für Investitionszwecke erfordert 
und trotzdem höheren Gewinn abwirft.“
Kuratorium für Wirtschaftspolitik
Gemeinsam mit den Gewerkschaften 
 erarbeitete AK-Referent Hans Mars 
 einen umfangreichen Maßnahmen- und 
Forderungskatalog. Darin enthalten: 
 eine Demokratisierung der Betriebsver-
fassung, innerbetriebliche Arbeitsbe-
schaffungs- und Einkommenspolitik, 
Arbeitszeitfragen, Vorschläge zur Be-
schäftigung von jüngeren und älteren 
Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-
mern, zur Herstellung eines Vertrauens-
verhältnisses zwischen Belegschaft und 
Unter nehmer bis hin zu einer „Arbeits-
freudepolitik“, innerbetrieblicher Wei-
terbildung und „Freizeitkulturpolitik“. 
Das Engagement von AK und Ge-
werkschaften führte darüber hinaus 
1928 zu einer ersten auf freier Vereinba-
rung gegründeten sozialpartnerschaft-
lichen Institution, dem „Österreichi-
schen Kuratorium für Wirtschaftlichkeit“ 
(ÖKW). Das ÖKW, in dem die Arbeit-
nehmerInnenseite neben Wirtschafts- 
und Ingenieurskammern und landwirt-
schaftlichen Hauptkörperschaften drittel- 
paritätisch vertreten war, sollte nach den 
Wünschen von AK und Gewerkschaften 
die Rationalisierungsbestrebungen von 
Unternehmen und Verwaltung in eine 
sozialverträgliche Richtung lenken, Ein-
fluss auf die Volkswirtschaft nehmen, 
technisch-organisatorische, arbeitswis-
senschaftliche und statistische Arbeiten 
in Hinblick auf Verwertbarkeit in der 
Praxis initiieren sowie entsprechende 
Aufklärungsarbeit leisten: „Die Arbeit-
nehmerInnen erachten es als eine der 
wichtigsten Aufgaben des ÖKW, nach 
Möglichkeit auf die Investitionspolitik 
innerhalb der Volkswirtschaft Einfluss 
zu nehmen.“ Allerdings konnte das 
ÖKW diese ursprünglich von AK und 
Gewerkschaften gestellten Anforderun-
gen durch seine Konzentration auf be-
triebswirtschaftliche Maßnahmen nie 
ganz erfüllen. 
Zwar versuchte das ÖKW in den 
1930er-Jahren noch über Arbeiten zur 
Energiewirtschaft und zum Verkehrs-
wesen Einfluss auf die gesamtwirtschaft-
liche Entwicklung zu nehmen, verlor je-
doch nach seiner Wiederbegründung in 
der Zweiten Republik durch seine Kon-
zentration auf rein betriebswirtschaft-
liche Agenden an Bedeutung. Hinsicht-
lich seiner Gründung stellt es jedoch 
einen Meilenstein in der Geschichte frü-
her sozialpartnerschaftlicher Instituti-
onen dar.
Ausschaltung der Selbstverwaltung
Mit der Ausschaltung der Selbstverwal-
tung der Arbeiterkammern und dem Ver-
bot der Freien Gewerkschaften 1934, mit 
der dadurch bedingten Emigration des 
AK-Referenten Hans Mars nach England 
sowie nicht zuletzt durch die verheeren-
den Folgen der 1930 einsetzenden Welt-
wirtschaftskrise fanden die ersten Ansät-
ze einer „gewerkschaftlichen Rationali-
sierungspolitik“ ihr vorläufiges Ende. Die 
damals erarbeiteten Erkenntnisse und 
betriebsdemokratischen Forderungen 
blieben jedoch aktuell. Sie wurden zu ei-
nem nicht geringen Teil Grundlage für 
die gewerkschaftliche Politik nach 1945. 
„Sicherheit, Gesundheit und Arbeit“
Viele der in der Zweiten Republik von 
ÖGB und Arbeiterkammer auf gesetzli-
cher Ebene und von den Gewerkschaften 
auf kollektivvertraglicher Basis durchge-
setzten Errungenschaften finden sich be-
reits in deren Forderungen zur Gestaltung 
menschenwürdiger Arbeitsverhältnisse in 
der Zwischenkriegszeit. Nicht zuletzt ge-
hen auch die heutigen Abteilungen der 
AK Wien „Sicherheit, Gesundheit und 
Arbeit“ und „Betriebswirtschaft“ auf das 
1926 gegründete „Referat für Rationali-
sierung, Arbeitswissenschaft und Arbei-
terschutz“ zurück.
Internet:
AK-Referat Sicherheit, Gesundheit und Arbeit: 
tinyurl.com/ns9752q
AK-Referat Betriebswirtschaft: 
tinyurl.com/q7tsgj7
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Der Obmann des Bundes der Industrieangestellten 
(einer Vorläuferorganisation der GPA-djp) Richard 
Seidel stellte dazu fest: „Es wäre falsch, wenn  
sich die Gewerkschaften den notwendigen Ratio-
nalisierungsbestrebungen widersetzen würden. 
Die Gewerkschaften können nicht zulassen, dass 
die Rationalisierung vor allem auf Kosten der 
 ArbeitnehmerInnen und nur zugunsten der Unter-
nehmer durchgeführt wird.
        

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