Full text: Ober sticht Unter (9)

Arbeit&Wirtschaft 9/2013 15Schwerpunkt
Arbeitsverträge. Einer AK/ÖGB-Befra-
gung (2012/3) von rund 2.600 Beschäf-
tigten zufolge, versehen Firmen die vor-
gelegten Arbeitsverträge bewusst und 
immer häufiger mit Klauseln, die, grob 
gesagt, zwei wesentliche Stoßrichtungen 
verfolgen: Einerseits fordern Firmen – 
im aufrechten Arbeitsverhältnis – völlige 
Flexibilität und Verfügbarkeit von den 
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern 
ein, andererseits bauen sie massive Hür-
den auf, wenn es darum geht, den Ar-
beitgeber zu wechseln, etwa weil eine 
neue, besser bezahlte und/oder interes-
santere Arbeitsstelle zur Verfügung 
steht.
Viele der dabei in Frage kommenden 
Vereinbarungen sind grundsätzlich zu-
lässig, sie überspannen aber die Grenzen 
dessen, was gemeinhin als fair erachtet 
wird. Oft finden sich auch Klauseln, bei 
denen für Juristinnen und Juristen von 
vornherein klar ist, dass sie rechtlich 
nicht gedeckt sind. Den Betroffenen ist 
dies aber oftmals nicht klar, was dazu 
führt, dass auch diese an sich unwirk-
samen Klauseln für die Betroffenen un-
angenehme Folgen nach sich ziehen. 
Einseitige Flexibilität
Die Erfahrungen aus der Praxis zeich- 
nen hier ein Besorgnis erregendes Bild: 
Arbeitsplätze werden oftmals nur unter 
der Bedingung angeboten, dass die vom 
Arbeitgeber vorformulierten Bedingun-
gen zu 100 Prozent akzeptiert werden. 
Viele beugen sich diesem Diktat, weil 
sie Angst haben, sich sonst die Chance 
auf den Arbeitsplatz zu verbauen. Wer 
heute Arbeit sucht, muss allzu oft 
 nachgeben! Überaus problematisch ist es 
auch, wenn individuelle Freiheitsgrade 
und Gestaltungsautonomie durch nach-
teilige Klauseln in Arbeitsverträgen be-
schnitten werden und Menschen zum 
Spielball der Wirtschaft werden. Etwa 
wenn mit Hilfe von All-in-Entgelten die 
korrekte Verrechnung von Überstun-
denentgelt ausgehebelt und Mehrleis-
tungsverpflichtungen – oft sogar jenseits 
der gesetzlich zulässigen Grenzen – ab-
verlangt werden, oder Konkurrenzklau-
seln, die in der von Flexibilität geprägten 
Welt genau selbige verhindern. Flexi-
bilität zugunsten der Beschäftigten sieht 
anders aus.
Krankmachende Flexibilität
Regelmäßige überlange Arbeitszeiten 
bzw. der Umstand, dass rund 40 Prozent 
krank in die Arbeit gehen, sind Ausdruck 
der ungleichen Machtverteilung zwi-
schen Arbeit und Kapital. Besonders in 
Zeiten hoher Arbeitslosigkeit schaffen 
kaum verhandelbare und aufoktroyierte 
Arbeitsverträge sowie die ständige Angst 
um den Job(-verlust) jene Rahmenbedin-
gungen, unter denen gesundheitsgefähr-
dende Überbeanspruchungen, Präsentis-
mus und Selbstausbeutung zum leiten-
den Prinzip für die ArbeitnehmerInnen 
werden. Wie passt das zu Forderungen 
andernorts, wo länger arbeiten im Sinne 
der Lebensarbeitszeit eingefordert wird? 
Die mangelnde Bereitschaft der Un-
ternehmen, eine ausreichend hohe Per-
sonaldecke zu haben bzw. für einen ge-
sundheits- und qualifikationserhalten- 
den Ausgleich zu sorgen (z. B. Aus- und 
Weiterbildung, alternsgerechte Arbeits-
bedingungen, Gesundheitsförderung, 
Prävention etc.), verursacht letztendlich 
hohe gesellschaftliche Kosten und indi-
viduelles Leid, das vermeidbar wäre. 
Unternehmen sind gefordert
Mehr Flexibilität der Unternehmen ist 
insbesondere im Umgang mit Wieder-
einsteigerinnen und -einsteigern, Men-
schen mit gesundheitlichen Einschrän-
kungen, Geringqualifizierten, Migran-
tinnen und Migranten sowie anderen 
benachteiligten Gruppen notwendig. 
Mittel- und langfristig sind die damit 
verbundenen Investitionen in die Beleg-
schaften und deren Wertschätzung je-
denfalls betriebswirtschaftlich lohnend. 
Ein vertrauensvolles Miteinander, das 
Innovation und Produktivität entlang 
der gesamten Erwerbskarriere fördert, ist 
sicher nachhaltiger und erfolgverspre-
chender als eine weitere „Entfesselung“ 
durch Deregulierung der Arbeits- und 
Sozialstandards.
Internet:
Unfaire Klauseln in Arbeitsverträgen:
tinyurl.com/pop6875
Fakten zur Verteilung der Einkommen 
und zur Arbeitszeit:
tinyurl.com/olnhxzt
Schreiben Sie Ihre Meinung  
an die Autoren
christian.dunst@akwien.at
adi.buxbaum@akwien.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at
Wenn nämlich der grundsätzlich  positiv 
 geprägte Begriff der Flexibilität in der Arbeits-
welt zum ausschließlichen Synonym für ein-
seitige Veränderungen und Verlängerungen der 
 Arbeitszeiten, für Einkommensverluste durch 
überstundenzuschlagsvermeidende neue 
 Arbeitszeitformen wird oder in Forderungen 
mündet, die eine Verschiebung kollektiv-
vertraglicher Regelungsbefugnisse auf die 
 Betriebsebene vorsehen, dann wird diese 
 „Flexibilität“ jedenfalls zur Einbahnstraße 
 zulasten der ArbeitnehmerInnen.
©
 Ö
GB
-V
er
la
g/
Pa
ul
 S
tu
rm
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.